Die alte Wallfahrtsstätte "Maria im Stein" liegt rund 400 Meter von den Steinhöfen entfernt in den Molassefelsen des Aachtobels. Nicht nur weil die Wanderwege an dem Kleinod im Wald vorbeiführen, ist man hier selten lange allein. Für viele Gläubige ist es ein besonderer Ort, um Dankbarkeit für erfahrene Hilfe oder Gesundung zu dokumentieren, die sie der Muttergottes zuschreiben. Nachzulesen ist dies an einer Vielzahl von persönlichen Dokumenten, die hier hinterlassen sind, zu erkennen an den brennenden Kerzen, die täglich entzündet werden.

Schon vor 500 Jahren in Urkunde erwähnt

Schon vor mehr als 500 Jahren ist die Wallfahrtsstätte in einer Urkunde erwähnt, dokumentiert ist auch das große Interesse in den folgenden Jahrhunderten. "Trotz großer Proteste wurde die Stätte auf Veranlassung des Konstanzer Generalvikars Wessenberg 1824 geschlossen", sagt Heimatforscher Hermann Keller. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Wallfahrtsstätte auf Betreiben von Pfarrer Eugen Walther aus Lippertsreute in der heutigen Form neu errichtet. "Am 15. August, genau vor 70 Jahren, wurde die Kapelle am Feiertag Mariä Himmelfahrt geweiht", sagt Keller. Seitdem wird sie am 1. Mai jeden Jahres eröffnet, an jedem ersten Dienstag im Monat findet hier ein Gottesdienst statt.

Dankbarkeit und Marienverehrung: Die Gläubigen haben viele Dankadressen hinterlassen. Immer wieder kommen neue hinzu.
Dankbarkeit und Marienverehrung: Die Gläubigen haben viele Dankadressen hinterlassen. Immer wieder kommen neue hinzu. | Bild: Hanspeter Walter

Dass dies alles möglich ist, dafür sorgt Inge Maier von den Steinhöfen inzwischen schon seit 42 Jahren. Mindestens jeden zweiten Tag steigt sie hinunter in den Fels, schaut nach dem Rechten, macht Ordnung und hegt die Wallfahrtsstätte wie ihren Augapfel. Grund und Boden gehören schließlich in das Privateigentum des Hofes. Schon die Vorfahren hatten sich daher um die Mariengedenkstätte gekümmert. 1976 hatte Inge Maier die Aufgabe von ihrer Tante Hilde Waibel übernommen.

Inge Maier hat eine Art Gelübde abgelegt

"Ich habe damals selbst eine Art Gelübde abgelegt", blickt Inge Maier zurück. Ihr zweiter Sohn Klaus war damals als Kleinkind aus dem zweiten Stock des Bauernhauses hinuntergestürzt – und war nahezu unverletzt geblieben. "Er hatte glücklicherweise nur ein paar blaue Flecken. Aus Dankbarkeit dafür habe ich für mich diese Aufgabe übernommen." Davon können sie auch die beiden Hüftoperationen nicht abhalten, die sie hinter sich gebracht hat. Zur Sicherheit greift sie auf zwei Wanderstöcke zurück. "Inzwischen ist es für mich fast ein Hobby geworden."

Beliebtes Ziel ist die Wallfahrtsstätte aus verschiedenen Gründen. Nicht wenige kommen, um sich an der nahe gelegenen Quelle Wasser zu holen, dem gerne besondere Heilwirkung zugeschrieben wird. Mit dessen Zusatz zum Destillat wirbt sogar ein cleverer Schnapsbrenner am Waldeingang auf einer Tafel. Der eine oder andere scheint die Kapelle allerdings für Entsorgungen zu missbrauchen. Aufräumen muss es meist Inge Maier über den schmalen Fußweg, der am Fels entlang führt. "Oft werden hier auch Kreuze abgelegt, die Eigentümer nicht wegzuwerfen wagen", erklärt Hermann Keller, der Geschichte und Geschichten der Kapelle sorgsam zusammengetragen hat, die mal zu Überlingen, mal zu Hohenbodman und mal zu Frickingen gehört hatte – stets aber zu den Steinhöfen.

