Im Mittelalter war nahezu die ganze Stadt außerhalb der Mauern mit Reben bepflanzt, die Weinproduktion war um ein Vielfaches höher als heute. Die Rebflächen gehörten und gehören – zumindest überwiegend – noch dem Spital- und Spendfonds und werden von der Familie Kress aus Hagnau bewirtschaftet. In Nußdorf schon seit vielen Jahren und neuerdings unterhalb des Parkhotels St. Leonhard bewirtschaftet das Stettener Weingut Aufricht einige Hektar.

Aller guten Dinge sind drei

Vor zwei Jahren bepflanzte dann Winzer Leo Maier aus Stetten die Hanglage unmittelbar unterhalb von Aufkirch mit knapp zwei Hektar und produziert seine ersten Trauben, die von der Spitalkellerei Konstanz verarbeitet werden. Was daraus werden wird, weiß allerdings auch dessen Mitinhaber und Kellermeister Hubert Böttcher bisher noch nicht. "Wir haben schon einige Ideen", sagt Böttcher: "Die sind aber noch nicht ganz ausgereift." Nur eines steht fest: Einen weiteren "Überlinger" kann und wird es nicht geben. Doch dazu später.

Die Aufkircher Reben liefern in diesem Herbst die erste nennenswerte Ernte. Verarbeitet und vermarktet werden sie von der Spitalkellerei Konstanz.
Die Aufkircher Reben liefern in diesem Herbst die erste nennenswerte Ernte. Verarbeitet und vermarktet werden sie von der Spitalkellerei Konstanz. | Bild: Hanspeter Walter Journalist-Texte-Bilder

"In diesem Jahr gibt es die erste nennenswerte Ernte", sagt Winzer Leo Maier, der sich in großer Zurückhaltung übt, was seine Pläne angeht. "Da muss man noch abwarten, das geht nicht so schnell", erklärt er: "Wir müssen erst mal schauen wie sich das alles entwickelt." Ein kleines Geheimnis macht Maier bei der Nachfrage des SÜDKURIER auch noch aus den Rebsorten, die er hier gepflanzt hat. "Rot und weiß, alles kreuz und quer", bleibt er noch sehr im Ungefähren. Wenn das so wäre, würde es Hubert Böttcher allerdings weniger gefallen, der Maier mit dem Spitalweingut bei der Rebarbeit und der Ernte unterstützt.

Leo Maier: "Am See auf einem Top-Niveau"

Mit seinem selbst ausgebauten Wein hatte sich Leo Maier in Stetten schon in den 1990er Jahren einen Ruf erworben, gab später allerdings den Betrieb ganz auf. Nach wie vor ist der Winzer Mitglied der Meersburger Weinbruderschaft und damit auf dem Laufenden, was die Branche angeht. "Wir sind hier inzwischen am See auf einem Top-Niveau", freut sich Maier. "Und die Leute haben ein richtiges Faible für Trauben und Wein entwickelt." Das scheint für ihn auch die Motivation gewesen zu sein, die Grundstücke unterhalb von Aufkirch zu erwerben und noch einmal einzusteigen.

Bis 2015 galten im Weinbau die "Rebaufbaupläne"

"Im Mittelalter haben auch hier Reben gestanden wie überall rund um Überlingen", weiß der Winzer aus Stetten. Vor einigen Jahren wären die Rebpflanzungen bei Aufkirch allerdings noch gar nicht möglich gewesen. Bis zum Jahr 2015 galten im Weinbau die sogenannten "Rebaufbaupläne", in denen die geeigneten und zulässigen Flächen für den Anbau von Reben vom zuständigen Regierungspräsidium in einer Flurkarte mit Lagebezeichnungen ausgewiesen worden waren.

Europäische Union führte neues Genehmigungssystem ein

Mit der Verordnung über die Gemeinsame Marktordnung ist in der Europäischen Union 2013 ein Genehmigungssystem für Rebpflanzungen eingeführt worden, das seit dem 1. Januar 2016 gilt. Zuständig für Genehmigung von Neuanpflanzungen ist die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung in Bonn. "Seit 2016 kann gemäß der Europäischen Marktordnung auf diese Weise eine Gesamtfläche von 0,3 Prozent des Rebenbestands zusätzlich neu bestockt werden", erläutert Fabian Dimmeler, Bereichsvorsitzender Bodensee des Badischen Weinbauverbands.

