Überlingen – Zum Nachdenken anregen, Problembewusstsein schaffen und eine Kultur des Dialogs fördern: Dieses ehrgeizige Ziel verfolgt eine Initiative der Linzgau Kinder- und Jugendhilfe und des Vereins "Rückenwind für Familien" mit einem aktuellen Straßentheater im öffentlichen Raum, das Passanten und Zuschauer ganz bewusst einbezieht. "Von Wegen ...und hiergeblieben" lautet der Titel der Aktion, der zugleich Programm ist.

Mit 16 Jugendlichen und Erwachsenen mit und ohne Migrationshintergrund entwickelten die Theaterpädagogen Carlos Goeschel (Linzgau) und Claudia Mayer (Rückenwind) einen Szenenfolge, die am Samstag und Sonntag jeweils um 9.30 Uhr im Hof der Wiestorschule beginnt, an mehreren Stationen im Rathaussaal und an der Promenade fortgesetzt wird und am Pavillon im oberen Stadtgarten endet. Dort erwartet die Zuschauer nach rund 90 Minuten nicht nur ein Abschlussgespräch, sondern auch ein kleiner Imbiss.

Miteinander ins Gespräch kommen

Miteinander ins Gespräch kommen, ist ein Anliegen der Theaterpädagogen. Das Prinzip "Wer am lautesten schreit, hat recht" ist aus Sicht von Carlos Goeschel nicht zielführend. Leider werde es in der Politik oft vorgelebt. Ein konstruktiver Dialog dürfe politische Aussagen oder Position nicht einfach abwerten und verunglimpfen, betont der Theaterpädagoge. Vielmehr gelte es Fragen zu stellen, die zum Kern eines Problems führen. "Warum denkst du so? Wie kommst du zu dieser Meinung?" Nur so ließen sich zu einfache und kurzsichtige Antworten auf aktuelle Fragen sinnvoll thematisieren. "Für unsere Generation ist die Demokratie ja eine Selbstverständlichkeit", sagt Theaterpädagoge Göschel. Angesichts aktueller politischer Entwicklungen und populistischer Strömungen hält er es für geboten, über die Grundlagen nachzudenken: "Welche Werte vertreten wir? Welche Werte stehen im Grundgesetz? Wie gehen wir heute damit um?"

Diese gemeinsame Basis zu reflektieren und sich darüber auszutauschen, könne aus Sicht Göschels auch dazu beitragen, "dass wir weniger verletzlich sind und weniger Ängste entwickeln." Unter den 16 Mitwirkenden sind einige Realschüler, einige Geflüchtete und interessierte Erwachsene. "Mit der Resonanz auf dieses neue Angebot sind wir sehr zufrieden", sagt Claudia Mayer.

Carlos Goeschel von der Linzgau Kinder- und Jugendhilfe gibt das Startsignal.
Carlos Goeschel von der Linzgau Kinder- und Jugendhilfe gibt das Startsignal. | Bild: Hanspeter Walter

"Wie hältst du's mit der Religion?"

"Nach dem zweiten Aufruf habe ich es mir überlegt mitzumachen", sagt Realschülerin Selina: "Theater gespielt habe ich bisher nie. Nur als Clown bin ich schon aufgetreten." Neugierig geworden war auch Siebtklässlerin Mia. "Auf eine richtige Bühne hätte ich nicht gewollt", sagt sie: "Doch auf der Straße zu spielen ist ja etwas anderes." Die Themen haben die Schüler angesprochen. Es geht um Umwelt und Hunger, um Liebe über Grenzen hinweg und um die Gretchenfrage: "Wie hältst du's mit der Religion?"

Die Generalprobe lief ist aus Sicht der Initiatoren schon mal ganz gut. Im öffentlichen Raum Texte vorzutragen, ist keine kleine Herausforderung. "Da ist schon viel Konzentration vonnöten", erklärt Carlos Goeschel. Schließlich gebe es hier immer wieder Störfaktoren durch Straßenlärm oder Menschen, die reagieren. Abgesehen von diesen politisch-kulturellen Inhalten sieht Goeschel auch die Chance, neue lebendige Elemente in das Stadtbild Überlingens zu bringen. "Es kann ja auch andere Dinge geben außer Tourismus und Einkaufen", sagt der Theaterpädagoge: "Das kann die Stadt ja nur bereichern."

Gespannt auf die Reaktionen

Gespannt auf die Reaktionen waren und sind die Organisatoren. "Wahnsinnig begeistert" von den Überlingern ist Claudia Mayer schon nach den Proben. An verschiedenen Stationen seien die Teilnehmer mit großem Interesse angesprochen worden. "Ich habe das Gefühl, die Menschen sind sehr offen für das Projekt und die Thematik", sagt Mayer.