Die Frau beschert der Stadt fünf von über 700.000 Gäste-Übernachtungen. So viele, vermutlich mehr, wird Überlingen in diesem Jahr verbuchen, die Tendenz steigt. Sie trägt Kässpätzle-Geld ins Wirtshaus, zahlt Eintritt in Therme, Kino und Museum und geht an Bord eines Bodenseeschiffes. Sie schießt Selfies am See, schleckt Eis am Landungsplatz, schlürft Kaffee in der Greth, entzündet eine Kerze in der Franziskanerkirche und schickt wasserblaue Postkarten in die Heimat. Sie hat der Stadt eine ganze Menge zu geben. Was bekommt sie dafür zurück? Erste Eindrücke eines ersten Urlaubstags.

An diesen Mauern haben sich nicht nur die Schweden erfolglos abgemüht. Gästeführer Dr. Thomas Hirte erklärt, warum die Überlinger als wehrhaftes Völkchen gelten.
An diesen Mauern haben sich nicht nur die Schweden erfolglos abgemüht. Gästeführer Dr. Thomas Hirte erklärt, warum die Überlinger als wehrhaftes Völkchen gelten. | Bild: Susanne Glas

„Wenn man Überlingen eingenommen hat, hat man den Bodensee.“ Gästeführer Dr. Thomas Hirthe fängt gar nicht erst an, tief zu stapeln, als er sie durch die Kernstadt führt. „Überlingen für Entdecker“ heißt das Motto der Tour am Vormittag. Zusammen mit fünf anderen Touristen schaut die 39-Jährige Hirthes Zeigefinger nach – hinauf zum Rosennobelturm. Die Überlinger, erfährt sie, waren über die Jahrhunderte extrem wehrhaft. 300.000 Kubikmeter Stein sollen sie bewegt haben, um die tiefen Gräben um den Stadtkern auszuheben. Nicht nur die Schweden mühten sich vergeblich ab, die Mauer zu erklimmen.

Die Landesgartenschau lässt grüßen: Wie hier nahe der Franziskanerkirche finden sich hübsche Blumeninseln. Unser Bild zeigt (von links) Stadtführer Dr. Thomas Hirte mit den Gästen Gisela Speck, Dieter Egeler, Iris Kepstein mit Sohn Heiner und Friedhelm Speck.
Die Landesgartenschau lässt grüßen: Wie hier nahe der Franziskanerkirche finden sich hübsche Blumeninseln. Unser Bild zeigt (von links) Stadtführer Dr. Thomas Hirte mit den Gästen Gisela Speck, Dieter Egeler, Iris Kepstein mit Sohn Heiner und Friedhelm Speck. | Bild: Susanne Glas

Heute gibt man sich hier offener, vermutlich sogar den Schweden gegenüber, sofern sie Fotoapparate statt Kanonenkugeln mitbringen. Obwohl das Touristen-Grüppchen den Weg durch den Stadtgraben für eilige Fußgänger mit Einkaufstüten blockiert, grüßen die Einheimischen freundlich. Sie scheinen der Gäste nicht überdrüssig, obwohl die schon im 19. Jahrhundert da waren. Damals, so erzählt Hirthe, kamen sie wegen der Schwefelquelle. Als diese im Zuge des Eisenbahnbaus um 1900 herum versiegte, sattelten die Überlinger kurzerhand um und wurden Vorreiter in der Kneippbewegung. Bis heute mischt man hier ganz vorn mit – als eines von 53 Kneipheilbädern in Deutschland. Der Stadtführer vergisst an dieser Stelle nicht, die Therme zu erwähnen.

Ein schönes Essen, dazu ein Glas Wein: Rund um den Landungsplatz finden Touristen am Abend viele Möglichkeiten, einzukehren.
Ein schönes Essen, dazu ein Glas Wein: Rund um den Landungsplatz finden Touristen am Abend viele Möglichkeiten, einzukehren. | Bild: Susanne Glas

Überhaupt rührt er die Werbetrommel geschickt und unaufdringlich. Auch für den zertifziert „weltbesten Chardonnay“ aus Überlinger Fässern. Auf 30 Hektar, die zum Großteil der Stadt gehören, wachse Wein, der schon lange nichts mehr mit dem „Sauerampfer“ früherer Zeiten zu tun habe. Über den sollen Durchreisende einst genauso geklagt haben wie über die hohen Preise in der Gegend.