Holzbalken über den Fels abgeseilt

Zum Bau der heutigen, offenen Kapelle mussten die mächtigen Holzbalken 1948 von oben über den Fels abgeseilt werden, ein Transport über den schmalen Pfad wäre undenkbar gewesen. Zunächst hatte die Kapelle ein Holzschindeldach bekommen, das 15 Jahre später durch ein Kupferdach ersetzt wurde. Im Jahr 1950 entstand die kleine geschlossene Sakristei neben dran, in der Inge Maier quasi die Chronik der jüngsten Geschichte in einem dicken Ringbuch deponiert hat. Hier sind die besonderen Ereignisse dokumentiert, die regelmäßigen Wallfahrten und Artikel aus dem SÜDKURIER, die sich mit dem Umfeld der Kapelle befassen. Auch der Beitrag über die Wiedereröffnung vor 70 Jahren, der am 24. August 1948 zu lesen war: "Mit der Errichtung der Kapelle hat ein lang gehegter Wunsch der einheimischen Bevölkerung und des ganzen Linzgaus seine Erfüllung gefunden. Der neue Bau, dessen architektonische Gestaltung in den meisterlichen Händen von Architekt Palm, Überlingen, lag, hat die ansprechende Form eines soliden, halbrunden Holzbaus, der sich harmonisch in die Landschaft einfügt."

Das Halbrund der Kapelle "Maria im Stein" ist direkt an den Molassefels gebaut, rechts davon die kleine Sakristei.
Das Halbrund der Kapelle "Maria im Stein" ist direkt an den Molassefels gebaut, rechts davon die kleine Sakristei. | Bild: Hanspeter Walter

In einer feierlicher Prozession war das Gnadenbild, das die Bürger mehr als hundert Jahre zuvor beim angeordneten Abbruch des ersten Kirchleins gerettet hatten, an Mariä Himmelfahrt von Lippertsreute wieder zurück nach Maria im Stein getragen worden. "Es war damals ein Fest für den ganzen Linzgau", sagt Hermann Keller.

Geschichte
der Wallfahrt

  • Die genauen Umstände der Gründung des über 500 Jahre alten Wallfahrtsortes sind bis heute nicht bekannt. Heimatgeschichtler wie Hermann Keller aus Lippertsreute mutmaßt, dass die Entstehung mit dem damals nach Europa vorrückenden Islam zu tun gehabt habe. "Maria galt als Helferin der Christen gegen den türkischen Erzfeind", erklärt Keller. Am plausibelsten unter den Gründungstheorien erscheint ihm der Zeitpunkt, als der türkische Sultan 1396 "rund 3000 christliche Ritter vor seinen niedermetzeln ließ", wie in den Annalen berichtet werde.
  • 1720 bis 1750 habe die Wallfahrt ihren größten Höhepunkt erlebt, sagt Keller: "Die Gläubigen pilgerten aus einem Umkreis von zehn bis zwölf Wegstunden zur Mutter mit dem Kind." Der damalige Pfarrer Goebel habe daher 1722 die "Bruderschaft der allerheiligsten Dreifaltigkeit von Maria im Stein" gegründet. Aus dieser Zeit werden verschiedene "Wundertaten" berichtet. 1742 wurde das dortige Kirchlein erweitert und vom Weihbischof neu geweiht.
  • Mit der Säkularisation nahte auch das zwischenzeitliche Ende der Wallfahrten. Am 14. September 1824 mussten sie eingestellt werden. Der Konstanzer Generalvikar Ignaz von Wessenberg hatte angeordnet: "Die Wallfahrtskirche Maria im Stein muss sofort geschlossen werden. Das gesamte Vermögen und die Kirchengeräte dieser Kapelle werden der Pfarrkirche Lippertsreute zugeteilt. Das Marienbild muss ganz im Stillen übertragen werden, wobei wir jedoch gestatten, dass dieses Gnadenbild, wenn die Pfarrgemeinde es ... wünscht, auf einem der Nebenaltäre aufgestellt werden kann." In Lippertsreute wurde dieses Bild gehütet, bis es vor 70 Jahren in die neue Wallfahrtskapelle zurückgebracht wurde. (hpw)