In Zeiten einer globalisierten und durch das Internet vernetzten Welt stellt sich die Frage nach Sinn und Nutzen von Austausch-Projekten. Wie zeitgemäß sind Schüleraustausche noch? Die Erfahrungen von Pädagogen und Schülern aus Überlingen und Meersburg fallen durchweg positiv aus. Das tiefere Eintauchen in die zu erlernende Sprache und das bessere Kennenlernen der fremden Kultur sind dabei noch lange nicht alles. Die Rede ist auch von völkerverständigender Gastfreundschaft, dem Abbau von Vorurteilen und dem Ausloten eigenen Könnens. Nicht unerheblich ist dabei auch das Engagement von Lehrerseite, die vorab auf das Gastland vorbereiten und den gesamten Verlauf organisieren und begleiten.

"Es hat mich zutiefst berührt, von mir zunächst fremden Menschen wie ein eigenes Kind geliebt zu werden", erzählt die Überlinger Waldorfschülerin Judith Locher. Zusammen mit sechs Klassenkameraden und Russisch- Lehrerin Isabella Simonian war sie jüngst in der russischen Partnerschule in Sotschi am Schwarzen Meer zu Gast. Sie wohnten in Gastfamilien, besuchten den Unterricht und studierten zusammen mit den russischen Jugendlichen ein Theaterstück ein. Seit der ersten Klasse lernen Judith und ihre Mitschüler Russisch. Doch es ist nicht nur der Sprachaustausch, den sie so besonders hervorhebt. Vielmehr ist es das Erlebnis, dass die Menschen dort anders sind als gedacht, anders als es in Medienberichten rüberkommt. Man könne sich über Politik streiten und versuchen, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. "Jedoch sollte man nie ein ganzes Land nach seiner politischen Rolle beurteilen", unterstreicht die Neuntklässlerin nach der in Sotschi erfahrenen Herzlichkeit. Judith sieht den Austausch als "Grundstein für tiefe Freundschaften" und freut sich auf den russischen Gegenbesuch einer 25-köpfigen Gruppe im Juni. Auch ihre Russischlehrerin Isabella Simonian hält das gegenseitige Kennenlernen hüben und drüben für bedeutend. "So entstehen die ersten Brückenpfeiler zwischen Überlingen und Sotschi, in einer Zeit, in der die äußere Beziehung zwischen den Ländern eher einen kühlen Charakter trägt", sagt sie.

Der Austausch zwischen Überlinger Waldorfschülern und Kindern aus dem russischen Sotschi war geprägt von einem liebevollen Miteinander. Gemeinsam erstellten sie sogar ein Theaterstück mit Gesangs- und Tanzeinlagen. <sup></sup>Bild: Waldorfschule
Der Austausch zwischen Überlinger Waldorfschülern und Kindern aus dem russischen Sotschi war geprägt von einem liebevollen Miteinander. Gemeinsam erstellten sie sogar ein Theaterstück mit Gesangs- und Tanzeinlagen. Bild: Waldorfschule

Damit ein Austausch solcher Art Früchte trägt, muss der Boden entsprechend präpariert sein. "Die komplette Organisation ist handgemacht", sagt Sebastian Fritz, Abteilungsleiter am Überlinger Gymnasium. Er lobt das große Engagement seiner Kollegen, denen es seit vielen Jahren gelinge, den regelmäßigen Kontakt ins Ausland zu pflegen. Gerade ist eine Klasse vom Spanischaustausch mit dem Partnergymnasium aus der Provinz Taragona südlich von Barcelona zurückgekommen.

Berenice Jedersberger, Gymnasium Überlingen: Ich habe in meinen Aufenthalten in Frankreich und Spanien sehr viel gelernt.Die Gastfamilie hat mich unterstützt mit der Aussprache. Außerdem musste ich mit der Clique meines Austauschpartnerinnen jeweils in der Landessprache reden.
Berenice Jedersberger, Gymnasium Überlingen: Ich habe in meinen Aufenthalten in Frankreich und Spanien sehr viel gelernt.Die Gastfamilie hat mich unterstützt mit der Aussprache. Außerdem musste ich mit der Clique meines Austauschpartnerinnen jeweils in der Landessprache reden.

Buchungen, An- und Abreise und das Programm vor Ort müssen laut Fritz auch in Absprache mit der Partnerschule organisiert werden. Darüber hinaus werden die Schüler schon im Vorfeld auf die Gastländer Spanien, Frankreich, China oder die USA und deren kulturelle Besonderheiten vorbereitet und müssen Kontakt aufnehmen zu ihren künftigen Partnern. Es gibt Informationen zu Geografie, der wirtschaftlichen Situation und den räumlichen Gegebenheiten. "Wir fordern die Jugendlichen auf, sich als Gäste zu sehen und nicht vorschnell zu urteilen." Bestimmte Stereotype wie zum Beispiel die Annahme, Amerikaner seien lauffaul und bewegten sich nur per Auto, würden beim direkten Erleben vor Ort aufgelöst. "Es wird schnell klar, dass in einem so großen Land Laufen nicht das erste Mittel der Wahl ist." "Schüleraustausch bedeutet viel mehr als nur Sprachvermittlung", resümiert Gymnasiallehrer Sebastian Fritz die Vielfalt an Eindrücken, die das Mitleben im ausländischen Alltag erst möglich mache. Alexis Echensperger beispielsweise berichtet auf der Homepage des Meersburger Droste-Hülshoff-Gymnasiums von einem Auslandsjahr in Nanjing. In China sei eigentlich fast alles anders als in Europa, schreibt er. Als Beispiel nennt er den deutlich höheren Gemüsekonsum der Asiaten oder die Tatsache, dass öffentliches Nase putzen in China als störend und unhygienisch empfunden werde. "Nach Asien zu gehen, ist wie einen anderen Planeten zu besuchen." Diese Erfahrung wolle er nicht missen.

Sebastian Fritz vom Überlinger Gymnasium findet:" Das Live-Erleben von Alltagsleben im Ausland bringt eigene Kompetenzen zum Vorschein. Denn die Schüler sind dort auf sich selbst zurückgeworfen und lernen dadurch auch eine Menge über sich selbst.
Sebastian Fritz vom Überlinger Gymnasium findet:" Das Live-Erleben von Alltagsleben im Ausland bringt eigene Kompetenzen zum Vorschein. Denn die Schüler sind dort auf sich selbst zurückgeworfen und lernen dadurch auch eine Menge über sich selbst.

Schüleraustausch

Auch das Bundesministerium für Kultus, Jugend und Sport bietet Austauschprogramme mit Ländern wie Australien, Argentinien, Kolumbien, Neuseeland oder Vietnam an. Teilnehmen kann jeder Schüler zwischen 14 und 18 Jahren, der in Baden- Württemberg die Schule besucht, unabhängig von der Schulart. Voraussetzung ist eine gewisse Neugier auf andere Kulturen und gegebenenfalls Grundkenntnisse der Landessprache des Gastlandes. Ferner wird vorausgesetzt, dass die eigene Familie bereit ist, im Gegenzug einen Gastschüler bei sich aufzunehmen.

Weitere Informationen unter: www.schueleraustausch-bw.de