Dem Waldrappteam um Projektleiter Johannes Fritz stehen aufregende Tage bevor. Der erste Waldrapp der Handaufzucht 2017 ist im Begriff, Überlingen zu erreichen. Vom Winterquartier in der Toscana hatte sich der Vogel auf den Weg an den Bodensee gemacht. Gestern hielt sich Sonic, wie er 2017 getauft wurde, bereits im Sarganserland in der Schweiz auf. Fritz erklärt: „Das ist noch ein Tagesflug bis Überlingen.“ Es könnte also sein, dass Sonic heute in Überlingen landet. Für das Waldrappteam sei das ein großer Höhepunkt, sagt Fritz. Weitere 2017er-Waldrappe sind zwar auf dem Weg. Das besondere an Sonic ist aber, dass er die „Alpen überquert hat“. Die anderen drehen eventuell wieder um.

Sonic fliegt vermutlich nach Hödingen

Fritz rechnet damit, dass Sonic nach Hödingen fliegt. Dorthin, wo er von seinen Ziehmüttern Anne-Gabriela Schmalstieg und Corinna Esterer aufgezogen wurde und das Fliegen lernte. Bei dem Waldrapp handelt es sich um einen sogenannten subadulten Vogel. Das bedeutet, dass er noch nicht geschlechtsreif ist und somit auch nicht brüten wird, wofür er sowieso zu spät dran wäre. „Subadulte Vögel haben keine Eile“, wie Fritz berichtet. Was macht Sonic also hier? Der Waldrapp folgt seinen Instinkten, was für die Biologen, die den Flug über GPS beobachten können, ein „sehr gutes Vorzeichen“ ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Ein Empfangskomitee gibt es trotzdem nicht: „Wir tun gar nichts“, sagt Fritz. Vielleicht wird ein Treffen mit Ziehmutter Anne-Gabriela Schmalstieg organisiert. Derzeit bereitet sie gemeinsam mit Helena Wehner am Segelflugplatz in Heiligenberg die 2019er-Generation auf die menschengeführte Migration im August vor. Die langjährige Ziehmutter Corinna Esterer ist inzwischen Fieldmanagerin und kümmert sich um die Waldrappe in den Brutgebieten Kuchl und Burghausen.

Erste Brut erst im Jahr 2020 möglich

Mehr als das Treffen mit Schmalstieg ist allerdings nicht vorgesehen. Fritz geht davon aus, dass sich Sonic in Überlingen und Umgebung aufhalten wird. Und dann – „über kurz oder lang“ – wieder in die Toscana zurückkehrt, erläutert der Biologe. Erst 2020 sind die Waldrappe der Handaufzucht 2017 soweit, dass sie in Überlingen brüten könnten. Für die Eiablage werden Bruthilfen an Molassefelsen befestigt, nach dem Schlüpfen soll es in natürliche Felshöhlen gehen. Fritz verspricht: „Es bleibt spannend.“

Europäische Kommission lehnt Antrag ab

Um die Ansiedlung des Waldrapps weiter voranzutreiben, war im Januar ein zweiter Life-Projektzeitraum beantragt worden – für die Jahre 2020 bis 2028. Doch die Europäische Kommission lehnte den Antrag ab. Für das Waldrappteam war dies im ersten Moment eine Enttäuschung. Doch der Antrag kann in optimierter Form erneut eingereicht werden. Fritz erklärt, wie es zur Ablehnung kommen konnte: Im Antrag waren der Kommission zu viele Posten vorgesehen, die nur indirekt einen Einfluss auf die Waldrappe haben – zum Beispiel die wissenschaftliche Entwicklung eines Sensors, der in Echtzeit meldet, wenn ein Tier abgeschossen wurde. Solch eine Sensorik könnte auch beim Schutz der Waldrappe nützlich sein. Denn in Italien erlegen immer mal wieder Wilderer Vögel.

