Herr Bertel, Herr Sonntag, bin ich dazu verpflichtet, Erste Hilfe zu leisten?

Michael Bertel: Verpflichtet ist man auf jeden Fall, das steht so auch im Gesetzbuch. Die Definition, wann Erste Hilfe anfängt und was darin alles inbegriffen ist, ist aber sehr dehnbar. Die Hilfe muss zumutbar sein und man ist nicht verpflichtet sich selbst in Gefahr zu bringen. Dann spielen auch die eigenen Fähigkeiten eine Rolle. Geht man etwa davon aus, dass eine Krankenschwester einem Verletzten hilft, hat sie natürlich nicht ihr Soll erfüllt, wenn sie nur den Rettungsdienst verständigt. Aber für eine ältere Frau etwa, die gerade mit Mühe und Not ihr Handy bedient, ist das natürlich schon super, weil sie womöglich wirklich nicht mehr machen kann. Aber Erste Hilfe endet nicht mit einer bestimmten Maßnahme, das muss nach Eignung, Fähigkeit und abhängig von der Situation bewertet werden. Auch andere wichtige Pflichten wie zum Beispiel die Aufsichtspflicht über Kinder können einen in der konkreten Hilfeleistung einschränken.

Aber Hilfe verständigen müsste ich immer?

Michael Bertel: Es dürfte später sehr schwierig sein, zu erklären, warum man es nicht zumutbar war und warum ich es nicht geschafft habe, den Notruf zu wählen. Ich kann auch in sicherer Entfernung Hilfe rufen, wenn ich mich bei weiteren Maßnahmen in Gefahr begebe. Dann muss ich die Situation beschreiben und Anweisungen befolgen, das hilft den Einsatzkräften auch schon. Wenn es aber erklärbar ist, warum ich keine Hilfe verständige, dann muss ich das auch nicht tun.

Manfred Sonntag: Kein Netz zu haben ist übrigens unwahrscheinlich, weil der Notruf 112 auf jedem Handy eine Vorrangschaltung hat. Unabhängig von meinem Netzanbieter sucht das Handy das nächste Netz. Notfalls kommt der Notruf dann halt in der Schweiz raus, aber er kommt an. Diese Ausrede zählt also auch nicht.

Gibt es Maßnahmen, die ich als Laie besser selbst nicht durchführe?

Michael Bertel: Das gibt es schon, etwa bei Gefahrentransporten. Sogar wir sehen uns nicht in der Lage, sofort entscheiden zu können, ob Substanzen, die eventuell auslaufen giftig oder ätzend sind. Dass man da einem Ersthelfer nicht sagen kannt, er soll hingehen, ist natürlich verständlich. Das ist auch nicht zumutbar, dass der Ersthelfer sich hier in Gefahr begibt. Es ist auch nicht zumutbar, wenn ein Ersthelfer in eine Schlägerei eingreifen muss und dabei selbst Verletzungen riskiert. Aber dann reicht es auch, zu beobachten und Angaben zu machen, was passiert ist und wer beteiligt ist. Wenn die Gefahr so groß ist, dass ich sie als Ersthelfer nicht mehr einschätzen kann, dann bin ich in der beobachtenden Rolle und mache den Notruf und sichere vielleicht noch die Unfallstelle ab – es gibt also trotzdem genug Maßnahmen, die ich tun kann, um Einsatzkräften zu helfen. Wichtig ist: Wenn ich mich entscheide, zu helfen, muss ich erst Hilfe anrufen. Wenn mir selbst bei der Hilfe etwas passiert, dann komme ich nicht mehr dazu, den Notruf abzusetzen.

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Kann ich mich auch außerhalb solcher Ausnahmesituationen bei der Ersten Hilfe in Gefahr bringen, etwa durch Infektionen?

Michael Bertel: Es wäre fahrlässig, das zu verneinen. Nach der DIN-Norm sind deswegen sowohl in den Auto-Verbandskästen wie auch in den betrieblichen Verbandskästen Einmalschutzhandschuhe vorgesehen. Das heißt aber nicht, dass man im Vollschutzanzug Erste Hilfe leisten muss. Aber wer einmal gezwungen ist, in eine offene Wunde zu fassen, der schützt mit Handschuhen erst einmal sich selbst und auch den Patienten – einmal vor Dreck, einmal vor Infektionen. AIDS fällt vielen übrigens immer zuerst ein, ist aber gar nicht der größte Prozentsatz, es gibt noch viel mehr Infektionen. Aber ja, man begibt sich in eine minimale Gefahr, wenn man direkt in Wunden fassen würde. Bei Maßnahmen wie der Herzdruckmassage passiert gar nichts, wenn nicht gerade sehr viele offene Stellen vorhanden sind. Ersthelfer sollen aber auch in Wunden gar nicht fassen, sondern diese abdecken und auch Körperflüssigkeiten wie Urin, Erbrochenes oder Stuhl aus dem Weg gehen.