„Mein Tipp: Spazieren Sie unbedingt durch die Gräben der Stadt!“ Gästeführer Dr. Thomas Hirthe (links) zeigt (von rechts) Friedhelm und Gisela Speck aus der Pfalz sowie Iris Kepstein aus dem Erzgebirge, wo es lang geht.
„Mein Tipp: Spazieren Sie unbedingt durch die Gräben der Stadt!“ Gästeführer Dr. Thomas Hirthe (links) zeigt (von rechts) Friedhelm und Gisela Speck aus der Pfalz sowie Iris Kepstein aus dem Erzgebirge, wo es lang geht. | Bild: Susanne Glas

Der Wein ist besser geworden. „Und die Preise noch höher“, sagt eine Frau aus dem Erzgebirge, die mit ihrem Sohn hier Urlaub macht. „Jaja, die Überlinger Preise“, sagt Thomas Hirthe und rollt schelmisch mit den Augen. Mitschwimmen müsse auf der Was-kostet-die-Welt-Welle aber niemand. Überlingen gebe es auch zum Nulltarif. „Ich kann Ihnen nur raten: Gehen Sie durch die Gräben!“ Mit Hilfe des Stadtmodells am Münster zeigt er, wo es lang geht. Er weist auf die Stadtgärten hin, auf die „längste Promenade am ganzen Bodensee„, auf die Kirchen, auf den Rathaussaal: „Alles offen, alles kostenlos.“

„Bis zum Bau der Landungsbrücke stand hier noch alles unter Wasser“: Gästeführer Dr. Thomas Hirte (Mitte) mit Heiner (links) und Iris Keppstein. Mutter und Sohn sind Touristen aus dem Erzgebirge.
„Bis zum Bau der Landungsbrücke stand hier noch alles unter Wasser“: Gästeführer Dr. Thomas Hirte (Mitte) mit Heiner (links) und Iris Keppstein. Mutter und Sohn sind Touristen aus dem Erzgebirge. | Bild: Susanne Glas

Am Landungsplatz schickt Thomas Hirthe seine Schäfchen später hinaus in den sonnig-frischen Urlaubstag. Jetzt ist jeder seines eigenen Glückes Schmied im Städtchen. Die Urlauberin bestellt sich einen Kaffee in der Greth und setzt sich in die Sonne.

An der Landungsbrücke endet die einstündige Tour durch die Kernstadt. Hier entlässt der Gästeführer seine Schäfchen in „alle Richtungen“.
An der Landungsbrücke endet die einstündige Tour durch die Kernstadt. Hier entlässt der Gästeführer seine Schäfchen in „alle Richtungen“. | Bild: Susanne Glas

Wo anfangen auf der Liste mit den schönsten Dingen?

Die Laufschuhe schnüren und so die Stadt erkunden: Ein guter Tipp für alle, die es sportlich mögen.
Die Laufschuhe schnüren und so die Stadt erkunden: Ein guter Tipp für alle, die es sportlich mögen. | Bild: Susanne Glas

Wie überall, wo sie ist auf der Welt, schnürt sie die Laufschuhe und dehnt den Radius um die Ferienwohnung am Münster Straße für Straße aus.

Zwischen Therme und Landungsplatz ist am Morgen nicht viel los. Wer dort entlang joggt, kann sich mit etwas Glück über tierische Begleitung freuen: ein Biber schwimmt am Ufer entlang.
Zwischen Therme und Landungsplatz ist am Morgen nicht viel los. Wer dort entlang joggt, kann sich mit etwas Glück über tierische Begleitung freuen: ein Biber schwimmt am Ufer entlang. | Bild: Susanne Glas

Vom Landungsplatz aus geht es früh am Morgen direkt am Ufer in Richtung Therme. Allein ist die Sportlerin nicht: Direkt neben ihr schwimmt ein Biber am Ufer entlang.

