Der Wochenmarkt gehört zu den besonderen Attraktionen und Einkaufserlebnissen in der Innenstadt. Mittwochs und samstags sorgt er seit Jahren für lebendiges Treiben im Herzen der Stadt und hat seine Freunde in der ganzen Region. Während es auf dem Platz wuselt, zeigen die Verkaufsstände und -wagen den wenigen Geschäften und Cafés, die es hier noch gibt, quasi die kalte Schulter beziehungsweise drehen ihnen den nicht immer schönen Rücken zu. Dass dies manchen Einzelhändlern nicht gefällt und es ihnen ein Anliegen ist, die Markstände zu drehen, um mit ihren Schaufenstern von den Passanten besser wahrgenommen zu werden, ist nicht ganz neu. Schon in der Amtszeit der ehemaligen Oberbürgermeisterin Sabine Becker hatte es solche Überlegungen gegeben, die schnell wieder ad acta gelegt wurde. Warum ein Erfolgsmodell ändern, fragten sich die fliegenden Händler und fragen sich das heute wieder.

"Ein klares Nein!", sagt Herbert Schober, der Sprecher der Marktbeschicker. Der Diplom-Käse-Sommelier aus Singen-Bohlingen ist Tag für Tag in einer anderen Stadt, nur in Überlingen ist er zweimal. "Ich komme inzwischen seit 38 Jahren hierher", erklärt er, "und das ist in dieser Form der attraktivste Markt, den ich kenne. Die Struktur hat sich bewährt." Schober hat so seine Erfahrungen gemacht und weiß, wie viele Kunden ticken. "Als ich während des Weihnachtsmarkts oben auf dem Münsterplatz war, hat mich ein Kunde gefragt, ob ich hier neu bin? Er habe mich noch nie gesehen." Für ihn gebe es keinen Grund zur Umstrukturierung, sagt der Käsespezialist. Diese Meinung teilten alle Kollegen. "Ich weiß, wie viele Menschen aus der ganzen Region wegen des Wochenmarkts hierher kommen", erklärt Herbert Schober: "Davon profitieren auch die Cafés und die Einzelhändler."

"Ein klares Nein!": Käsesommelier und Marktbeschicker Herbert Schober aus Bohlingen kommt seit 38 Jahren nach Überlingen und sieht die besondere Attraktivität durch eine Neuorganisation gefährdet.
"Ein klares Nein!": Käsesommelier und Marktbeschicker Herbert Schober aus Bohlingen kommt seit 38 Jahren nach Überlingen und sieht die besondere Attraktivität durch eine Neuorganisation gefährdet. | Bild: Hanspeter Walter

Dies weiß auch Hansjörg Kübler, Betreiber des "Spectrum", das demnächst von der Greth hinunter an die Hofstatt zieht und dort sein Repertoire erweitert – in den Räumen der Firma König, die zuletzt von der Tanzschule genutzt worden waren. "Natürlich möchten wir auch einen Teil des Platzes nutzen", sagt Kübler. Er hielte es für wünschenswert, dass die Marktbeschicker ihre Stände drehten und eine zentrale Insel bildeten. Die Kunden könnten dann im Kreis um die Stände flanieren und zugleich die anderen Geschäfte in den Blick nehmen. Dass hier mittlerweile Baufirmen, Banken und Makler dominieren, gefällt Kübler gar nicht. Er hofft, mit seinem Angebot etwas gegenzusteuern. "Man könnte es ja einfach mal versuchen und wenn es schief geht, wieder ändern", gibt sich der Einzelhändler experimentierfreudig.

