Premiere in Überlingen: Erstmalig findet hier eine Deutsch-Israelische Jugendbegegnung statt, die sich an die unter 18-Jährigen richtet. Bislang durften nur Volljährige teilnehmen, jetzt begegnen sich auch die 16- bis 18-Jährigen. „Es ist ein Pilotprogramm. Wir haben gemerkt, dass Bedarf besteht“, sagt Karl Rosner, Geschäftsführer Deutsches Jugendherbergswerk Baden-Württemberg.

Die Jugendbegegnung ist eine pädagogisch begleitete Gruppenreise, zehn Deutsche treffen auf zehn Israelis. Zusammen verbringen sie jeweils eine Woche in beiden Ländern. Ergänzt wird das Programm durch Workshops, bei denen die Teilnehmer über Identität und Diversität sprechen. Kommuniziert wird per Dolmetscherin. Die Begegnung soll den Austausch ermöglichen, interkulturelle Fähigkeiten fördern, den Horizont der Jugendlichen erweitern und zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen. Angeboten wird die Jugendbegegnung vom Deutschen Jugendherbergswerk und dem israelischen Jugendherbergsverband. Seit mehr als 15 Jahren findet das Programm in verschiedenen Jugendherbergen Deutschlands statt.

Martin-Buber-Jugendherberge für solche Begegnungen gedacht

Überlingen ist zum dritten Mal Ort des Austauschs. Fünf Tage übernachten die Jugendlichen in der Martin-Buber-Jugendherberge. Dass es diese Jugendherberge heute gibt, ist dem jüdischen Millionärssohn Werner Haberland zu verdanken. Er stiftete 1970 sein ganzes Vermögen und ermöglichte so den Neubau der dem Verfall drohenden Jugendherberge. Seine Vision: Sie soll zum Ort deutsch-israelischer Begegnung werden. „Er wollte, dass genau das passiert, was jetzt an diesem Ort passiert“, erklärt Oswald Burger, Experte für die jüdische Geschichte Überlingens.

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Dass an der Jugendbegegnung jetzt auch jüngere Interessierte teilnehmen können, sei sinnvoll, sagt Hadar Shai, israelische Jugendbegleiterin. „Gerade in diesem Alter beschäftigt man sich mit Fragen wie ‚Wo will ich hin?‘, ‚Was interessiert mich?‘, ‚Was will ich mitnehmen ins Erwachsenenalter?‘. Der Austausch bringt in diesem Alter mehr, man lernt mehr über sich und formt seine Identität“, übersetzt die Dolmetscherin. Auch Oberbürgermeister Jan Zeitler begrüßt den Austausch der Jugendlichen: „Junge Menschen können unvoreingenommen aufeinander zugehen und sich austauschen.“ Er appelliert an die Teilnehmer, „mit offenen Augen durch die Welt zu gehen“.

Prominenz in der Martin-Buber-Jugendherberge: Anlässlich der Deutsch-Israelischen Jugendbegegnung sind Karl Rosner, Geschäftsführer Deutsches Jugendherbergswerk Baden-Württemberg, Oberbürgermeister Jan Zeitler und Überlingen-Experte Oswald Burger gekommen. Auch die Jugendherbergsleiterin Agnes Weppler ist vor Ort (von links).
Prominenz in der Martin-Buber-Jugendherberge: Anlässlich der Deutsch-Israelischen Jugendbegegnung sind Karl Rosner, Geschäftsführer Deutsches Jugendherbergswerk Baden-Württemberg, Oberbürgermeister Jan Zeitler und Überlingen-Experte Oswald Burger gekommen. Auch die Jugendherbergsleiterin Agnes Weppler ist vor Ort (von links). | Bild: Judith Brouwers

Hinter den Jugendlichen liegt bereits eine Woche Aufenthalt in Israel. Zusammen haben sie Tel Aviv, Jerusalem und Mitzpe Ramon, den Heimatort der israelischen Teilnehmer, besichtigt. Für Ori Ben Ezra, einen 16-jährigen Israeli, war besonders wertvoll, dass die Jugendlichen nach Israel gekommen sind: „Es ist wichtig, dass die Deutschen selbst kommen und sich das Land angucken und die Realität sehen, nicht nur das, was das Fernsehen zeigt“, übersetzt die Dolmetscherin. Der 16-jährige Leo Wetzstein aus Lautrach hatte vor dem Austausch ein ganz andere Vorstellung von Israel: „Man sagt ja immer, Israel sei so gefährlich. Das kommt einem dann vor wie ein komplett militarisiertes Land. Aber als ich hingekommen bin, war es ein ganz normales Land, man kann sich frei bewegen – nur die Polizisten haben größere Waffen.“ Auch die 17-jährige Paula Zwolenski aus Berlin wusste zuerst nicht, was sie in Israel erwarten würde: „Als wir dann da waren, hab ich gemerkt: Das ist eine offene Gruppe, alle sind total herzlich.“ Für sie sei besonders toll gewesen, ein Land aus der Perspektive eines Einheimischen kennenlernen zu dürfen.

