Es kommt Bewegung in die Diskussion um die Notunterkunft für Frauen am Rande des Entsorgungszentrums Füllenwaid. Nachdem die Notunterkunft auch im Gemeinderat zum Thema gemacht wurde, fanden zwischenzeitlich Gespräche mit dem Sozialdezernenten des Bodenseekreises, Ignaz Wetzel, im Sozialausschuss statt. Es ging um die baulichen Zustände der Baracken, die Lage am Stadtrand und die Versorgung der Bewohnerinnen durch einen Sozialdienst.

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Er sei auch nicht glücklich über die Zustände in der Notunterkunft, sagte Oberbürgermeister Jan Zeitler im Gemeinderat vor wenigen Wochen. Er könne aber nicht alles sofort verändern, was wünschenswert wäre.

Daraufhin meldete sich nun der Kranken- und Gesundheitspfleger Thomas Buneta, der in der Notunterkunft beruflich seit sieben Jahren Sozialdienst leistet: „Ich erachte das Handeln respektive das Nicht-Handeln der Stadt Überlingen als menschenverachtend.“ Die Lebensbedingungen der Frauen in der Überlinger Notunterkunft an der Füllenwaid seien „menschenverachtend und grausam.“

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Der Mitautor des „Lehrbuchs Psychiatrische Pflege“ argumentiert, die Frauen bräuchten am dringendsten Wohnungen, das würde ihre Lage entscheidend verbessern. Der selbstständig arbeitende Krankenpfleger aus Salem unterstützt die Frauen bei Behördengängen, Hilfe bei der Wohnungssuche und der Bewältigung des praktischen Lebens. Aktuell betreut er seit zwei Jahren eine Bewohnerin; er kennt aber auch die anderen Frauen an der Füllenwaid. Für einige war er in der Vergangenheit tätig. Wohnungen für die teilweise seit vielen Jahren in den Baracken lebenden Frauen wäre die entscheidende Verbesserung ihrer Lage und nicht weiterhin die Unterbringung in einer Sammelunterkunft, selbst wenn diese Unterkunft jetzt verbessert oder sogar erneuert würde, sagt er.

„Laut der Seewolf-Studie von 2016 sind 90 Prozent der wohnungslosen Menschen psychisch krank, auch Suchtverhalten spielt eine große Rolle. Das sind meist die Gründe für die Situation, in der sich diese Menschen befinden.“ Thomas Buneta, Kranken- und Gesundheitspfleger aus Salem
„Laut der Seewolf-Studie von 2016 sind 90 Prozent der wohnungslosen Menschen psychisch krank, auch Suchtverhalten spielt eine große Rolle. Das sind meist die Gründe für die Situation, in der sich diese Menschen befinden.“ Thomas Buneta, Kranken- und Gesundheitspfleger aus Salem | Bild: Fregate Island Private

Buneta sitzt im Vorstand der Deutschen Fachgesellschaft für Psychiatrische Pflege (DFPP) und ist Mitglied im Verband der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAGW). „Die Frauen dort oben an der Mülldeponie müssen raus aus der Wohnungslosigkeit, dann kann ihre Behandlung erfolgen und danach klappt auch meist die Integration“, stellt Buneta fest. „Laut der Seewolf-Studie von 2016 sind 90 Prozent der wohnungslosen Menschen psychisch krank, auch Suchtverhalten spielt eine große Rolle. Das sind meist die Gründe für die Situation, in der sich diese Menschen befinden“, sagt Buneta. Es handele sich hier oft um traumatisierte Menschen, die kein großes Potential für ein Konfliktmanagement zur Verfügung haben. Genau deshalb käme es dann in der unfreiwilligen Enge der Unterbringung auch zu Konflikten, die nicht selten mit Gewalt und Polizeieinsätzen endeten, sagt der Insider.

Kontroverse Diskussion

Psychosoziale Angebote, wie beispielsweise Psychotherapie, könnten bereits jetzt freiwillig von den Bewohnerinnen der Notunterkunft in Anspruch genommen werden, sagt Buneta. Eine Zwangsverpflichtung dazu gebe es allerdings nicht. Eine Einzelfallhilfe, wie Buneta sie beruflich leistet, könne durch das Bundes-Teilhabe-Gesetz im Rahmen der Eingliederungshilfe mit einem formlosen Antrag gestellt werden. Einzelfallhilfe gebe es ja bereits auf Antrag und diese muss laut Bundessozialhilfegesetz immer personenbezogen sein. Bezahlt werde diese Leistung dann vom Landkreis, sagt Buneta, und widerspricht damit Oberbürgermeister Jan Zeitler, der diesbezüglich eine Kostenübernahme durch Friedrichshafen anmahnt.

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