"Man kann es doch mal ausprobieren": Einzelhändler Hansjörg Kübler zieht mit seinem "Spectrum" demnächst von der Greth auf die Hofstatt und verspricht sich Vorteile von einer zentralen Anordnung der Stände.
"Man kann es doch mal ausprobieren": Einzelhändler Hansjörg Kübler zieht mit seinem "Spectrum" demnächst von der Greth auf die Hofstatt und verspricht sich Vorteile von einer zentralen Anordnung der Stände. | Bild: Hanspeter Walter

"Im Grunde kann ich beides verstehen", sagt Dagmar Schaupp, Leiterin des Amts für öffentliche Ordnung: "Man muss beide Seiten an einen Tisch holen und die Argumente austauschen." Bisher ist das allerdings noch nicht geschehen. Im Gemeinderat hatte Schaupp auf die Entwicklung eines Veranstaltungskonzepts für die innerstädtischen Plätze bei der Überlingen Marketing und Tourismus (ÜMT) verwiesen. Dies werde Ende Februar oder Anfang März dem Gemeinderat vorgelegt. In diesem Zusammenhang solle auch die Organisation und Orientierung des Markts beraten werden, hatte Schaupp erklärt.

"Auf uns ist die Stadt noch nicht zugekommen", erklärt Käsehändler Schober. Auf die Stadt zugekommen ist hingegen Hans-Jürgen Kübler schon wenige Tage, nach denen Wirtschaftsförderer Stefan Schneider im November just an einem Mittwoch und Markttag seinen Dienst angetreten hatte. Die Verkaufsstände gaben sogar den Rahmen für das Pressefoto ab. Zwei Seelen müssten hier in der Brust des Wirtschaftsförderers wohnen, denn ihm sollten beide Parteien wichtig sein. "Wir haben das Problem schon erörtert", sagt Schneider: "Ich will den Marktbeschickern nicht schaden. Aber einige Geschäfte sind an den Markttagen tatsächlich abgeschnitten." Ungeklärt sei allerdings auch noch, wo die Marktstände ihre Fahrzeuge unterbringen könnten und wie man die Stromversorgung in der Platzmitte lösen könnte. Schneider: "Wir werden mit den Beteiligten die Vor- und Nachteile besprechen, um zu einer guten Lösung für unseren Markt zu kommen." Unvoreingenommen will auch Oberbürgermeister Jan Zeitler an das Problem herangehen. "Die Geschäfte am Rande sind während der Marktzeiten tatsächlich etwas benachteiligt", kommentierte Zeitler eine Anfrage im Stadtrat: "Und wir wollen doch die Hofstatt insgesamt etwas attraktiver machen."

 

Plätze werden jährlich vergeben

  • Ein anderes Problem hat sich zumindest in der Theorie ganz automatisch aufgelöst. Ob es in Wohlgefallen ist, muss sich erst noch zeigen. Bisher standen beim Ordnungsamt rund 30 Interessenten auf einer Warteliste, die gern einen Platz auf dem Markt gehabt hätten, wie Dagmar Schaupp zuletzt vor dem Gemeinderat deutlich machte. Käsehändler Herbert Schober hat sogar mehr als 60 Interessierte auf seiner Liste. Unter anderem lag dies daran, dass viele der Marktbeschicker Dauerzulassungen hatten und nur selten einer das Feld geräumt hatte. "Mit der neuen Satzung muss auch die neue EU-Dienstleistungsrichtlinie angewandt werden", sagt Dagmar Schaupp. Konkret heißt dies, dass die Plätze Jahr für Jahr ausgeschrieben und nach festgelegten Kriterien wieder vergeben werden müssen. Regionalität der Erzeuger oder Händler, Qualität und Vielfalt des Angebots und ähnliches können dabei zugrunde gelegt werden.
  • Den Markt einfach flächenmäßig auf die Münsterstraße auszudehnen, ist aus Sicht des Ordnungsamts schwieriger, als dies auf den ersten Blick erscheinen mag. "Zum einen brauchen wir dies als Ausweichfläche, wenn die Hofstatt einmal mit anderen Veranstaltungen belegt ist", sagt Dagmar Schaupp. Zum anderen werde es ja in Richtung Pflummernplatz immer enger, der zugelassene Ausnahmeverkehr dürfe nicht ganz blockiert werden und vor allem müsse es für die Feuerwehr immer ein Durchkommen geben. Was bei den Krämermärkten allerdings auch nicht immer einfach wäre.