„Darm mit Charme“ hieß vor wenigen Jahren ein Buch, das um Sympathien für das meist wenig beachtete, ja oft missachtete Organ warb, dessen Funktion erklärte und sogar zum Bestseller wurde.

Frühzeitige Diagnose von Vorstufen wichtig

Aus Sicht der Ärzte leider kein Bestseller sind dagegen nach wie vor die Vorsorgeuntersuchungen zu einer Früherkennung von Darmkrebs, der geschlechterübergreifend längst die Krebserkrankung Nummer eins ist. Dabei ist eine frühzeitige Diagnose von Vorstufen einer drohenden Tumorerkrankung hier besonders gut möglich und eine Behandlung daher sehr vielversprechend.

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Dennoch scheinen viele Menschen eine Darmspiegelung zu scheuen. Weshalb, darüber können die beiden damit befassten Chefärzte am Helios-Spital, Dr. Wolfram Lamadé und Dr. Jürgen Schmidt, nur rätseln. Im Gespräch mit dem SÜDKURIER erläutern sie die mehr oder weniger bekannten Ursachen, die möglichen Therapien und die Heilungschancen der Erkrankung.

Fragen können auch anonym gestellt werden

Um individuelle Fragen zu beantworten, und gegebenenfalls Ängste zu nehmen, bieten Lamadé und Schmidt am kommenden Dienstag, 19. März, von 16 bis 18 Uhr eine Telefonaktion an. Unter der Nummer 0 75 51/94 77 51 55 können Interessierte ihre persönlichen Fragen auch ganz anonym stellen.

Wer sollte an der Untersuchung teilnehmen?

Die Deutsche Krebsgesellschaft empfiehlt allen Männern und Frauen eine Vorsorgeuntersuchung ab dem 50. Lebensjahr. Die Kosten werden von den gesetzlichen Krankenkassen ab dem 55. Lebensjahr übernommen. Ein Sonderfall sind genetisch vorbelastete Menschen, deren erstgradige Verwandte schon an Darmkrebs erkrankt sind. Hier übernehmen die Kassen die Untersuchung schon früher.

Bei einer stärkeren genetischen Disposition raten die Ärzte bisweilen auch zu einer humangenetischen Diagnose. Wenn keinerlei Befund vorliegt, kann eine weitere Untersuchung gegebenenfalls erst zehn Jahre später erfolgen.

Nicht zuverlässig genug ist aus Sicht der Helios-Chefärzte der sogenannte Hämokult-Test, der erst auf Blut im Stuhlgang reagiert und nur in einem Drittel der Fälle die wichtige Diagnose liefert.

Wie hoch ist der Anteil dieser Gruppe, der an der Vorsorge teilnimmt?

„Man kann es kaum glauben“, sagt Jürgen Schmidt. „Doch das sind leider nur rund zwei Prozent der fraglichen Gruppe.“ Dabei sei die Untersuchung völlig unproblematisch.

Wie funktioniert eine Darmspiegelung?

Nach einer Abführmaßnahme zur Reinigung des Dickdarmes erfolgt die Untersuchung mit einem biegsamen Schlauch, der über den After eingeführt wird. In diesem Koloskop ist eine elektronische Kamera eingebaut, mit der Bilder aus dem Inneren des Dickdarms auf einen Bildschirm projiziert werden.

Welche Behandlungsformen gibt es? Wie sind die Heilungschancen?

Je nach Größe und Form des Adenoms oder Polypen gibt es unterschiedliche Techniken, um die Wucherungen von der Darmwand abzutrennen. Jürgen Schmidt ist spezialisiert auf endoskopische Methoden, bei denen durch einen Arbeitskanal des Koloskops feine Instrumente wie Biopsiezangen und Schlingen in den Darm gebracht werden. Kleine Polypen werden abgeknipst, größere Polypen mit der Schlinge abgetragen.

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Die Eingriffe sind schmerzlos. Abhängig von Art und Lage einer Wucherung können laparoskopische Methoden durch die Bauchdecke zum Einsatz kommen, die Wolfram Lamadé anwendet. In besonderen Fällen kooperieren die beiden Ärzte ihre Methoden gemeinsam. In der Altersgruppe der 55-Jährigen kann man statistisch bei jeder dritten Frau und bei jedem vierten Mann Polypen im Darm finden. Nicht alle Polypen entwickeln sich zwangsläufig zum Darmkrebs weiter.

Welche Ursachen kann Darmkrebs haben?

Unter Experten unbestritten ist, dass rotes Fleisch von Rind, Schwein, Lamm oder Wild die Entstehung von Darmkrebs begünstigen kann. „Dass es hier einen statistischen Zusammenhang gibt, ist nachgewiesen“, erklärt Wolfram Lamadé: „Woran dies liegt, dazu gibt es verschiedene Theorien.“

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Auch mit Nitrit gepökelte Wurst gilt als Risikofaktor, da hier karzinogene Nitrosamine entstehen können. Als Mitverursacher gelten unter anderem auch Alkoholkonsum und Übergewicht. Daher passt die Fastenzeit aus Sicht der Mediziner geradezu ideal zu den Vorsorgemaßnahmen.

Wann sind Vorstufen des Krebses erkennbar?

Kleine drüsige Gewebswucherungen oder Adenome können schon ab ein bis zwei Millimetern Größe erkannt werden. „Man kann dies mit einem kleinen Boot auf einer großen Wasseroberfläche vergleichen“, sagt Jürgen Schmidt, der schon derlei kleine Polypen auf schonende Weise endoskopisch entfernen kann.

Da von den allerersten Vorstufen bis zur Entstehung von bösartigen Tumoren in der Regel rund zehn Jahren vergehen, besteht auch in der Zwischenzeit noch eine Chance, den Krebs im Vorfeld zu verhindern. So einen großen Puffer gibt es selten. Zum Beispiel ist Brustkrebs nach Angaben der Ärzte erst viel später diagnostizierbar. Gleiches gilt für den geringen Anteil an genetische bedingten Darmkrebserkrankungen, da diese keine Polypen bilden und erst spät erkannt werden.