Jürgen Baltes

Stehen musste dieses Mal niemand beim Bürgerempfang im Kursaal, zu dem Oberbürgermeister Jan Zeitler nach zwei Jahren Corona-Zwangspause am Sonntag erstmals wieder geladen hatte. Reichten in früheren Jahren die 500 Stühle oft kaum aus, waren diesmal nur etwa zwei Drittel der Plätze besetzt.

Dabei hatte Oberbürgermeister Jan Zeitler durchaus Interessantes zu berichten: etwa noch nie dagewesene Gewerbesteuereinnahmen von 16,8 Millionen Euro für 2022. „Das ist Rekord in der Geschichte Überlingens“, sagte der OB, der ursprünglich mit nur 11 Millionen Euro gerechnet habe. Es zeige, wie gut es der hiesigen Wirtschaft gehe. Und es verschaffe der Stadt finanziell etwas Luft. Etwa für das 35 Millionen Euro teure Pflegezentrum am Krankenhaus mit geplanten 126 Plätzen oder das neue Feuerwehrgebäude bei Alt-Birnau für 7,8 Millionen Euro – einschließlich 300 000 Euro teurem Übungsturm.

Ein wesentliches Element des Bürgerempfangs: das anschließende Netzwerken.
Ein wesentliches Element des Bürgerempfangs: das anschließende Netzwerken. | Bild: Jürgen Baltes

Kramer-Areal ist Thema in Ansprache

Was die Stadt und die Bürger dieses Jahr besonders beschäftigen dürfte, ist die Bebauung des sechs Hektar großen Kramer-Areals am Osthafen. Denn hier wird es nun konkret. Das Ziel laut Zeitler: „Eine Mischung aus Wohnen, Gewerbe, sozialen und kulturellen Einrichtungen zu schaffen, die das Wohnen nicht wesentlich stören.“ Was genau damit gemeint ist, darüber sollen die Überlinger bei einer Einwohnerversammlung am 2. März im Kursaal informiert werden. Da geht es etwa um die mögliche Wohndichte, Sozialquoten oder Kinderbetreuung.

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Ein weiterer Pflichttermin für jeden Interessierten ist der 26. Januar im Feuerwehrhaus. An diesem Tag sind erstmals alle Bürger zur „Klimawerkstatt“ eingeladen. Dort wird die neue Klimaschutzmanagerin der Stadt, Melissa Siegl, ihre Arbeit vorstellen. Vor allem aber solle hier wirklich jeder mit seinen Ideen zum Thema zu Wort kommen dürfen. In diesem Zusammenhang berichtete Zeitler, dass im März endlich die neue Solarthermie-Anlage am Aufkircher Knoten in Betrieb gehen wird und wie die Verkehrsberuhigung in der Jakob-Kessenring-Straße genau geplant ist. Die Bauarbeiten für den Kreisel vor der früheren Klosterapotheke sollen bis spätestens Mitte 2023 beginnen. Später soll dann ein Poller ab elf Uhr morgens die Jakob-Kessenring-Straße sperren.

Die quirlige Margret Leitz (links), ehemalige Vorsitzende des Überlinger Montessori-Vereins, sorgt mit den anderen Trachtenfrauen gerne ...
Die quirlige Margret Leitz (links), ehemalige Vorsitzende des Überlinger Montessori-Vereins, sorgt mit den anderen Trachtenfrauen gerne für die Verpflegung der Gäste im Überlinger Kursaal. | Bild: Jürgen Baltes

Weitere Neuigkeiten: Noch diesen Monat soll ein Vertrag über ein Projekt zur Vermeidung von Obdachlosigkeit unterzeichnet werden, kündigte Zeitler an, für das man 550 000 Euro Zuschüsse erhalten habe. Das städtische Sachgebiet Integration werde in Kürze von Stuttgart für seine gute Arbeit ausgezeichnet. Außerdem hat Überlingen eine komplett neue Internetseite. Und im Juni soll das Sound Beach Festival den Auftakt für Veranstaltungen auf dem Landesgartenschaugelände bilden. Zeitlers Rückblick 2022 zierten indes wieder Bilder der LGS 2021. Wobei „es damit jetzt auch mal gut ist“, wie ein Zuhörer raunte.

Doch warum kommen die Leute eigentlich zum Bürgerempfang, der 2012 von Zeitlers Vorgängerin Sabine Becker ins Leben gerufen wurde? „Wegen der Musik und der netten Gespräche“, sagte eine ältere Dame, die von der Empore aus lauschte und „jedes Jahr dabei ist“. Angela Fuchs etwa, gebürtige Nußdorferin und stellvertretende Ortsvorsteherin, kommt unter anderem zum Netzwerken – und um für den neuen Landschaftspflegeverein zu werben, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Nußdorfer Kulturlandschaft zu erhalten. Annelore Overbeck indes, die vor 16 Jahren nach Überlingen kam und hier durchs Museum führt und Gästebegrüßungsfahrten moderiert, erfreut sich „an allem“ – den Gesprächen oder der musikalischen Untermalung der Stadtkapelle. „Hier treffe ich viele, die ich sonst das ganze Jahr nicht sehe. Das ist ein Stück Heimat“, sagte sie.

Jan Zeitler erzählt beim Bürgerempfang im Kursaal, was in der Stadt 2023 Wichtiges ansteht.
Jan Zeitler erzählt beim Bürgerempfang im Kursaal, was in der Stadt 2023 Wichtiges ansteht. | Bild: Jürgen Baltes

Karl-Heinz Streibich ist Gastredner

Unterdessen gab Gastredner und Neu-Überlinger Karl-Heinz Streibich den Gästen einiges Nachdenkliche mit auf den Weg. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Darmstädter Software AG, der erst kürzlich im Kursaal seinen 70. Geburtstag feierte, fragte nach dem Zustand unsere Gesellschaft, brachte etwa wachsende Armutsschere, die Zunahme an Depressionen oder fehlenden Fortschrittsgeist ins Spiel – bis hin zum Vergleich mit der deutschen Nationalelf. Er wünsche sich wieder den „Veränderungswillen, Mut und Optimismus unserer Väter und Großväter“ zurück, so der Ex-Manager. Zum Abschluss gab es bei üppiger Verpflegung durch die Trachtenfrauen viel Zeit für ausgiebige Gespräche. Denn im Kern scheint der Bürgerempfang vor allem eins: ein großes Netzwerk-Treffen.