Kann ich die Situation des Verletzten durch Erste Hilfe verschlimmern, etwa, wenn ich etwas falsch mache?

Michael Bertel: Das ist eine Frage, die auch ganz zentral ist für die Entscheidung, ob Ersthelfer sich trauen zu helfen oder nicht. Auf das Minimum reduziert gibt es zwei Patienten: Der eine ist ansprechbar, der andere ist nicht ansprechbar. Den nicht ansprechbaren bringt der Ersthelfer in die Seitenlage oder führt Wiederbelebungsmaßnahmen durch. Alles, was er am Patient tut, kann gar nicht schaden, kann gar nicht wehtun, weil dieser ist ja tiefschlafähnlich bewusstlos ist. Wenn er atmet ist ihm in der Seitenlage also schon ganz viel geholfen: Er kann nicht mehr ersticken und wird betreut. Auch beim wachen Patienten denken viele zu kompliziert. Er ist doch wach – wenn ich nicht mehr genau weiß, was zu tun ist, kann ich ihn ansprechen und fragen, was er möchte und wie er auf Maßnahmen reagiert. Man kann also nichts falsch machen, weil man immer im Kopf hat: Ich kann ja fragen. Der Ansprechbare hat jederzeit die Möglichkeit, Feedback zu geben – und das wird er auch tun. Falsch machen kann ich nur, wenn ich den Patienten zu etwas zwinge, das dieser gar nicht kann oder will.

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Was ist, wenn ich jemandem eine Herzdruckmassage gebe und ihm dabei eine Rippe breche? Es heißt ja auch, dass das möglich ist.

Michael Bertel: Was geht denn noch schlimmer als bewusstlos, keine Atmung, kein Kreislauf? Schlimmer machen kann ich gar nichts, denn der Patient ist in dem Fall klinisch tot. Nicht biologisch tot, sondern klinisch – es ist also noch kein hundertprozentiger Hirntod festgestellt worden. Und Ersthelfer werden ohnehin nie einen Tod feststellen, sondern immer davon ausgehen, helfen zu können und mit den Wiederbelebungsmaßnahmen anfangen. Bezüglich des Brechens der Rippen: versuchen wir von dem Begriff Rippenbruch weg zu kommen. Damit verbindet man etwas Brachiales – da geht etwas kaputt, da gibt es spitze Ecken. Deswegen versuchen wir in den Erste Hilfe-Kursen zu erklären, dass es zwischen Brustbein und Rippen eine Knorpelverbindung gibt. Nicht der Knochen bricht also, sondern die Knorpelverbindung wird sich abscheren. Das hört sich schon gar nicht mehr so brachial an. Es ist tatsächlich so, dass da eine Abtrennung stattfinden kann, bei älteren Menschen erst Recht, weil da der Knorpel schon relativ spröde ist. Der Vorteil ist: Die Rippe ist ja nicht freischwebend, sondern mit der Wirbelsäule verbunden und geht passiv mit der Bewegung mit, außerdem ist das eine stumpfe Fläche. Und dass sich da noch eine Rippe verkantet und in Organe stößt, kann in extremen Fällen passieren, die Gefahr ist aber kalkulierbar. Denn nochmal: Der Mensch ist klinisch tot, alles, was ich jetzt mache, ist besser, als nichts zu tun, weil dann die Zellen absterben.

Manfred Sonntag: Was rein von der menschlichen Physik nicht geht, ist, dass sich das gebrochene Rippenstück in die Lunge oder in den Herzbeutel drückt, denn ich drücke auf den Brustkorb, die Rippen biegen sich also nach außen und nicht nach innen.

Michael Bertel: Gerade die Wiederbelebung ist das einfachste, was der Ersthelfer tun kann. Wenn er einmal die Stelle gefunden hat, den Rhythmus kennt und weiß, wie tief er bei Erwachsenen oder Kindern den Brustkorb eindrücken muss, kann er eigentlich nichts falsch machen.