Winzer Leo Maier aus Stetten pflanzte knapp zwei Hektar Reben und produziert im Herbst seine ersten Trauben.
Winzer Leo Maier aus Stetten pflanzte knapp zwei Hektar Reben und produziert im Herbst seine ersten Trauben. | Bild: Hanspeter Walter Journalist-Texte-Bilder

Wer wo wie viel pflanzen darf, legt die Bonner Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) Jahr für Jahr aufs Neue fest und entscheidet über die sogenannten "Pflanzrechte". Ein Prozent des vorhandenen Bestandes könnten nach der EU-Marktordnung zusätzlich pro Jahr neu bestockt werden. Aufgrund der aktuellen Marktlage und dem Rückgang des Weinexports lässt die BLE allerdings nur 0,3 Prozent zu und wählt die Genehmigungen nach den Standortqualitäten aus.

Herkunftsbezeichnungen Baden oder Bodensee oder Überlingen nicht erlaubt

Die sind in der neuen Lage "Aufkirch" mit der Südexposition und der Hangneigung sicher sehr gut. "Das ist eine Toplage", sagt auch Hubert Böttcher von der Spitalkellerei Konstanz. Dennoch darf ein reiner Wein von dort im Moment weder als Qualitätswein noch mit den Herkunftsbezeichnungen Baden oder Bodensee oder Überlingen vermarktet werden. Böttcher: "Jede geografische Herkunftsbezeichnung ist verboten." Doch es gibt Beispiele sehr guter Winzer andernorts, die damit gut leben können und sich auf ihre Trauben und ihre Fähigkeiten verlassen. Auch Böttcher macht sich deshalb keine Sorgen. "Die Betriebsbezeichnung Spitalkellerei Konstanz dürfen wir verwenden", erklärt er: "Wir können zum Beispiel einen Secco daraus machen oder für die Haltnau ein 'Wendelgardtröpfchen' weiß, rot oder rosé." Wenn der Wein schmecke, werde er sicher nicht nur dort gerne getrunken.

Mehr Anbaufläche für Wein

  • Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) hat für das Jahr 2018 vor allem aus Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern Anträge für neue Rebpflanzungen entgegengenommen. Beantragt worden waren deutschlandweit 834 Hektar, genehmigt wurden allerdings nur 308 Hektar. Davon befinden sich 194 Hektar in Rheinland-Pfalz, 46,8 Hektar in Baden-Württemberg und 34,3 Hektar in Bayern. Wer wie viel zusätzliche Anbaufläche erhält, richtet sich in erster Linie nach der Steillage der beantragten Anbauflächen. Erste Priorität haben Lagen mit über 30 Prozent Gefälle, dann folgen Lagen mit 15 bis 30 Prozent Hangneigung.
  • Grundsätzlich könnte nach der europäischen Marktordnung ein Prozent des Rebflächenbestands zusätzlich neu bestockt werden. Die BLE hat diese Quote nicht ausgeschöpft, sondern wie in den vergangenen beiden Jahren auf 0,3 Prozent begrenzt. Begründung dafür ist der Rückgang des Weinabsatzes im Einzelhandels und des -konsums, insbesondere auch die starke Abnahme des Exports deutscher Weine. Waren 2008 noch 2,23 Millionen Hektoliter Wein exportiert worden, waren es 2016 mit wenigen als eine Million nicht einmal mehr die Hälfte. Zugleich wäre bei noch stärkerer Expansion ein Preisverfall zu befürchten.
  • Der Verband hatte diese Liberalisierung im Vorfeld lange kritisiert, aus der Sorge um einen Qualitätsverlust bei den Anbauflächen. Der Winzerverein Hagnau hat sich für seine Gemarkung zur Qualitätssicherung ein eigenes Klimagutachten erstellen lassen, um "rebwürdige Flächen", wie es heißt, konkret zu definieren. Inzwischen haben es viele Winzer auch als Chance erkannt und nutzen die großzügigere Handhabung.