Überlingen – Landauf, landab klagen Chöre über Nachwuchsmangel. Die Überschrift „Chor sucht Nachwuchs“ ist mindestens so häufig zu lesen wie „Chor feiert sein 150-jähriges Bestehen“. Einige Chöre lösen sich auf wie der Kirchenchor Schwörstadt-Öflingen am Hochrhein. Andere können keine Mitglieder mehr aufnehmen wie „Lake Voices“ aus Überlingen. Deutschlandweit singen 5,4 Millionen Menschen in einem Chor, davon 2,2 Millionen in Kirchenchören.

Jeden Donnerstag haben sich 31 Sänger des Kirchenchors Schwörstadt-Öflingen getroffen, um zu singen. Bis sich der Traditionsverein anno 1813 im Januar auflöste. Der Rettungsversuch misslang – 2008 hatten zwei ehemals selbstständige Chöre fusioniert. „Aber wir haben es einfach nicht geschafft, neue Sänger und Sängerinnen zu gewinnen“, sagt der ehemalige Vorsitzende Manfred Henle. Das Durchschnittsalter von 74 Jahren sei Grund für die Auflösung.

Dieses Problem hat der gemischte Chor „Lake Voices“ aus Überlingen nicht: Das Durchschnittsalter ist mit knapp 50 Jahren recht niedrig und es melden sich mehr potentielle Mitglieder, als sie aufnehmen können. Was Lake Voices mit traditionellen Chören eint, ist allein die wöchentliche Probe. „Mit volkstümlicher Musik könnten wir uns nicht identifizieren“, sagt Chorsprecher Martin Garber, ihre Konzerte stehen etwa unter dem Motto Afrika. „Und was bei uns gut ankommt, ist Bewegung.“

Auch Moritz Puschke, Geschäftsführer des Deutschen Chorverbands (DCV) mit Sitz in Berlin, macht Mut: „Wir haben keinen Nachwuchsmangel.“ Wo Vereine sich konzentrieren und neu konzeptionieren, sehe er Potential. Das bedeute auch, dass die Tradition des 19. Jahrhunderts kaum Zukunft habe. Das bestätigt Robert Eberle, Pressesprecher der Erzdiözese Freiburg, für Kirchenchöre: „Beim klassischen Kirchenchor sind die Mitgliederzahlen rückläufig.“ Es würden sich aber neue Gruppen gründen. Ähnliches beobachtet Kord Michaelis, Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Landeskirche in Baden. Beide Kirchen zählen in Baden 40¦000 Mitglieder in ihren Chören. In Süddeutschland sei die Chordichte sehr hoch, sagt Puschke. Aber: „Reformfähigkeit muss vorhanden sein.“ Denn die Zahlen zeigen auch eine Umverteilung: Der Rückgang in ländlichen Regionen werde in größeren Städten kompensiert.

Zurück am Hochrhein schließt Henle traditionelles deutsches Liedgut als Auflösungs-Grund aus. „90 Prozent der konventionellen Chöre haben ähnliche Probleme“, sagt er, „da sind viele vom Aussterben bedroht.“ Viele Menschen würden sich nicht mehr an einen Verein binden wollen.

„Wir haben drei Wachstumsmotoren: Kinder und Jugend, Kammer und Vocal sowie Jazz und Pop“, erklärt Puschke vom DCV. Cornelia Donat, Geschäftsführerin des Badischen Chorverbands (BCV), sagt für die Region vom Hochrhein über Schwarzwald-Baar bis an den Bodensee: „Der Kinder- und Jugendbereich hat sich seit den 70er-Jahren verdoppelt.“ Insgesamt singen hier aktuell 14¦100 Sänger, vor zehn Jahren waren es noch 16¦120. Die Zahl der Vereine hat sich von 415 auf 387 reduziert. Donat sieht Chöre im Wandel: „Vereine haben begriffen, dass sie Nachwuchsarbeit leisten müssen.“

Thomas Wölfle ist Vize-Vorsitzender des Männergesangverein Frohsinn Riedböhringen. Er ist kreativ: Vor dem Frühlingskonzert verschickten die 30 Sänger 90 Briefe an potentielle Neumitglieder. Darin: Ein lustiges Anschreiben, eine Eintrittskarte sowie eine Besuchsankündigung. Etwa 25 Männer haben sie so schon kennen gelernt, einer wird dem Verein beitreten. „Natürlich ist das aufwendig, aber wer keine Mitglieder wirbt, stirbt“, sagt Wölfle. Mit ihrer neuen Chorleiterin Sarah Limberger würden sie sich noch mehr Gedanken um eine moderne Umsetzung ihrer Titel machen. „Wir wissen um unsere Wurzeln“, so Wölfle, doch das schließe einen modernen Ansatz ja nicht aus.

Tipps für Gesangvereine

Kleine praktische Maßnahmen können in Not telfen. Tipps vom Deutschen Chorverband (DCV):

  • Analyse: Welches Problem hat der Verein? Nachwuchssorgen, finanzielle Nöte oder veraltetes Liedgut? Wichtig: offen mit der Krise umgehen.
  • Rundumblick: Häufig gibt es im Umkreis einen Verein mit ähnlichen Problemen. Gemeinsam ist man stärker, man kann sich zusammentun.
  • Literatur: Viele Stücke sind vierstimmig: Die Literatur lässt sich drei- oder zweistimmig umschreiben.
  • Kooperation: Tipps und Tricks aus jahrzehntelanger Sing-Erfahrung können Chöre an Kinder und Jugendliche weitergeben.

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