Jahrelang habe ich mich gefragt, was einen Mann daran fasziniert, sich einen Sack über den Kopf zu ziehen, in den er Seh- und Lüftungsschlitze geschnitten hat, um dann in einer Art Uniform durch die Altstadt zu hopsen? Seit Samstag weiß ich es und möchte auf dieses intensive Erleben, die Begegnungen dabei, nicht mehr verzichten: Hänselejuck eben.

Hänsele geben Identität nicht preis

Mein Name spielt keine Rolle. Den habe ich mit der Aufnahme in die Hänselezunft abgegeben. Ich trage die Nummer 1300. Beruf, Alter, Einkommen oder Stellung in der Gesellschaft spielen keine Rolle, wenn man sich am Fastnachtssamstag im Feuerwehrhaus trifft. „Zutritt nur für Hänsele“, steht auf einem Schild an der ausgeräumten Fahrzeughalle. Feuerwehrautos wurden durch rote Bierbankgarnituren ersetzt und Schläuche durch Wasserkessel, in denen nun Bockwürste kochen. Wo sich sonst Feuerwehrmänner für ihren Einsatz an der Brandstelle rüsten, zünden Männer Zigaretten an und löschen Buben ihren Durst mit Fanta. „Zutritt nur für Hänsele“ bedeutet auch, dass Mamas draußen bleiben müssen. Für die vielen Jungs im Raum, die hier die Überlinger Fastnacht quasi mit Fanta aufsaugen, ist das wohl ein prägender Moment. Denn auf einen Schlag gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Papa und Sohn. Alle sind gleich, gleich gehäst, haben das Gleiche vor. Genauso schmilzt die Grenze zwischen Chef und Angestelltem oder Bankdirektor und Hartz-IV-Empfänger oder Arzt und Patienten.

Noch sind ihre Köpfe (Masken) aufgedeckt. Alte Bekannte finden sich. Denn die Fastnacht ist Anlass für Exilüberlinger, in ihre Heimat zu fahren. Ich, Hänsele 1300, bin nicht hier aufgewachsen. Doch ist es meine Vorstellung, dass meine Kinder durch die Fastnacht ein Stück Heimat erfahren, Heimat, die für sie Überlingen heißen soll.

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Gegen 18 Uhr schunkeln gut 1000 Hänsele an den Biertischen. Hänselevater Harry Kirchmaier fordert dazu auf, die Gläser zu leeren, das Feuerwehrhaus zu verlassen und Richtung Friedhofstraße zu laufen. Ein uniformer Zug setzt sich in Bewegung. Den Tausend schließen sich zwischen Feuerwehrhaus und Friedhofstraße weitere Hänsele an, wie ein Bach mit Seitenarmen, der immer breiter wird. „Ja hört das denn nicht mehr auf?“, fragt eine junge Frau mit Koffer in der Hand, die versucht, gegen den Strom vom Bahnhof weg zu kommen.

Rund 1500 Hänsele ziehen am Fastnachtsamstag durch die Überlinger Altstadt
Rund 1500 Hänsele ziehen am Fastnachtsamstag durch die Überlinger Altstadt | Bild: Archiv

Wer sich jetzt aus den Augen verliert, findet sich nicht mehr. Ich war verabredet mit einem erfahrenen Hänsele. Ob er mich etwas an die Hand nehmen könne? Doch war er plötzlich untergegangen in der Masse und ich nun ganz alleine – oder auch nicht. Vielmehr fühle ich mich zunehmend nicht mehr als Individuum, sondern als Organ eines Dinosauriers. Ich war nie bei der Bundeswehr, Uniformen waren mir immer suspekt. Jetzt lasse ich mich gerne einfangen, mich mitreißen im Strom.

8 Musikkapellen, so viele wie noch nie, begleiten den Hänselejuck. Der Schwarmintelligenz und den Anweisungen der Hänseleräte folgend, verteilen sich die gut 1500 Hänsele gleichmäßig zwischen den Musikvereinen. Schlag 19 Uhr, Trommelwirbel, Narrenmarsch, Kappe überziehen – der Dinosaurier wird geboren.

