Eine Synagoge in Konstanz, eine Synagoge in St. Gallen, ein Haus der Versammlung in Lindau, jüdische Museen in Gailingen und Hohenems sowie Gedenkorte: Die öffentlichen Orte jüdischen Lebens am Bodensee sind schnell aufgezählt. Doch wer den Diskussionen von Minia Joneck vom Verein Jüdische Gemeinde Konstanz und Historiker Helmut Fidler lauscht, merkt schnell, dass es da noch viel mehr gibt: Facetten, Farben und Schichten. Einerseits die Geschichte der Juden, die weit über den Holocaust hinausgeht. Andererseits die Frage danach, wie Juden heute am Bodensee leben und was sie sich für die Zukunft wünschen.

Minia Joneck, Verein Jüdische Gemeinde Konstanz.
Minia Joneck, Verein Jüdische Gemeinde Konstanz. | Bild: Rindt Claudia

Festjahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

In der Veranstaltungsreihe „Jüdisches Leben am Bodensee“ werden im Zuge des aktuellen Festjahrs „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ deshalb Einblicke in die vielseitige Geschichte der Gemeinschaft gewährt. Vorgesehen sind Vorträge und Konzerte rund um den Bodensee. Der Verein Jüdische Gemeinde Konstanz, in dem sich liberale Juden versammeln, und das Alevitische Bildungswerk Sah Ibrahim Veli kooperieren dazu. Auch das Landratsamt und die Katholische Erwachsenenbildung des Bodenseekreises sind an dem Programm beteiligt.

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„Es ist unsere Erinnerungskultur, die wir pflegen wollen“, nennt Helmut Fidler den Ansporn für die Reihe „Jüdisches Leben am Bodensee“. Anlass ist das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Grenzübergreifend engagieren sich seit vielen Jahren Menschen – unter ihnen Ortshistoriker und Archivare, um die Geschichte der Juden am Bodensee aufzuarbeiten und zu dokumentieren – sie führt durch die Jahrhunderte. „Was noch fehlt, ist eine Zusammenarbeit der verschiedenen Einrichtungen am Bodensee“, merkt der Konstanzer Historiker an. Mit den geplanten Einzelveranstaltungen soll nun daran erinnert werden, was war. Viele Umbrüche kennzeichnen diese jüdische Vergangenheit.

Das Programm

Historiker Fidler sagt: „Die jüdische Geschichte ist auch eine Geschichte der Teilnahme und Integration, nicht nur der Verfolgung.“ Es gab Zeiten, in denen Christen und Juden miteinander auskamen, friedlich nebeneinander lebten, ehe Ereignisse folgten, „die zu brutalsten Vernichtungen führten“. Juden seien oft zu Projektionsflächen geworden, so Fidler. Überlieferungen in Archiven erzählten am ehesten von Konflikten. Doch es lasse sich auch vieles Anderes ablesen, erläutert Fidler, der Autor des Buchs „Jüdisches Leben am Bodensee“ ist.

Helmut Fidler, Konstanzer Historiker: „Die jüdische Geschichte ist auch eine Geschichte der Teilnahme und Integration, nicht nur der Verfolgung.“
Helmut Fidler, Konstanzer Historiker: „Die jüdische Geschichte ist auch eine Geschichte der Teilnahme und Integration, nicht nur der Verfolgung.“ | Bild: Archiv

Die Religionsfreiheit und die Gleichstellung in Baden waren Meilensteine, die auch für die Juden Positives mit sich brachten. Ab 1862 konnte man sich beliebig niederlassen. Gesellschaftliche Verbesserungen und religiöse Toleranz ermöglichten Teilhabe. Zum Beispiel in Bürgerausschüssen, sagt Minia Joneck. Fidler und Joneck sprechen von wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Beiträgen über die Jahrhunderte. Fidler erwähnt unter anderem Kurt Hahn, der die Schule Schloss Salem mit gründete, und das Erziehungskonzept entscheidend prägte.

Weshalb gibt es keine Synagogen im Bodenseekreis?

Überlingen war im Mittelalter einmal ein Zentrum jüdischen Lebens gewesen. Grabsteinfragmente des mittelalterlichen jüdischen Friedhofes werden im Städtischen Museum aufbewahrt. „Wer seinen Friedhof und seine Synagoge, seine rituellen Bauten errichtet, sagt: Ich gehöre hierher“, erläutert Helmut Fidler. Später nahm die Stadt Überlingen allerdings keine Juden mehr auf. Das galt ebenfalls für Langenargen. Sie lebten eher an der Schweizer Grenze. Denn in der Schweiz durften sie Handel treiben. „Nach 1862 gab es Juden, die in Überlingen gelebt haben. Heute leben Juden in Meersburg. Friedrichshafen hat eine jüdische Geschichte – auch Stockach. Aber es war nicht so, dass sich große Gemeinden und Synagogen entwickelt hätten“, antwortet Minia Joneck auf die Frage, weshalb es im Bodenseekreis heutzutage keine Synagogen gibt.

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Mit den politischen Entwicklungen zum Zweiten Weltkrieg hin wandelte sich die Stimmung schließlich wieder. Juden flohen aus den Städten, dann aus Deutschland. Auf der Höri richteten jüdische Landwirte eine Auswanderungsstelle ein. „Die Landwirte suchten Leute, die die Qualifikationen mitbrachten, die vor Ort gebraucht wurden“, erzählt Helmut Fidler. Zufluchtsort war beispielsweise Amerika. Wer hierblieb, war den Schrecken des Holocaust ausgeliefert.

Laut Minia Joneck waren es nach dem Zweiten Weltkrieg 300 000 Juden, die in Deutschland lebten. Vor allem osteuropäische Juden, von denen ein Großteil wieder ausgewandert sei. Diejenigen, „die nicht wegkonnten, weil ein Familienmitglied zu krank war oder weil sie keinen Mut hatten, saßen 20 Jahre lang auf gepackten Koffern“, sagt Joneck. „Displaced Persons“ nennt sie diese Menschen. Ein Begriff, der nach 1945 für die Millionen Menschen genutzt wurde, die nicht an ihrem Heimatort waren.

Wunsch nach einem Stationenweg rund um den See

Helmut Fidler sagt über die Zeit, die ab den 70ern folgte: „Die letzten 50 Jahre sind wieder eine Phase der Integration und Annäherung.“ Er spricht über das jüdische Leben, das beispielsweise in Konstanz sichtbar wird, „wenn Bar Mitzwa“ war, die Feier zum Erreichen der religiösen Mündigkeit im Judentum. Minia Joneck weist indes aber auch auf politische Bewegungen hin, „die einem Angst machen“. Dennoch: „Im Moment ist die Entwicklung so, dass viele Juden, die hier leben wollen, sich aufregen, wenn man ihnen die Nationalität abspricht.“ Juden gehören oder sehnen sich nicht automatisch nach Israel. Joneck fühlt sich am Bodensee zu Hause – so wie viele andere. Wunsch wäre ein dauerhafter Stationenweg entlang des Bodenseeufers, der die Zugehörigkeit zeigt.

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