Die aktuelle Kriminalitätsstatistik weist den Bereich ZOB und Bahnhof in Überlingen als nicht besonders kritisch aus. Die gefühlte Wirklichkeit ist eine andere. „Für junge Frauen ist es sehr unangenehm, hier abends oder in der Dunkelheit auf einen Bus oder Zug warten zu müssen“, sagt Julia Sonntag. Die 17-jährige Schülerin beschreibt, dass sich dort vor allem an den Wochenenden junge Erwachsene träfen, hauptsächlich Männer, die nicht selten Alkohol konsumieren. „Wenn man dort vorbeigeht, werden einem Kommentare hinterhergerufen. Man fühlt sich verbal bedrängt.“ Solche Vorfälle kommen meist nicht zur Anzeige und tauchen daher auch in keiner Statistik auf.

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Zu den Sprüchen komme noch die Ungewissheit: Was könnte als Nächstes passieren?

Julia Sonntag berichtet, dass sich eine Freundin hier schon sexuelle Anspielungen anhören musste. Zu den Sprüchen komme noch die Ungewissheit: Wie betrunken sind die Männer? Was könnte als Nächstes passieren? Auch Julia Sonntags Mutter kann ein Beispiel beisteuern. Im vergangenen Herbst ging sie mit einer Freundin die Spitalgasse hoch zum Parkhaus. Hinter ihnen nahm eine Gruppe junger Erwachsener den gleichen Weg. Plötzlich knallte direkt hinter den Frauen eine Flasche auf den Boden und zersprang. Nach dem großen Schreck kam die Angst, angegriffen zu werden. Die Frauen kamen heil nach Hause, aber die Unsicherheit blieb. Überlingen hat viele kleine, nicht gut einsehbare Gassen.

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Josefa Gitschier analysiert: „Solche Momente führen zu Angst – und gerade wenn man allein unterwegs ist zum Gefühl der Hilflosigkeit.“ Die Psychologin ergänzt, dass solche Situationen eine traumatische Wirkung haben können, je nach Konstitution der betroffenen Person. Oft würden Frauen mit Sprüchen konfrontiert, die das Selbstwertgefühl angreifen. „Hier kommt es darauf an, wie resistent oder selbstbewusst die Person ist und ob sie darüber stehen kann oder an einem wunden Punkt getroffen wurde“, erläutert Gitschier weiter. Auch die momentane Verfassung spiele eine Rolle. Bei Menschen, die einen schlechten Tag hatten oder deren Selbstwertgefühl angekratzt sei, wirkten verbale Angriffe heftiger.

Julia Sonntag demonstriert, dass es am Bahnsteig bereits tagsüber unangenehm ist, alleine auf den Zug zu warten.
Julia Sonntag demonstriert, dass es am Bahnsteig bereits tagsüber unangenehm ist, alleine auf den Zug zu warten. | Bild: Sabine Busse
„Für junge Frauen ist es sehr unangenehm, hier abends oder in der Dunkelheit auf einen Bus oder Zug warten zu müssen.“
Julia Sonntag, 17 Jahre alt

„Dieser Bahnhof ist sehr unangenehm!“, schließt sich Josefa Gitschier der Meinung von Julia Sonntag an. Die Leiterin der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche rät dazu, sich aktiv mit der Situation auseinanderzusetzen. Dazu gehöre es, lieber gut beleuchtete und belebte Straßen zu nehmen, auch wenn das einen Umweg bedeute. Auf keinen Fall provozieren lassen und die Sprücheklopfer ignorieren sowie Abstand halten. „Am besten nicht allein unterwegs sein und einen Selbstverteidigungskurs belegen“, fügt sie hinzu. Wer in einem Kurs Strategien gelernt habe, mit solchen Situationen umzugehen, trete selbstbewusster auf. „Und das sieht jeder!“

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Julia Sonntag wünscht sich einen öffentlichen Diskurs über die Problematik

Julia Sonntag, die Mitglied des Jugendgemeinderats ist, wünscht sich einen öffentlichen Diskurs über die Problematik. „Die Polizei oder andere Sicherheitskräfte müssten an den Wochenenden dort präsenter sein“, sagt sie. Für ihre persönliche Sicherheit sorgen zurzeit vor allem ihre Eltern. Die holen sie entweder direkt unten am Bahnsteig ab oder geben ihr das Geld für ein Taxi.

 

Das alles habe auch mit fehlenden Treffpunkten für junge Leute in Überlingen zu tun, ergänzt die 17-Jährige. Früher hätten sich viele Jugendliche abends im Park bei der Therme aufgehalten. Der Bereich ist jetzt Teil der Villengärten und damit eingezäuntes Landesgartenschau-Gelände. Laut Julia Sonntag verteilten sich seitdem die unterschiedlichen Gruppen über die ganze Stadt und wären damit schlechter zu vermeiden.

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