Was wäre Überlingen ohne den See? Im Mittelalter niemals aufgestiegen zu einem überregional bedeutenden Handelsknoten. Denn während das Gewässer heute vor allem wegen seiner Schönheit geschätzt wird, war in früheren Jahrhunderten seine Funktion als Transportweg von überragender Bedeutung. Und deshalb ist, bei der einmaligen Aufführung des Stücks „Iburinga“ auf der Seebühne der Landesgartenschau (LGS), der See auch zu Recht „Protagonist“, wie ihn Produzentin und Regisseurin Barbara Stoll mit einer Handbewegung Richtung Wasser vorstellt. Ursprünglich schrieb Stoll das Stück zum 1250. Jubiläum Überlingens für den Museumsgarten, dem die Stadt, die darin ja die Hauptrolle spielt, zu Füßen liegt. Doch der See taugt natürlich auch als reizvolle Kulisse.

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Stück mit sozialkritischem Begleitton

Die neun Vorstellungen vergangenes Jahr im Museumsgarten waren ruckzuck ausverkauft. Deshalb freuen sich etliche Zuschauer, dass sie es nun bei der Landesgartenschau erstmals sehen können. Darunter sind etwa Münster-Kantorin Melanie Jäger-Waldau und Brigitte Rammelt, denen die Aufführung aus der Seebühne sehr gut gefällt.

Verdienter Applaus: Dem Publikum gefällt der Blick in die Überlinger Geschichte auf der Seebühne der Landesgartenschau.
Verdienter Applaus: Dem Publikum gefällt der Blick in die Überlinger Geschichte auf der Seebühne der Landesgartenschau. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Doch auch ein wiederholtes Anschauen lohnt sich, weil man die – unveränderten – Texte Stolls und die musikalische Inszenierung von Jerry Willingham beim zweiten Mal teils noch intensiver rezipiert. So dringt der sozialkritische Begleitton in den sechs durchaus kurzweiligen Episoden, die die Stadtgeschichte von der Alemannenzeit bis zum Dreißigjährigen Krieg illustrieren, noch deutlicher ins Bewusstsein. Unter anderem wird die blutige Zwangschristianisierung der Alemannen ebenso thematisiert wie, am Beispiel des 1527 verbrannten Pfarrers Johannes Hüglin, die gnadenlose Verfolgung der frühen Protestanten.

Wiederaufnahme des Stücks 2022?

Die Adaption der Inszenierung an die Seebühne war nicht ganz einfach, sagt Barbara Stoll. Und es sei auch schwierig gewesen, im eng getakteten Veranstaltungskalender der LGS einen Termin dafür zu finden, betont Annette Stoll-Zeitler vom LGS-Green-Team, die unter anderem für Veranstaltungen zuständig ist. Deshalb bleibt „Iburingas“ Premiere auf der Seebühne ein singuläres Ereignis und es wird 2021 wegen der Gartenschau auch andernorts keine weitere Vorstellung geben.

„Iburinga“, eigentlich für den Museumsgarten konzipiert, erfährt eine einmalige Neuinszenierung auf der Seebühne der Landesgartenschau.
„Iburinga“, eigentlich für den Museumsgarten konzipiert, erfährt eine einmalige Neuinszenierung auf der Seebühne der Landesgartenschau. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Doch OB Jan Zeitler, der nach der Vorführung ein langes Gespräch mit Barbara Stoll führt, stellt auf SÜDKURIER-Nachfrage eine Wiederaufnahme des Stücks 2022 in Aussicht. „In diese Richtung geht‘s“, meint Zeitler. Man habe dann auch wieder andere Optionen, was Spielstätten angehe. Seine bevorzugte Variante für „Iburinga“ sei der Museumsgarten. Aber Zeitler verweist des Weiteren auf die anstehende Sanierung der ehemaligen Kapuzinerkirche: „Unser Ziel ist auch, ein ganzjähriges Angebot zu schaffen, nicht alles auf die Sommermonate zu konzentrieren.“ Denkbar sei ebenfalls, die verschiedenen Spielstätten zu kombinieren und eventuell sogar das Münster einzubeziehen.

Der schwedische General Horn (Gerhard Polacek) kann es nicht fassen, dass er Überlingen nicht einnehmen kann. Die Bevölkerung (Katja Uffelmann, Martin König, Robert Atzlinger) leistet der Belagerung 1634 erfolgreich Widerstand.
Der schwedische General Horn (Gerhard Polacek) kann es nicht fassen, dass er Überlingen nicht einnehmen kann. Die Bevölkerung (Katja Uffelmann, Martin König, Robert Atzlinger) leistet der Belagerung 1634 erfolgreich Widerstand. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Stadtpfarrer Bernd Walter scheine für solche Ideen durchaus offen zu sein. Der Oberbürgermeister ist überzeugt: „Die Nachfrage und Offenheit in der Stadt sind da“, was ein solches kulturelles Angebot angehe. Barbara Stoll, gebürtige Überlingerin, ist derselben Ansicht. Sie sei auch gerne bereit, sich einzubringen, versichert Stoll, die in Stuttgart lebt und über vielfältige Verbindungen in die Kulturszene verfügt. Nur wenige Stunden nach der „Iburinga“-Aufführung steht Stoll, deren unverwechselbare Stimme von vielen SWR- und arte-Sendungen bekannt ist, selbst als Sängerin und Rezitatorin auf der Bühne. Zusammen mit dem Ensemble 2.06 präsentiert sie das Musik- und Poesie-Programm „Seehelden – Bands und Künstler aus der Region“.

Die drei Bodensee-Sirenen in ihrem Element.
Die drei Bodensee-Sirenen in ihrem Element. | Bild: Sylvia Floetemeyer