Laufpause am Ufer des Sees: Überlingen garantiert Sport vor schönster Kulisse.
Laufpause am Ufer des Sees: Überlingen garantiert Sport vor schönster Kulisse. | Bild: Susanne Glas

„Sportlich, sportlich“, ruft ihr ein älterer Mann nach – und lacht. Mit Freundlichkeit, das fällt auf, geizen die Überlinger nicht. Vielleicht mag das im Hochsommer anders sein, wenn die Stadt so voller Touristen ist, dass die Einheimischen kaum noch durchkommen. Aber jetzt, im Mai, lacht man sich an. Und man spricht sich an.

Und so fällt es nicht ins Gewicht, dass die Frau den weltbesten Chardonnay am Abend vergeblich auf der Karte des Promenaden-Restaurants sucht. Und dass ihr Handy in der Ferienwohnung nullkommanull Empfang hat. Und dass der Film im Cinegreth wegen technischer Probleme eine halbe Stunde zu spät anfängt.

Das Cine-Greth ist mehr als ein Kino. Hier laufen Filme, die in den Mainstream-Kinos nicht zu sehen sind.
Das Cine-Greth ist mehr als ein Kino. Hier laufen Filme, die in den Mainstream-Kinos nicht zu sehen sind. | Bild: Susanne Glas

„Kommt nicht wieder vor“, ruft der junge Filmvorführer in den Saal – und lacht.

Susanne Glas, Urlauberin für eine Woche, vor der Südkurier-Redaktion in Überlingen.
Susanne Glas, Urlauberin für eine Woche, vor der Südkurier-Redaktion in Überlingen. | Bild: Susanne Glas

Susanne Glas ist Redakteurin der Frankenpost in Hof (Bayern) und hat den Südkurier in Überlingen eine Woche lang als Hospitantin unterstützt.

Zahlen und Fakten zum Tourismus in Überlingen

  • Vergangenes Jahr wurden in Überlingen 706.000 Gästeübernachtungen gezählt, bei 176.000 Ankünften, macht im Schnitt vier Nächte. Die Entwicklung in den letzten zehn Jahren: Laut Jürgen Jankowiak, Chef der Überlinger Marketing und Tourismus GmbH (ÜMT) gab es ein Plus von elf Prozent bei den Übernachtungen und von 15 Prozent bei den Ankünften. Der Gast, der länger bleibt, ist ihm lieber, „weil die Wertschöpfung steigt, je länger ein Gast bleibt“. Der Trend gehe allerdings in die andere Richtung. „Die Leute bleiben immer kürzer. Man verreist lieber öfter.“
  • 95 Prozent der Übernachtungsgäste sind Touristen, nur zu einem kleinen Teil Geschäftsreisende. Andere Städte wie Konstanz oder Friedrichshafen liegen deutlich darüber, was den Bau neuer Hotels begünstigt. In Überlingen stieg die Zahl der Gästebetten laut Jankowiak um 250, „das ist aber fast ausschließlich auf den Bau von Ferienwohnungen zurückzuführen“. Übernachtungsbetriebe, die der Stadt bekannt sind, gibt es 500, mit rund 4900 Betten.
  • Die Tagestouristen ohne Übernachtung sind schwer zählbar. „Wie soll ich das zählen? Vom Empfinden her habe ich schon den Eindruck, dass viel los ist bei uns in der Stadt.“ Die letzten Schätzungen datieren von 2005, mit damals 1,5 Millionen Tagestouristen. Jankowiak geht von einem Zuwachs aus.
  • Welchen Eindruck vermitteln die Gäste nach außen? Die meistfotografierten Motive geben einen Hinweis darauf. Dies sind nach Eindruck (nicht datenbasiert) der Agentur, die die Socia-Media-Kanäle der ÜMT betreut, diese Motive: 1. Promenade, 2. Uferblick auf den See, Lenk-Brunnen, Museumsgarten, Pavillon im Oberen Stadtgarten. (shi)