Mehr als ein Jahr ist vergangen, seit dem Spatenstich auf dem Überlinger Weltacker im April 2019. Aber Pflanzen wachsen und gedeihen bekanntlich auch, wenn der eigentliche Anlass für das Projekt, die Landesgartenschau (LGS), verschoben werden musste.

Über 50 Kulturen sind angebaut

Auf 2000 Quadratmetern zeigen Projektleiter Benjamin Fäth und sein Team in Andelshofen, was es ihrer Meinung nach braucht, um die Menschheit zu ernähren. Über 50 Kulturen zu den Themen Nahrung, Futter für Nutztiere, Bioenergiepflanzen, Textilien und Genussmitteln, wie zum Beispiel Tabak, sind angebaut. Sie sollen ausgehend vom Modell der Berliner Zukunfststiftung Landwirtschaft veranschaulichen, dass auf dieser Fläche wächst, was ein Mensch braucht um sich ein Jahr lang zu ernähren. Dem globalen Charakter des Experiments, bezogen auf die Weltbevölkerung, wurde auch in Überlingen Rechnung getragen.

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Ein Drittel der angebauten Lebensmittel wird weggeschmissen

„Wir bauen hier allerdings einen italienischen Trockenreis an, der Reis steht ja sonst in Terrassen im Wasser“, erklärt der Demeter-Landwirt Benjamin Fäth. Die südamerikanische Maniok-Pflanze wurde ersetzt durch eine alte lila Kartoffelsorte. Häufig finden sich auf dem Weltacker Kulturpflanzen regionaler Ausprägung aus dem Saatgut alter Hofsorten. Die Botschaft hinter dem Experiment ist: „Es ist genug für alle da, mit der vorhandenen Ackerfläche der Welt lassen sich zwölf Milliarden Menschen ernähren“, sagt Fäth. Dem Landwirtschaftsmeister ist es wichtig zu betonen, „dass weltweit ein Drittel der angebauten Lebensmittel weggeworfen wird. Also, was kann ich ganz konkret in meinem Alltag für Artenschutz, und den Erhalt gesunder Böden tun, diese Fragen versuchen wir mit unserem Weltacker ein Stück weit zu beantworten“.

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Obwohl die LGS in diesem Jahr in Überlingen nicht stattfindet, ist der Weltacker für Interessierte und vor allem für Schulklassen als Lernort geöffnet. Täglich von 8 bis 20 Uhr kann man diesen begehen und an den sechs verschiedenen Lernstationen Antworten auf Fragen zur landwirtschaftlichen Nutzung der Böden erhalten. „Tank oder Teller“ ist so eine Frage und meint, ist es sinnvoll Energie vom Acker zu holen, wie beispielsweise durch Maisanbau. Was mag ein Wurm? Wie kann ich einen kleinen Kompost auf meinem Balkon anlegen? Diese und andere Fragen werden ebenfalls beantwortet, und es gibt ein Statement zum Verzehr von Fleisch: „Esst Fleisch, aber weniger und von heimischen Weidetieren“, so der Landwirtschaftsmeister.

Ehrenamtliche Helfer beim Gärtnern gesucht

An den Ackersamstagen zwischen 14 und 18 Uhr finden Führungen von rund einer Stunde Dauer statt. Benjamin Fäth weist auf ein Corona-Hygiene-Konzept auf dem Weltacker hin. Er würde sich über weitere ehrenamtliche Helfer beim Gärtnern sehr freuen. Zeitnah wolle man auch Schulen anschreiben. Lehrer könnten ihre Klassen aber schon jetzt mit Hilfe der Internetseite anmelden. „Unsere Hauptzielgruppe sind ja die Schüler“, sagt Fäth. Die Verschiebung der LGS finde man zwar schade, habe aber jetzt genug Zeit Erfahrungen zu sammeln, um dann im nächsten Jahr für beide Standorte, Andelshofen und die Menszinger-Gärten auf dem LGS-Gelände fit zu sein, erklärt der Projektleiter des Überlinger Weltackers. Nun freue man sich im gesamten Team über möglichst viel Interesse in der Bevölkerung, und habe einiges zu bieten, auch an kulturellem, „bei uns steht auch mal ein Klavier auf dem Acker“, lacht Benjamin Fäth.

Schulterschluss mit Schlak angeboten

Benjamin Fäth, der Projektleiter des Weltackers.
Benjamin Fäth, der Projektleiter des Weltackers. | Bild: privat

Benjamin Fäth, Projektleiter des „Überlinger Weltackers“ und Demeter-Landwirt, bietet Victor Schlak, der in der Überlinger Kleingartenanlage St. Leonhard auf brachliegenden Flächen, die der Stadt Überlingen gehören, Gemüse zum Wohle der Allgemeinheit angebaut hat, den Schulterschluss an. Schlak wurde für seine unerlaubten Pflanzungen von der Stadt Überlingen verklagt, ein Urteil ist am 7. Juli zu erwarten. „Mit unserem Weltacker-Projekt weisen wir auf die globale Misere zum Thema Ernährung der Weltbevölkerung hin und zeigen auf unserem Acker bei Andelshofen, dass dieses mit nur 2000 Quadratmetern Fläche pro Mensch möglich sein kann. Direkt vor unserer Haustüre müssen wir die Aktion Menschenacker von Herrn Schlak jetzt unbedingt unterstützen, um möglichst auch hier vielen Menschen den Zugang zu gesunden Lebensmitteln zu ermöglichen, denn Herr Schlak baut ja die Kartoffeln und Kräuter schließlich nicht für sich selbst an“, so Fäth. Die Initiative Weltacker sei gut vernetzt, und man könne sich eine Petition zugunsten des Menschenackers vorstellen, regt Fäth den Schulterschluss mit Victor Schlak an. Auch wolle er sich mit Schlak in Verbindung setzen, um zu überlegen, wie eine Hilfe seitens des Weltackers für Schlak aussehen könnte.

Verhalten der Stadt nicht nachvollziehbar

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„Projekte wie ‚unsere essbare Stadt‘ erhalten überall Preise, in Überlingen hagelt es dafür eine Klage“, begründet Fäth seinen Unmut. Vollkommen unfassbar sei für ihn das Verhalten der Stadtverwaltung in dieser Angelegenheit, die für eine Klage gegen Victor Schlak noch hohe Anwaltskosten investiere, anstatt alles daran zu setzen, freie Flächen für das Gemeinwohl bereit zu stellen. Was dieses Verhalten für eine Wirkung gerade auch an junge Menschen ausstrahle, sei wohl allen klar, nur nicht den Überlinger Stadtverantwortlichen, meint der Demeter-Landwirt. Der Ackerboden ist für Fäth eines der kostbarsten Güter, die der Mensch besitze. Man könne nicht von einer Agrarwende in Deutschland sprechen, um dann so zu handeln, argumentiert Fäth. „Ich rate der Stadt, auf ihre Bürger und Initiativen zu hören, und möchte hier eine klare Haltung zeigen“, erklärt er. „Diese Aktion von Herrn Schlak ist in der heutigen Zeit genau richtig. Überlingen setzt hier ein völlig falsches Signal und macht sich dadurch absolut unglaubwürdig!, ist der Projektleiter des Weltackers überzeugt.

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