Überlingen – Im Rahmen des Begleitprogramms zur aktuellen Ausstellung im Städtischen Museum Überlingen zum Ersten Weltkrieg "Von beiden Seiten" erläuterte Stefan Feucht, Kulturamtsleiter des Bodenseekreises, die Verhältnisse an der Heimatfront, vor allem in der Region nördlicher Bodensee.

Je länger der Krieg dauerte, desto gravierender änderte sich auch das Leben im Hinterland. Schnell wurde klar, dass sich der Krieg global auswirken würde. Das gesamte Leben des Volkes war in Mitleidenschaft gezogen. Die Munitionsfabriken liefen auf Hochtouren, überall fehlten Männer als Arbeitskräfte, Verpflegungsengpässe stellten sich ein, eine aggressive Kriegspropaganda verlangte dem Volk immer mehr Opfer ab.

Alle Kräfte wurden auf die Bedürfnisse des Krieges gebündelt, selbst die Kirchenglocken wurden eingeschmolzen für Munition und Kriegsgerät. Die gewaltigen Materialschlachten an den Fronten kosteten Millionen Soldaten auf beiden Seiten das Leben, verschlangen Unsummen. Makabere Berechnungen: Die Tötung eines deutschen Soldaten kostete die Volksgemeinschaft etwa 14¦300 Dollar, 4000 Dollar der Tod eines Feindes. An einem einzigen Tag fielen an der Westfront bis zu 20¦000 Soldaten.

Über Kriegsanleihen wurde Geld beschafft, in der Hoffnung auf gute Renditen. Die Menschen sammelten für die Soldaten an der Front Kleidung, Zigaretten, Decken. Bis in die letzten Monate des Krieges glaubte man an die Theorie eines reinen Verteidigungskrieges und stilisierte den Krieg zu einem Instrument der Reinigung und Erneuerung der Volksgemeinschaft hoch.

Das Volk nahm lange Zeit alle Einschränkungen hin, Pressezensur, keine Versammlungsfreiheit, keine Tanzveranstaltungen, Hunger und Elend, der Verfall der Währung, unzählige Gefallene. Aufrufe der Behörden mahnten zu Geduld und angepasstem Verhalten: Zahlt eure Rechnungen pünktlich, haltet den Körper gesund, lernt Niederlagen ertragen, glaubt unerschütterlich an den Sieg.

Mit Luftangriffen wurden zunehmend direkt Kriegshandlungen in das Hinterland getragen. Friedrichshafen als Sitz der Zeppelinwerften wurde bombardiert. Die Nahrungsmittel wurden knapp, Lebensmittel waren rationiert. Wertgeminderte Ersatzprodukte wie Brotteig mit Sägemehl oder Öl aus Bucheckern machten die Runde und den Hungernden empfahl man, die wenigen Bissen Brot bis zu 200 Mal zu kauen, um das Sättigungsgefühl zu erhöhen.

Das Ende des Krieges war begleitet von Hoffnungslosigkeit. Das Kaiserreich zerfiel, die Arbeiterschaft ging auf die Barrikaden und auf dem Nährboden eines verbreiteten Unschuldsdenkens und dem Ansinnen auf Vergeltung erhob sich nur wenige Jahre später der Nationalsozialismus als vermeintlicher Rächer und stürzte die Welt in einen noch grausameren Krieg.

Die Ausstellung

„1941-1918 von beiden Seiten“ im Städtischen Museum Überlingen läuft bis 17. Dezember. Im Zentrum stehen Einzelschicksale von Soldaten der beiden Kriegsgegner Deutschland und Frankreich. In einem nachempfundenen Schützengraben sind Originalwaffen und anderes Kriegsgerät zu sehen. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm, einen zweisprachigen Katalog und vielfältige Spezialführungen auch für Schulklassen. Öffnungszeiten: dienstags bis samstags von 9 bis 12.30 Uhr und von 14 bis 17¦Uhr, sonn- und feiertags von 10 bis 15 Uhr, montags geschlossen. (eni)