Falls ich nun doch jemanden verletze oder falsch behandle, kann das dann rechtliche Folgen für mich haben?

Michael Bertel: Wenn das tatsächlich so wäre, würde kaum noch jemand Erste Hilfe leisten, weil er Angst haben müsste, er könnte belangt werden. Wenn der Fehler aus Versehen passiert – und sogar Dummheit ist hier abgesichert – dann passiert nichts. Das müsste schon Vorsatz sein, was ja auch eine Strafsache ist. Es gibt in Deutschland keinen Fall, bei der jemand wegen falscher Hilfe verurteilt wurde. Anzeigen kann es durchaus geben, es kann auch Gutachten geben. Jeder in Deutschland hat das Klagerecht. Aber das heißt nicht, dass es zu einer Verurteilung kommt. Der Gesetzgeber spricht von einer sogenannten Garantenstellung. Dadurch, dass es Laien-Erste Hilfe ist, muss ich Laien von jedem Druck befreien und das hat man auch gemacht. Genauso verhält sich das mit Sachschäden: Wenn ich bei der Ersten Hilfe eine Brille kaputt mache, bin ich als Ersthelfer abgesichert. Auch, wenn ich mich selbst verletzt habe, bin ich geschützt. Da gibt es die Unfallkasse des Bundes, die dann für den Ersthelfer einspringt – selbst, wenn der gar nicht versichert ist.

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Welche Unterschiede gibt es zwischen Kindern und Erwachsenen bei der Ersten Hilfe?

Michael Bertel: Früher hieß es immer, Kinder sind kleine Erwachsene, und das ist einfach falsch. Beim Kind kann ich nicht erwarten, dass es genau berichten kann, wie es zu einer Verletzung kam. Auch die Möglichkeit eines Kindes, sich auszudrücken, ist anders. Wenn das Kind auf den Bauch zeigt, muss der Schmerz nicht unbedingt vom Bauch her kommen. Und wir erleben ganz oft, dass Kinder gar nicht von allen Verletzungen berichten. Das, was am stärksten weh tut, das erwähnt das Kind. Bei allem anderen hat es sogar eher das Gefühl, es muss es verschweigen, weil es sonst Ärger bekommt. Wir bieten daher Kurse für Erste Hilfe am Kind an, bei denen wir speziell auf die Erste Hilfe bei Säuglingen bis zum zwölf- oder 13-Jährigen eingehen, weil sich der Umgang da noch vom Umgang mit Erwachsenen unterscheidet.

Worauf muss ich denn bei Erste Hilfe-Maßnahmen am Kind achten?

Michael Bertel: Man hat versucht, die praktischen Maßnahmen beim Erwachsenen und beim Kind anzugleichen. Denn wenn ich beim Kind zu einem anderen Rhythmus bei der Herzdruckmassage und der Beatmung raten würde, dann würden wir die Menschen wieder verunsichern, weil sie sich das nicht alles merken. Daher hat man versucht, die Unterschiede beim Kind bei der Drucktiefe zu machen. Bei Jugendlichen und jungen Kindern sollte der Brustkorb bei der Herzdruckmassage vier Zentimeter weit eingedrückt werden, beim Säugling ein bis zwei Zentimeter. Das kann man sich noch merken, weil es ja auch mit der Anatomie vergleichbar ist. Beim Kühlen muss ich beim Kind außerdem aufpassen, dass ich nicht so großflächig kühle, weil das Kind sich vielleicht nicht traut zu sagen, dass es schon lange friert. Aber viele Maßnahmen sind tatsächlich gleich. Vieles ist wirklich die Kommunikation. Man muss das Kind erzählen lassen und dann auf Hinweise achten. Es macht auch immer Sinn, den Ort noch anzuschauen. Beim Kind ist es mit Sicherheit relevant zu fragen, wo es war. Erwachsene berichten zum Beispiel von sich aus, wo sie sich erbrochen haben. Ein Kind findet es eher peinlich, wenn es gespuckt hat. Dabei sollte Erbrochenes unbedingt ins Labor geschickt werden, damit man zum Beispiel weiß, welches Gegenmittel im Fall einer Vergiftung verabreicht werden muss. Also muss man genau reinhorchen, was das Kind gemacht hat und was passiert ist. Der Erwachsene würde das von sich selbst aus sagen.