Louis, 9 Jahre alt, steht ungefähr 10 Minuten vor der Tür im Jugendheim Linzgau und wartet darauf, für sein pädagogisches Training eingelassen zu werden. Die Ärztin im Raum wartet ebenfalls und bemerkt nicht, dass jemand vor ihrer Tür steht. Als sie nachschauen will, wo der Junge denn bleibt, öffnet sie die Tür und sieht ihn wartend vor sich. Auf die Frage, warum er nicht rein gekommen sei, antwortet er: „Wegen der Kontaktsperre habe ich gedacht, ich darf nicht klopfen.“

Kinder und Jugendliche im Linzgau kennen kein Home-Office

Die „Linzgau Kinder- und Jugendhilfe e.V.“ in Überlingen-Deisendorf steht in Zeiten von Corona vor einer besonderen Herausforderung. Roland Berner, der Vorstandsvorsitzende des Vereins, sagt: „Wenn es aktuell darum geht, für Menschen da zu sein, dann denkt man zu allererst an die alten Menschen und solche, die der Pflege bedürfen. Das ist wichtig und auch gut so. Vielen ist aber nicht bewusst, dass auch wir im Linzgau in den Wohngruppen rund um die Uhr, 7 Tage die Woche, mit unseren Mitarbeitern für die Kinder und Jugendlichen da sind, für sie sorgen. Dabei versuchen wir auch bei unseren ambulanten Angeboten, wo es irgendwie möglich ist, den Kontakt zu den Eltern zu halten und ihnen in schwierigen Situationen zur Seite zu stehen und sie zu beraten.“

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Die Mitarbeiter seien in der Jugendhilfe immer wieder mit neuen, sich verändernden und herausfordernden Situationen des Alltags und des sozialen Miteinanders in Berührung. Roland Berner sagt: „Selbstverständlich ist die Situation der letzten Tage und Wochen für uns als Einrichtung und unsere Mitarbeiter herausfordernd. Wir können in dieser Zeit jedoch auf unsere Partner, unsere Mitarbeiter und die jungen Menschen und deren Familien zählen – gemeinsam machen wir „das beste daraus“.

Bildung macht keine Pause wegen Corona

„Das Recht auf Bildung ist auch in Zeiten des Coronavirus nicht ausgesetzt“, sagt Berner. Auch wenn die jungen Menschen dieses Recht nicht vehement einfordern, wäre man doch gefordert, die Bildungsangebote und Unterstützung weiterhin anzubieten und aufrecht zu erhalten. So seien die Schule und deren Außenstandorte zwar geschlossen, aber die Lehrkräfte würden weiterhin Unterrichtsmaterialien für die Schüler bereitstellen, hätten weiterhin teils mehrmals Kontakt zu den Schülern und Familien und unterstützten die Wohngruppen.

Neue digitale Wege

Das Kinder- und Jugendheim gehe wegen Corona auch neue digitale Wege und vernetze sich mit Videokonferenzen und Webinaren. Derzeit erproben sie neue technische Möglichkeiten, die durch den Digitalpakt der Bundesregierung weiter ausgebaut werden können. Derzeit baut das Heim einen internen Blog auf, den sie als digitales Magazin für die Schule und die Wohngruppen nutzen wollen. Hier ist ein Redaktionsteam aus Kindern, Jugendlichen, sowie Pädagogen geplant, die Artikel verfassen, Videos und Audioreportagen produzieren oder Bilder erstellen. Diese werden dann im Blog geteilt.

Für die Idee und Entwicklung ist Alex Friedrichs, Medienpädagoge der Einrichtung, verantwortlich. Ein Informatiker unterstützt ihn dabei. Friedrichs sagt: „Wir haben am Anfang überlegt: Wie können wir schauen, dass wir in Verbindung bleiben und etwas interessantes für die Jugend machen. Dann dachten wir, wir bauen ein soziales Netzwerk oder Online-Magazin für alle in der Einrichtung auf. So können wir die Gruppen überall vernetzen.“ Es sei auch eine Online Zeitung für die Einrichtung geplant. Der Medienpädagoge sagt: „Da können wir die Kinder gut einbringen, auch mit Videokonferenzen und Webinaren. Themen können hier dann auch mit den Jugendlichen zusammen entwickelt werden.“

Schutz vor Covid-19

Der Vorstandsvorsitzende Roland Berner sagt: „Momentan befinden wir uns in der glücklichen Lage, keine am Coronavirus erkrankten jungen Menschen oder Mitarbeiter bei uns zu verzeichnen. Dies kann sich natürlich jederzeit ändern und wir sind mit vereinten Kräften aktiv, eine Infektion und eine gegebenenfalls daraus resultierende Kettenreaktion in unserer Einrichtung zu vermeiden. Den jungen Menschen ist es teils schwer zu vermitteln, dass bei dem sonnigen Wetter Treffen mit Freunden und gemeinsame Ausflüge als Gruppe nicht erlaubt sind. Heimbeurlaubungen sind derzeit nur noch reduziert möglich. Besuche von außen sind verboten. Wir suchen nach Möglichkeiten, wie die Kinder weiterhin gut mit ihren Eltern in Kontakt sein können.“

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An den Vormittagen habe man jeweils Lerngruppen auf den einzelnen Wohngruppen gebildet, bei dem jeweils eine Lehrkraft und eine Fachkraft als Tandem arbeiten. Damit wolle man unnötige Wechsel vermeiden. Hinzu käme die Aufgabe, Kindern und Jugendlichen die Situation zu erklären und die Hygienemaßnahmen bewusst zu machen. Berner sagt: „Dies ist vor allem im Kinderbereich eine Herausforderung, wenn Umarmungen und Nähe nicht möglich sind.“ Stattdessen hat sich die Jugendhilfe etwas anderes ausgedacht. Täglich überlegen sie sich eine neue Geste, als Ersatz für die Umarmung. An einem Tag habe beispielsweise das Peace-Zeichen die Umarmung ersetzt.

Mehr Schutzausrüstung gefordert

Roland Berner bemängelt die Ausstattung von Schutzausrüstung für die Einrichtungen der Jugendhilfe. Man beachte diese zu wenig. Daher sei es wichtig und notwendig, im Bereich der Jugendhilfeeinrichtungen aufzustocken und notwendige Materialen zu beschaffen. Des Weiteren gestalte sich die Einkaufssituation als schwierig, da der Bedarf einer Wohngruppe schon als Hamsterkauf missverstanden wurde. Hier gebe es mittlerweile aber Absprachen mit den großen Einkaufsmärkten und Berechtigungen, größere Mengen einkaufen zu können. Der Vorstandsvorsitzende ist sich sicher, dass die kommenden Wochen noch schwieriger werden. Dennoch sagt er: „Ich bin aber zuversichtlich, dass wir auch dies meistern werden.“

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