Nitrate und Phosphate im Abwasser hat das Klärwerk in Seefelden im Griff und erspart sie dem Bodensee durch bislang drei Reinigungsstufen – beim Phosphat aus Sicht der Bodenseefischer sogar zu gut. Doch insbesondere die anthropogenen Spurenstoffe, dazu gehören unter anderem Medikamente und Hormone, bereiten den Verantwortlichen mittlerweile Sorgen. Schon seit 2011 beobachtet der Abwasserzweckverband (AZV) Überlinger See, der das Klärwerk betreibt, auch die Zunahme weiterer bedenklicher Mikroverunreinigungen, die vom Menschen privat oder gewerblich verursacht sind: vom Röntgenkontrastmittel bis zum Rostschutzmittel. Beklagt wird dies auch von den Wasseraufbereitern wie der Bodenseewasserversorgung (BWV), die mehr als vier Millionen Menschen im Land mit Trinkwasser versorgt.

Kosten stiegen von 3,5 auf 6 Millionen Euro

Im November 2017 hatte die Verbandsversammlung daher schon beschlossen, eine vierte Reinigungsstufe zu bauen – im Anschluss an die mechanische Vorreinigung, die Entfernung von Nitrat durch Mikroorganismen und die chemische Fällung von überschüssigem Phosphat. Hatte der Verband die Kosten damals noch auf rund 3,5 Millionen Euro geschätzt, sind daraus inzwischen fast 6 Millionen geworden. Denn aufgrund der Tests im vergangenen Jahr stellte sich heraus, dass am Ende wider Erwarten doch eine zusätzliche Filteranlage erforderlich ist.

Ozonung und Sandfilter

Zur Beseitigung der bedenklichen Verunreinigungen soll eine Ozonung des Abwassers im Verlauf der dritten Reinigungsstufe dienen, eine Behandlung mit der hochreaktiven Sauerstoffmodifikation, die die unerwünschten Spurenstoffe über eine Oxidation zerlegt. Lediglich über die Art der erforderlichen Nachbehandlung hatte noch keine Klarheit bestanden. Als Alternativen standen eine erneute Behandlung mit Mikroorganismen, die weitere Filter erspart hätte, oder eine sonst eher übliche Sand- oder Kohlefiltration zur Debatte.

Versuchsreihe mit zwei alternativen Möglichkeiten

In Zusammenarbeit mit dem Institut für Siedlungswasserwirtschaft der Universität Stuttgart und der Ingenieurberatung für Abwassertechnik aus Stuttgart testete der Zweckverband von Juni bis September 2018 die beiden Alternativen auf ihre Tauglichkeit für das Klärwerk. Für die 40 000 Euro teure Versuchsreihe erhielt der Verband einen Landeszuschuss von 50 Prozent. Die Ergebnisse stellte der technische Leiter Christian Stüble der Verbandsversammlung vor.

Zwar hatte nicht nur der Abbau der Spurenstoffe durch Ozonierung den gewünschten Erfolg, auch die Nachbehandlung der Reaktionsprodukte gelang. So konnte zum Beispiel der schmerzlindernde Wirkstoff Diclofenac, der unter anderem in Voltaren-Produkten enthalten ist, zu 95 Prozent aus dem Abwasser eliminiert werden.

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Allerdings zeigte sich diese Stufe als nicht „betriebsstabil“, wie es Stüble formuliert. Bei der Behandlung mit Bakterien habe die Reinigungsleistung nach einer gewissen Zeit nachgelassen. Vor allem aber setzte sich der entstehende Schlamm zu schnell ab und verstopfte die weitere Ableitung. Bei der Nachbehandlung mit Sandfilter erwies sich die Stufe als langfristig stabil. Diese zu bauen, schlug Stüble dem Gremium daher vor, das dies einhellig befürwortete.

Beschlossen wurde die Beauftragung der Planung und Vorbereitung der Ausschreibung durch ein Ingenieurbüro. Im Jahr 2020 soll mit dem Bau der vierten Klärstufe begonnen, 2021 soll sie voraussichtlich fertiggestellt werden.

Abwassergebühr steigt auch aufgrund der Investitionen

  • Der Zweckverband Abwasserbeseitigung Überlinger See wurde 1966 gegründet. Von Anfang an Mitglied waren Überlingen, Meersburg, Nußdorf, Daisendorf, Hödingen,?Oberuhldingen, Unteruhldingen und Mühlhofen. Mehrere Jahre lang dauerte die Suche nach einem Grundstück, 1970 begann die Planung des Klärwerks in Seefelden. Baubeginn war 1973. In diesem Jahr wurden auch Bambergen, Deisendorf, Owingen und Stetten als neue Verbandsmitglieder aufgenommen. 1974 ging das Klärwerk in Betrieb, die Baukosten summierten sich auf rund 48,5 Millionen DM. Wichtig wurde später insbesondere die Ausfällung des Phosphats, das Ende der 1970er Jahre mit nahezu 100 Milligramm pro Kubikmeter Seewasser seinen Höchststand erreichte und für eine Überdüngung des Bodensees sorgte. Inzwischen ist der Gehalt wieder auf rund sechs Milligramm zurückgegangen, den Wert der 1950er Jahre. Das Klärwerk hat eine Kapazität von 70 000 Einwohnergleichwerten, ein Begriff, unter dem auch die gewerblichen Abwässer subsummiert werden. Deshalb liegt diese Summe deutlich über der Zahl der Menschen, die im Einzugsgebiet leben.
  • Die Überlinger Abwassergebühr steigt: Nicht nur wegen der großen Investitionen in das Klärwerk Seefelden, die nach einem Einwohnerschlüssel unter den Mitgliedsgemeinden aufgeteilt werden, hat der Gemeinderat eine Erhöhung der Abwassergebühren beschlossen. Denn bei der Kalkulation der Gebühren fallen auch Investitionen für das Pumpwerk in Nußdorf (220 000 Euro), die Kläranlage in Bonndorf oder die Nutzung der Anlage Obere Salemer Aach ins Gewicht. Die Schmutzwassergebühr beträgt seit 1. Januar 1,67 Euro je Kubikmeter (bisher 1,64 Euro), die Niederschlagswassergebühr beträgt künftig 0,31 Euro je Quadratmeter versiegelter und an die Kanalisation angeschlossener Fläche (bisher 0,26 Euro). Ein Vergleich im Bodenseekreis: Am teuersten waren 2018 die Gemeinden Heiligenberg (2,82 und 0,49 Euro) und Neukirch (2,71 und 0,22 Euro), am billigsten waren Meersburg (1,33 und 0,25 Euro) und Sipplingen (1,44 und 0,61 Euro). Seit Einführung der gesplitteten Abwassergebühr bezahlt auch die Stadt für die Straßenentwässerung, in diesem Jahr voraussichtlich knapp 545 000  Euro.