Sensor könnte Abschuss an Polizei melden

Fritz stellt es sich so vor, dass ein Sensor einen Vorfall direkt an die Polizei melden könnte, inklusive Standortdaten. „Das steigert die Chance, Wilderer zu erwischen“, ist der Biologe überzeugt. Mit der Polizei besteht sogar schon eine Partnerschaft. Jedoch sieht die Life-Förderung vor, dass die finanziellen Mittel direkt für den Projektzweck eingesetzt werden. Daher nimmt das Waldrappteam nun unter anderem die Entwicklung des Sensors aus dem Antrag heraus und sucht nach einem kommerziellen Partner. Fritz hat für das Handeln der Europäischen Kommission durchaus Verständnis. Die Geldmittel, die der Europäischen Union für Naturschutz zur Verfügung stünden, seien immer begrenzt, sagt der Biologe. Bis Juni 2020 ist nicht mit einer Förderungszusage ab 2021 oder erneuten Ablehnung zu rechnen.

Keine Handaufzucht im Jahr 2020 während LGS

Das Jahr 2020 muss nach Angaben des Waldrappteams zwischenfinanziert werden, mithilfe von Partnern, Förderern und Spendern. Eine der unmittelbaren Konsequenzen ist, dass es, um die Kosten so gering wie möglich zu halten, kommendes Jahr in Überlingen keine Handaufzucht und menschengeführte Migration geben wird. Die Aufzucht hätte – „Bis Mitte Mai“, so Fritz – im Rahmen der Landesgartenschau (LGS) stattfinden können. Nun müssen die Projektpräsentation während der LGS sowie die Begleitung der Waldrappe der 2017er-Generation, die im Jahr 2020 zum Brüten zurückerwartet werden, reichen. Das Waldrappteam freut sich schon darauf.

Die Waldrappe der Generation 2019 mit ihren Ziehmüttern Anne-Gabriela Schmalstieg und Helena Wehner (von links) beim Training in Heiligenberg.
Die Waldrappe der Generation 2019 mit ihren Ziehmüttern Anne-Gabriela Schmalstieg und Helena Wehner (von links) beim Training in Heiligenberg. | Bild: Johannes Fritz, Waldrappteam/Life Northern Bald Ibis

Wie geht es für die Waldrappe weiter?

  • LGS ohne Handaufzucht: Die Handaufzucht 2020 hätte teils auf dem Gelände der Landesgartenschau (LGS) stattfinden sollen. Dass dies nicht der Fall sein wird, war der LGS GmbH bis zur SÜDKURIER-Anfrage unbekannt. Petra Pintscher, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit/Marketing, sagt: „Das ist neu für uns und natürlich schade. Allerdings wären die Jungtiere nur ein paar Wochen bei uns gewesen und im betreffenden Areal werden nach wie vor wie geplant die Heinz-Sielmann-Stiftung, NABU, BUND und die Imker ihre Ausstellungsbereiche haben.“ Und: „Wie wir das Thema Waldrapp angesichts der aktuellen Entwicklung bei der LGS dennoch spielen werden, darüber müssen wir uns noch Gedanken machen.“ Für die Überlinger Population bedeutet die Absage der Handaufzucht 2020 einen „gewissen demografischen Einbuch“, wie Projektleiter Johannes Fritz erklärt.
  • Eine neue Life-Förderung wäre – nach der Absage und erneutem Antrag – ab 2021 möglich, berichtet der Projektleiter. Das Waldrappteam gibt sich optimistisch, dass dies so eintreten werden. Aber Fritz sagt auch: Plan A sei der erste Antrag gewesen, Plan B der zweite Antrag. Käme es 2020 erneut zur Absage, greife Plan C. „Dann müssten wird das Projekt tatsächlich reduzieren und ohne Life-Kofinanzierung durchkommen“, so der Biologe. Aufgeben wird man es seinen Angaben zufolge nicht. „Es ist der halbe Weg. Wir machen sicher weiter“, erklärt Fritz.