Die dreijährige Sofie liegt schreiend und strampelnd auf dem Boden des Supermarkts. Ihre Mutter wollte sie gerade wieder in den Sitz des Einkaufswagens hieven, um sie davon abzuhalten, die Regale auszuräumen. Jetzt drehen die ersten Kunden neugierig die Köpfe und sehen Mutter und Tochter erwartungsvoll an. "Steh sofort auf und stell dich nicht so an!", herrscht sie das Kind mit hochrotem Kopf an. Diesen Satz kennt sie von ihren Eltern. Den wollte sie eigentlich nie zu ihrem Kind sagen.

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"Wenn wir unter Stress stehen, löst das oft Automatismen aus, die wir aus unserer Kindheit kennen", erläutert Ulrike Neumann. "Das können Verhaltensweisen sein, die Gefühle aus der eigenen Kindheit auslösten oder Muster, wie die Eltern damals reagiert haben." Die Sozialpädagogin bietet ein Achtsamkeits-Meditationstraining für Erziehende an.

Dabei richten die Teilnehmer erst einmal den Blick auf sich selbst, lernen dabei, was Stress mit ihnen macht und wie sie mithilfe von Meditationstechniken Ruhe und Entspannung finden können. Mit etwas Übung könne man dann in solchen Situationen darauf zurückgreifen und erst einmal innehalten, statt vorschnell zu reagieren. "Das ist wie bei den Sicherheitsregeln im Flugzeug: Erst sich selbst und dann dem Kind helfen", beschreibt das Ulrike Neumann.

Angebot von Beratungsstelle und Familientreff

Die Sozialpädagogin arbeitet seit einem Jahr bei der Psychologischen Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Caritas in Überlingen. Sie hat an ihrem früheren Wohnort bereits mehrere Achtsamkeits-Meditationstrainings für Eltern angeboten. Die Kurse in Überlingen finden ab März in Kooperation mit dem Familientreff Kunkelhaus statt.

Eltern können eigene Rolle reflektieren

Dort gibt es einen Raum, der den Teilnehmern einen idealen Rahmen bietet, um an acht Abenden jeweils zwei Stunden meditieren zu lernen und ihre Rolle zu reflektieren. "Teilnehmen können Eltern, Großeltern oder Tagesmütter", erklärt Neumann und fügt hinzu: "Also alle, die Erziehungsdruck spüren und dem Optimierungszwang entfliehen möchten." Dabei nähmen sich die Eltern oder Erziehenden zunächst selbst in den Blick. Bei der liebevollen Betrachtung kämen viele positive Emotionen und gemeinsame Erlebnisse ins Bewusstsein, die dann neue Sichtweisen ermöglichen.

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"Der Druck, der heute auf den Familien lastet, ist hoch", ergänzt Martina Fahlbusch-Nährig, Mitarbeiterin des Jugendamts und Leiterin des Familientreffs. Die Expertinnen kennen die Anforderungen, die Familien heute zu stemmen haben. Beide Eltern sind oft berufstätig, der Haushalt muss erledigt und die Termine für Schule und Freizeit der Kinder organisiert werden. Wenn dann der Nachwuchs nicht mitspielt, kommt es zu vorschnellen oder reflexhaften Reaktionen.

Ulrike Neumann (links) und Martina Fahlbusch-Nährig.
Ulrike Neumann (links) und Martina Fahlbusch-Nährig. | Bild: Sabine Busse

Wer regelmäßig meditiere, lerne zur Ruhe zu kommen und sich selbst besser zu verstehen. Das sei die Basis, um Strategien zu entwickeln, die einen in der nächsten herausfordernden Situation gelassener reagieren lassen, so Ulrike Neumann. "Man sollte zu sich kommen und nicht außer sich sein." Ein Beispiel: Statt dem Teenager den Internetzugang zu kappen, könne man erst einmal überlegen, was einem wirklich wichtig sei. Wer Angst habe, dass die Hausaufgaben vor lauter Mediennutzung zu kurz kommen, könne sich darauf fokussieren und den Machtkampf ums WLAN vermeiden.

Patentrezepte für Eltern gibt es nicht

Sofies Mutter müsse also bei sich anfangen, um beim nächsten Mal einen Ausraster der Kleinen zu vermeiden. Patentrezepte gebe es leider nicht, macht die Sozialpädagogin deutlich. Aber vielleicht treffe die junge Mutter im Achtsamkeitskurs auf Eltern von Teenagern. "Es ist oft für alle interessant, die Sichtweisen von Eltern zu erfahren, deren Kinder gerade in einer ganz anderen Phase sind", weiß Neumann.