Ein „Monologfestival“, das zum Dialog anregt: Dieses außergewöhnliche Konzept setzte Oliver Nolte vor vollem Haus als krönenden Abschluss des diesjährigen Wintertheaters um, das Noltes Theater in Kooperation mit der Stadt realisierte.

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Teilnehmer sehen zwei Monologstücke

Zum Programm des ganztägigen Festivals, das Theater und Philosophie verknüpfte, gehörten der Auftritt des früheren Kulturstaatsministers Julian Nida-Rümelin, zwei Monologstücke sowie ein gemeinsames Mittagessen im Weinhaus Renker.

Vortrag über Demokratie und Toleranz

Zum Auftakt hielt Philosophie-Professor Nida-Rümelin einen Vortrag über Demokratie und Toleranz. „Demokratie beruht darauf, dass wir gemeinsam überlegen, was für uns gemeinsam gut ist.“ So lautete seine Quintessenz, die auch das Leitmotiv des Festivals war.

Denn dessen Titel „Einstimmig“ spielte auf die Gemeinwohl-Philosophie von Jean-Jacques Rousseau an. Doch Gemeinwohl und Demokratie sind gefährdet, wenn die Gesellschaft sich zunehmend aufsplittert und jeweils Andersdenkende ausgegrenzt werden – oder sie sich selbst ausgrenzen.

Theater Konstanz gastiert in Überlingen

Darum ging es sowohl in Eugen Ruges Einmannstück „Ruhestörung“ als auch, stärker noch, im Monolog „Der Reichsbürger“. Die Überlingerin Annalena Küspert und ihr Mann Konstantin verfassten es fürs Theater Konstanz, das damit nun in Überlingen gastierte.

Erst umgarnt „Der Reichsbürger“ sein Publikum, dann zeigt er sein wahres Gesicht und bedroht es.
Erst umgarnt „Der Reichsbürger“ sein Publikum, dann zeigt er sein wahres Gesicht und bedroht es. | Bild: Martin Baur

Einsamkeit und Verschwörungstheorien

Oliver Nolte spielte den Protagonisten in „Ruhestörung“, ein vereinsamter Mann, der sich immer mehr in die Wut auf das angebliche Mobbing durch seinen Vermieter und seine Nachbarn hineinsteigert.

Der Mieter im Stück „Ruhestörung“ (Oliver Nolte) steigert sich immer mehr in die Vorwürfe gegen seinen Vermieter und seine Nachbarn hinein.
Der Mieter im Stück „Ruhestörung“ (Oliver Nolte) steigert sich immer mehr in die Vorwürfe gegen seinen Vermieter und seine Nachbarn hinein. | Bild: Martin Baur

„Der Reichsbürger“, verkörpert von Ralf Beckord, umgarnt sein Publikum zunächst noch recht charmant mit Verschwörungstheorien aus dem Arsenal dieser Bewegung, die Deutschland nicht als Staat anerkennt. Manches mag für Uneingeweihte ganz plausibel klingen und heischt nach Zustimmung. Die Gefährlichkeit dieser Ideologie entpuppt sich erst, als der Reichsbürger durchdreht und eine Waffe auf seine Zuhörer richtet.

Gratwanderung zwischen Propaganda und Entlarvung

„Eine gefährliche Gratwanderung zwischen Propaganda und Entlarvung“, meinte Nida-Rümelin zu dem Stück. Dabei sei es ja „erst mal eine uranarchische Haltung zu sagen: Warum soll der Staat über mich herrschen?“ Doch in einer Demokratie sei es nicht die Mehrheit, sondern die Zustimmungsfähigkeit, die Gemeinschaft stifte – von der letztlich alle etwas haben sollten.

Die Eltern der europäischen Demokratie

Italien, so hatte Nida-Rümelin eingangs ausgeführt, habe vorgemacht, wie Populismus und die schamlose Vermischung privater und politischer Interessen die Demokratie gefährdeten. „Es kann leicht kippen.“ Die europäische Demokratie hat laut Nida-Rümelin zwei Eltern: die athenische Demokratie und den 30-jährigen Krieg. Dessen Auslöser war ein Religionskonflikt, der Europa zutiefst spaltete und zwei Drittel seiner Bevölkerung auslöschte.

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Wie wär‘s mit einem Tugendtraining?

Philosophen reagierten darauf mit Lehren, die Toleranz als zentrale Norm beinhalteten. Und bei Toleranz, betonte Nida-Rümelin, gehe es zunächst wortörtlich um „aushalten“ – eine Tugend, die in Zeiten von Populismus und Polarisierung immer rarer wird. Wie wär‘s mit einem Tugendtraining, fragte Nolte in der späteren Diskussion. Nida-Rümelin erinnerte an die Debatte um die Leitkultur und meinte, bei Letzterer gehe es „um humane Werte, die die Weltzivilisation tragen“.

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Doch er hob auch, unter Beifall, klar hervor: „Es gibt sicher Grenzen der Vereinbarkeit“, nämlich dann, wenn Neuankömmlinge in einem Land partout nicht dazugehören wollten und die Zahl der Integrationsunwilligen eine kritische Größe überschreite.

Demokratie und Diskurs als zentrale Themen

Doch auch Einheimische verweigern sich Demokratie und Diskurs, Themen, die die beiden Monologstücke ansprechen. Sie werfen unwillkürlich die Frage auf, die Oliver Nolte stellte: „Könnte der Protagonist aus dem ersten Stück zum Reichsbürger werden?“ Den Zuschauern hatte er zum Mittagessen zwei Fragen mitgegeben: Wer ist verantwortlich? Welche Tugenden bräuchten die Protagonisten?

„Wir müssen uns selber immer wieder infrage stellen“

Ein Zuschauer sagte, das Stück „Der Reichbürger“ habe ihm nicht gefallen „Es fördert die Ausgrenzung“, meinte er. Oliver Nolte fand: „Alle sind ständig gefordert, dass es zu dieser Ausgrenzung nicht kommt.“ Nida-Rümelin stimmte ihm zu und eine junge Zuschauerin sagte abschließend: „Es geht darum: Wo werde ich erreicht in diesem Stück? Wo fängt‘s schon in uns an, wo sind wir empfänglich? Wir müssen uns selber immer wieder infrage stellen.“