Die Grundstückspreise, die auf dem Immobilienmarkt derzeit erzielt werden, sind verlockend. Vor allem in Seenähe schießen sie in die Höhe. Mit der Folge, dass Stadtvillen, die in größeren, teils parkähnlichen Grundstücken eingebettet waren, abgerissen werden – und einer dichten Bebauung weichen, die hohen Profit verspricht.

Nach diesem Prinzip verändert sich das Gesicht Überlingens. Jüngstes Beispiel ist der Abbruch der Villa Braus in der Mühlenstraße, mit dem in dieser Woche begonnen wurde. Der Eigentümer selbst möchte dazu öffentlich nicht Stellung beziehen. Man kann sich jedoch vorstellen, dass es ihm schwer fiel, sich von der Immobilie in Seenähe zu trennen: Sie hatte Charme, vor allem im Innern, wie die Besucher der ehemaligen Augenarztpraxis bestätigen werden, und war nicht eingepfercht in Grundstücksgrenzen, sondern von Bäumen umgeben.

Eine Bewertung aus städtebaulicher Sicht, so Baubürgermeister Matthias Längin, stehe ihm nicht zu. Jedoch teilte er auf Anfrage mit: „Ich persönlich bedauere den Abbruch dieser und ähnlich strukturierter Bausubstanz.“ Zu der Frage, welche Pläne zum Neubau es jetzt gebe, verweist Längin an den Bauherrn. „Hierzu kann ich keine Angaben machen.“ Weil es in diesem Quartier keinen Bebauungsplan gibt, müsse sich die Folgebebauung „in die bestehende Umgebungsbebauung einfügen“. Spannend wird dabei die Frage, was mit „Umgebung“ gemeint ist: Das Polizeigebäude zu linken, das ehemalige Jagdhaus zu rechten, oder das viel höhere Postgebäude? Auf Fragen hierzu ging Längin nicht ein, sondern verwies nur allgemein auf die Gesetzeslage, Paragraph 34 Baugesetzbuch.

Welche weitere Entwicklung erwartet der Baubürgermeister in diesem Quartier, zu dem einst das so genannte Kramer-Schlösschen und das Blaue Haus zählte, oder das jüngst abgerissene AOK-Gebäude? Dazu der Baubürgermeister: „Soviel Grundstücke mit ähnlicher Bebauungsstruktur gibt es in diesem Quartier nicht mehr, bei der Baurechtsbehörde befinden sich aktuell acht Vorhaben in unterschiedlichen Verfahrensständen, von der beantragten und genehmigten Bauvoranfrage bis zu erteilten Baugenehmigungen.“

Das so genannte Villensterben setzt sich in Überlingen unvermindert fort. Ja, das sei „leider“ so, kommentierte Längin auf SÜDKURIER-Anfrage. Und nennt auf die Ergänzungsfrage nach den Gegenmaßnahmen, die die Stadt ergreife, das Instrumentarium der Bauleitplanverfahren. Dort, wo wir noch reagieren können und wo es rechtlich möglich und sinnvoll ist, versuchen wir mit aktuellen Bauleitplanverfahren dem entgegen zu wirken, beziehungsweise die planungsrechtlichen Grundlagen für eine geordnete und angemessene städtebauliche Entwicklung zu schaffen.“ Beispielhaft sei hier der Bebauungsplan Nußdorfer Straße zu nennen.

Am konkreten Beispiel Mühlenstraße: Wäre es hier nicht richtig gewesen, einen Bebauungsplan frühzeitig aufzustellen und eine Veränderungssperre zu erlassen? Längin: „Hier wäre es sicher richtig gewesen, dies zu tun, das hätte allerdings bereits vor mindestens fünf Jahren, wahrscheinlich sogar noch früher, geschehen müssen, um der aktuellen Entwicklung angemessen und rechtssicher begegnen zu können.“

Überlingen verfügt (noch) über vergleichbare Gebäude, die knapp unterhalb der Schwelle Denkmalschutz liegen. Längin betont, dass im konkreten Fall untersucht wurde, ob ein Erhalt aus denkmalpflegerischer Sicht durchzusetzen ist: „Dies war leider nicht möglich“. Die Behörden hätten noch versucht, Einfluss auf die Bebauung zu nehmen. „Aber wie so oft, steht die Ertragsmaximierung der Eigentümer und Bauherren im Vordergrund.“

 

Kein Denkmalschutz

Vor dem Abriss Mühlenstraße 12 wurde untersucht, ob ein Erhalt aus denkmalpflegerischer Sicht durchzusetzen ist. „Dies war leider nicht möglich“, sagt Bürgermeister Matthias Längin. Die Behörden hätten versucht, Einfluss zu nehmen. „Aber wie so oft, steht die Ertragsmaximierung der Eigentümer und Bauherren im Vordergrund.“ (shi)