„Es ist wichtig, dass die Deutschen selbst kommen und sich das Land angucken und die Realität sehen, nicht nur das, was das Fernsehen zeigt.“ Ori Ben Ezra aus Mitzpe Ramon, 16 Jahre
„Es ist wichtig, dass die Deutschen selbst kommen und sich das Land angucken und die Realität sehen, nicht nur das, was das Fernsehen zeigt.“ Ori Ben Ezra aus Mitzpe Ramon, 16 Jahre | Bild: Judith Brouwers
„Man sagt ja immer, Israel sei so gefährlich. Das kommt einem dann vor wie ein komplett militarisiertes Land. Aber als ich hingekommen bin, war es ein ganz normales Land, man kann sich frei bewegen – nur die Polizisten haben größere Waffen.“ Leo Wetzstein aus Lautrach, 16 Jahre
„Man sagt ja immer, Israel sei so gefährlich. Das kommt einem dann vor wie ein komplett militarisiertes Land. Aber als ich hingekommen bin, war es ein ganz normales Land, man kann sich frei bewegen – nur die Polizisten haben größere Waffen.“ Leo Wetzstein aus Lautrach, 16 Jahre | Bild: Judith Brouwers
„Ich wusste zuerst nicht, was mich in Israel erwarten würde. Als wir dann da waren, hab ich gemerkt: Das ist eine offene Gruppe, alle sind total herzlich.“ Paula Zwolenski aus Berlin, 17 Jahre
„Ich wusste zuerst nicht, was mich in Israel erwarten würde. Als wir dann da waren, hab ich gemerkt: Das ist eine offene Gruppe, alle sind total herzlich.“ Paula Zwolenski aus Berlin, 17 Jahre | Bild: Judith Brouwers
„Auch wenn wir aus verschiedenen Ländern kommen: Weil wir alle in einem Alter sind, überwiegen doch die Gemeinsamkeiten.“ Yohai Marom aus Mitzpe Ramon, 16 Jahre
„Auch wenn wir aus verschiedenen Ländern kommen: Weil wir alle in einem Alter sind, überwiegen doch die Gemeinsamkeiten.“ Yohai Marom aus Mitzpe Ramon, 16 Jahre | Bild: Judith Brouwers

Ruti Biton, israelische Jugendbegleiterin, befürwortet die Möglichkeit der Jugendbegegnung. Vor allem für die israelischen Teilnehmer, die alle aus dem eher abgelegenen Ort Mitzpe Ramon kommen, sei es schwer, mit anderen Nationen in Kontakt zu kommen. Die 16-jährige Shira Gerafi hatte Israel vor dem Programm noch nie verlassen. „Ich bin extrem dankbar für den Austausch. Man lernt ein Land ganz anders kennen, als man es bei einem Urlaub tun würde“, übersetzt die Dolmetscherin. Das sieht auch der 16-jährige Yohai Marom so: „Es ist wichtig, mal aus seinem gewohnten Lebensraum herauszukommen, mal das komplette Gegenteil zu sehen“, gibt die Dolmetscherin wieder.

Letzter Tag, den die jungen Leute in Überlingen verbringen

Heute ist der fünfte Tag des Programms, morgen werden die Teilnehmer nach München weiterreisen, bevor der Austausch dann am Dienstag endet. In Überlingen lernten sie von Oswald Burger Teile der jüdischen Geschichte Überlingens kennen, fuhren nach Konstanz, besuchten eine Synagoge in Freiburg und aßen Schwarzwälder Kirschtorte. In München steht nun noch der Besuch des NS-Dokumentationszentrums an. Die Jugendlichen nehmen neue Erkenntnisse aus der Begegnung mit. Die 16-jährige Annika Gans sagt: „Man lernt viel über das andere Land, aber auch über sich selbst. Man bekommt eine ganz neue Perspektive.“ Der 16-jährige Yohai Marom resümiert: „Auch wenn wir aus verschiedenen Ländern kommen: Weil wir alle in einem Alter sind, überwiegen doch die Gemeinsamkeiten“, so übersetzt es die Dolmetscherin.

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