Die neuen Auszubildenden haben in dieser Woche ihren ersten Arbeitstag. Im Großraum Überlingen sind dennoch nicht alle Ausbildungsplätze besetzt. 230 unbesetzte Stellen gab es noch am 20. August, wie Walter Nägele sagt, Pressesprecher der Bundesagentur für Arbeit in Konstanz. Die meisten Auszubildenden fehlen ihm zufolge in kaufmännischen Berufen (siehe gelber Kasten). Für Nägele ist das dennoch eine gute Auslastung: "Wir haben seit Jahren mehr Ausbildungsplätze als Auszubildende." Einen Trend, nach dem immer weniger Ausbildungsstellen besetzt würden, gebe es demnach nicht.

Gespräche mit den ansässigen Firmen bestätigen das. Bei HSM, Hersteller von Pressen und Aktenvernichtern in Frickingen, sind von 22 Stellen nur noch zwei unbesetzt. Melanie Smith aus der Personalabteilung sieht den Grund für die freien Stellen im geringen Bekanntheitsgrad der Ausbildungsberufe: Gesucht werden noch ein Verfahrensmechaniker und ein Beschichtungstechniker. Diese Ausbildungen würden "einfach nicht so wahrgenommen", wie Smith sagt. Sie würde sich wünschen, dass schon früh vermittelt werde, "dass es auch andere spannende Berufe gibt".

Bei Allweier, einem Hersteller für Präzisionsteile in Überlingen, sind alle Ausbildungsstellen besetzt, genauso wie der Platz für ein duales Studium. Die Firma sucht jetzt schon Auszubildende für das Ausbildungsjahr 2019. Ähnlich sieht es bei Rafi Eltec aus, Hersteller von Elektrotechnik in Überlingen. Dort haben zum September fünf Auszubildende und ein dualer Student angefangen: "Wir haben bisher immer alle Stellen besetzen können", sagt Kerstin Bosch aus der Personalabteilung.

Auslastung hängt von Branche ab

Im Hotel- und Gaststättengewerbe ist die Lage oft komplizierter. Benjamin Danzeglocke, Vorsitzender der Fachgruppe Ausbildung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) im Bodenseekreis, beschreibt die Personalsuche als "recht schwierig". Für seinen Landgasthof zum Adler in Überlingen-Lippertsreute habe er "massiv gesucht und kaum jemanden gefunden". Als Gründe sieht er die unattraktiven Arbeitszeiten in der Branche sowie bürokratische Hürden gerade bei Arbeitskräften, die aus dem Ausland kommen: "Ich würde mir an manchen Stellen Vereinfachungen wünschen", sagt Danzeglocke. Oft seien sowohl Betrieb als auch Auszubildende sehr glücklich miteinander – und dennoch drohe die Abschiebung. "Wir brauchen die Arbeitskräfte", bekräftigt er. Das bestätigt Horst Müller, Vorsitzender des DEHOGA im Bodenseekreis: "Wir haben nicht alle offenen Stellen besetzt bekommen." In den vergangenen Jahren sei es schwieriger geworden. Auch Müller sieht das in "sozialen Softfacts" wie den Arbeitszeiten begründet.

Tatsächlich hängt die Suche nach Auszubildenden stark von der Branche ab. Sebastian Schmäh, Inhaber von Holzbau Schmäh in Meersburg, ist sehr zufrieden mit der Ausbildungssituation in seinem Betrieb. Obwohl er anfangs nur nach einem Auszubildenden pro Jahr gesucht hatte, sind es inzwischen fast immer drei bis vier. "Viele davon lernen den Beruf auch auf dem zweiten Weg", sagt Schmäh. Ebenfalls dabei sind Quereinsteiger, die vorher etwa studiert haben. Aus Schmähs Sicht werden momentan zumindest handwerkliche Ausbildungsberufe gesellschaftlich wieder aufgewertet: "Ich nehme da einen Wertewandel wahr." Wer bis jetzt noch keinen Ausbildungsplatz gefunden hat, muss die Hoffnung nicht aufgeben: "Es lohnt sich auch jetzt noch, sich zu bewerben", sagt Walter Nägele von der Bundesagentur für Arbeit. Die Stellen dafür seien vielerorts noch da, außerdem gebe es fast immer die Möglichkeit, etwas später einzusteigen: "Es ist immer noch alles drin." Für die Zukunft rät Nägele beiden Seiten, etwas flexibler zu sein. Angehende Auszubildende sollten sich "nicht nur auf einen Beruf fixieren" und Unternehmen nicht nur an ihren Wunsch-Azubi denken. "Beide Seiten müssen sich etwas bewegen."