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Sehr intensiv habe ich versucht, mir in den Tagen vor dem Hänselejuck vorzustellen, was da wohl kommen mag. So sehr, dass ich in einer Nacht davon träumte. In meinem Traum trafen sich die Hänsele in einer viel zu schmalen Gasse, sie hatte vielleicht die Breite eines Hausflurs. Hier quetschten sich die Hänsele durch, einem Licht zustrebend. Und dann verlor ich den Anschluss. Im Traum war ich falsch abgebogen…

Durch die Bengalischen Feuer herrscht beim Hänselejuck eine ganz besondere Stimmung in der Überlinger Altstadt.
Durch die Bengalischen Feuer herrscht beim Hänselejuck eine ganz besondere Stimmung in der Überlinger Altstadt. | Bild: Achim Mende

Das mit dem Licht aus meinem Traum stimmt, der Hänselebrunnen ist in rotes Licht getaucht. Nur der Geburtskanal, also die Friedhofstraße, ist breiter, kein Gewürge, kein Gedränge. Der ruhig fließende Strom der Hänsele ergießt sich in die Franziskanerstraße wie in einen Wasserfall einzelner Tropfen. Bei der Häsanprobe empfand ich die Sehschlitze immer als störend. Das Verblüffende an ihnen ist, dass man damit besser sieht – die wesentlichen Dinge nämlich, die Augen des Gegenüber. Während die Passanten den Gesamteindruck erleben, die unglaublich vielen Hänsele, die als Gesamtorganismus an ihnen vorbei ziehen, bin ich baff vom Großartigen im Kleinen.

Klare Regeln für die Hästräger

Der Hänsele hat höflich und lieb zu sein. Also bin ich höflich und lieb. Zu den Kindern, zu den Frauen. Leuchtende Augen blicken mich an, wenn ich mit dem Rüssel über ihre Augenbrauen streiche oder sie hinterm Ohr kitzle und Juhu rufe. Zu den Kleinen gehe ich in die Hocke, ich sage nichts, mache nichts, schaue einfach nur, ob das Kind keine Angst bekommt. Da strahlt es mich an in seinem Bärenkostüm, ich streiche ihm mit den weißen weichen Handschuhen übers Gesicht, reiche ihm ein Bonbon. Das Kind sagt artig Danke, auch die Eltern danken mit Blicken.

Wer mag das sein? Diese Frage sieht man ihr an, jener Frau mit dunklem Haar und rotem Hut, die oberhalb des Franziskanertors steht. Sie sieht gut aus. Sie fixiert mich. Im Vorbeigehen drehe ich meinen Kopf zu ihr, streiche mit dem Rüssel und den Händen über ihr Gesicht, reiche ihr die Hand zum Hänselewalzer, die sie gerne ergreift. Die Bühne gehört nur ihr und mir. Eine tiefe Verbeugung zum Dank und ich geleite sie zurück an die Seite ihres Mannes, dem ich aufmunternd auf die Schulter klopfe. Der Flirt endet mit einem gehauchten Kuss. „Ist der süüüüß“, ruft sie. Eine schöne Illusion.

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Ich hatte ja geahnt, dass mir die Rolle als Kuscheltier Freude machen würde. Dass man sich aber wie in einem Traum vorkommt, in dem die Menschen Schlange stehen, um mit einem zu schäkern, zu lachen, zu tanzen, zu flirten, daran hatte ich nicht gedacht.

In der Christophstraße werde ich von zwei Frauen geentert. Sie wollen sicher gehen, dass unterm Hänsele Männer stecken. Bevor ich mich wehren kann, greift eine unter die Maske: „Ja, hat einen Stoppelbart“, sagt sie siegreich.

Nach dem Juck: "Wie beseelt"

Ich bin auch zu den Männern lieb. Besonders zu den miesmuffelig in der zweiten Reihe stehenden Männern, die sich fragen, wann eigentlich sie ihre Frau zum letzten Mal am Ohrläppchen gestreichelt haben. Ich tröste sie und bringe ihnen das Juhu-Rufen bei. In der Tonart eines Gerhard Polt („Luja, sag I“) rufe ich „Ju-Hu!“. Zeige dann auf ihn. Bis er’s kapiert und mit Ju-Hu antwortet. Zur Belohnung gibt’s ein Bonbon und einen kumpelhaften Rüsselbatschen auf die Backe.

Ich habe alle Hände und Rüssel voll zu tun. Merke nicht, dass ich, wie in meinem Traum, den Anschluss zu verlieren drohe. Immer weiter falle ich zurück, bin irgendwann in der hintersten Gruppe, was ich erst bemerke, als eine Frau am Landungsplatz sagt: „Schade, das war’s.“ Und so endet der Traum in gleißendem Licht auf der Überlinger Hofstatt. Ich bleibe einfach stehen. Wie beseelt.

*Dieser Artikel ist im Jahr 2012 zum ersten Mal im SÜDKURIER erschienen.