Die drei Mädchen reichen mir bis zum Knie, ihre Augen fixieren mich und meinen Begleiter. Der Blick ist ehrfürchtig. Kein Wunder, schließlich bin ich ganz in Schwarz gekleidet, trage einen langen, grauen Bart und halte eine Rute in der Hand. "Hoffentlich wirke ich nicht wie der leibhaftige Bösewicht aus ihrem Märchenbuch. Und hoffentlich weint niemand", denke ich. Die Gestalt neben mir ist mein helles Gegenteil, selbst der Bart glitzert ein wenig. Lukas Keller ist in seinem Gewand eine Erscheinung. Er, der Nikolaus, sieht nicht aus wie der klischeehafte Weihnachtsmann aus der Cola-Werbung. Albe, Schultertuch, Stola, Kette und Ring, Bischofsmantel und Mitra – das originale Gewand des heiligen Bischofs von Myra. Ich bin Knecht Ruprecht, sein Begleiter. Wir stehen im Wohnzimmer der Familie Starosta. Ein Knecht, ein Nikolaus, Vater, Mutter, Oma, Opa und die drei Gründe unseres Besuchs: Milena, Nadine und Amelie. Es ist unser erster Hausbesuch am Nikolausabend.

Volontär ulian Kares schlüpft in die Rolle des Knecht Ruprecht.
Volontär ulian Kares schlüpft in die Rolle des Knecht Ruprecht. | Bild: Lukas Keller

Eine halbe Stunde zuvor weist mich Hermann Keller ein. Aufgeregt bin ich nicht. Noch nicht. Ich weiß: Wenn mir jemand, ein sicheres Gefühl bei meinem ersten Auftritt als Knecht Ruprecht vermitteln kann, dann wohl dieser Mann. Seit 39 Jahre bringt er den Bischof von Myra in die Wohnzimmer, seit zwei Jahrzehnten fährt er mit Pferd und Kutsche zum großen Nikolausempfang auf dem Lippertsreuter Marktplatz.

Hermann Keller übergibt an seinen Sohn

Angefangen habe er als Nikolaus, um das Brauchtum zu pflegen, erzählt Hermann Keller. Das habe nichts mit dem Weihnachtsmann in Rot zu tun. Er will vielmehr die Geschichte des wirklichen Schutzheiligen ins Blickfeld der Kinder bringen. Der Mann, der Anfang des vierten Jahrhunderts in Myra – dem heutigen Demre in der Türkei – den Armen und Bedürftigen helfend zur Seite stand. Ich will ihm heute dabei helfen. Als der Begleiter mit der Rute. Als Knecht Ruprecht. Doch Hermann Keller kommt nicht mit.

Der 72-Jährige möchte nächstes Jahr als Nikolaus in den Ruhestand gehen. Für ihn rückt eine Keller-Generation nach. Er meint: "Der Lukas kann in diesem Jahr in die Rolle reinwachsen." Wenige Minuten später steht der besagte Mann vor mir. Der 26-Jährige kommt aus Uhldingen von einem Hausbesuch. Sein erster in der Rolle. Mit seiner Mitra auf dem Kopf misst er über zwei Meter. So stehe ich zwischen dem alten Nikolaus in Zivil und dem neuen Nikolaus in Vollmontur. Ich frage: "Und was ist meine Aufgabe als Knecht Ruprecht?"

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Zurück im Wohnzimmer der Familie Starosta. Ich und Lukas Keller sitzen verkleidet auf zwei Stühlen nebeneinander. Die drei Mädchen Milena, Nadine und Amelie sitzen uns gegenüber. Milena spielt Blockflöte, ihre Schwestern singen "Lasst und froh und munter sein". Ich lächel ihnen aufmunternd zu. Dann fällt mir ein: Unter meinem Bart sieht das keiner.

Nach dem Lied liest der Nikolaus aus dem goldenen Buch. Er erzählt die Kornlegende, ein selbstbeschriebenes Blatt hilft ihm. Dann kommt die zugesteckte Pro- und Contra-Liste der Eltern: Jedes Mädchen bekommt Lob und ein wenig Tadel. Die Zimmer seien nicht immer aufgeräumt, sagt der Nikolaus. Die Mädchen genieren sich ein wenig, der Mann in Weiß beruhigt und sagt: "Schauen wir doch, was der Knecht Ruprecht in seinem Sack dabei hat." Dann kommt meine Aufgabe.

Strafen lehnen die Darsteller ab

Ich grummel ein wenig und reiche die Geschenke. Ich bin nämlich kein böser Rutenschläger, wie ich anfangs dachte. Ich bin nur ein Gehilfe, zwar ein wenig mürrisch und wortkarg, aber immer so, dass es nicht drohend wirkt. So erklärte Hermann Keller mir meine Rolle zuvor: "Der brutale Knecht kommt aus der Zeit, da wurde in der Schule noch geschlagen. Wir haben seine Rolle angepasst. Er ist der Helfer des Nikolauses und richtet für die Kinder die Geschenke und die Kutsche." Mir sei es vor den Kindern aber erlaubt, ein wenig mit der Rute zu rascheln. Die Pädagogik, dass der Bischof und der Knecht mit Strafen zu den Kindern kommen, lehnen beide Kellers gänzlich ab. Die Eltern sind für die Erziehung der Kinder verantwortlich, meint Hermann Keller. Ein Besuch am Abend vom Nikolaus und seinem Begleiter könne zwar unterstützen, aber nicht ein ganzes Jahr ersetzen. Wie der pensionierte Schullehrer anfangs sagte: Hier geht es darum, einen Brauch fortbestehen zu lassen.

Der Nikolaus, Lukas Keller, und Knecht Ruprecht, SÜDKURIER-Volontär Julian Kares, vor ihrem ersten Hausbesuch bei Familie Starosta aus Lippertsreute.
Der Nikolaus, Lukas Keller, und Knecht Ruprecht, SÜDKURIER-Volontär Julian Kares, vor ihrem ersten Hausbesuch bei Familie Starosta aus Lippertsreute. | Bild: Kares, Julian

Und das tue ich an diesem Abend: Nachdem Lukas Keller und ich die Geschenke an die Kinder der Familie Starosta verteilt haben, geht es weiter nach Deisendorf zur nächsten Familie. Danach zu den kleinen Kindern der Famile Keller – ein Heimspiel quasi. Mit der Zeit fühle ich mich wohl als Knecht Ruprecht, ich kenne die Abläufe. An den Türen gibt es für unseren Auftritt 20 oder 30 Euro in die Hand. Dabei gibt es eigentlich keine Gage, der Nikolaus der Kellers arbeitet ehrenamtlich.

Pünktlich um 18 Uhr treffen wir uns vor der Kutsche in Lippertreute. Dann heißt es: Kleidertausch. Hermann Keller hat seinen jährlichen Auftritt im Dorf, das lässt er sich dann doch nicht entgehen. Wie in jedem Jahr fahren er und sein Knecht Ruprecht, Andreas Vögele, mit Pferd und Kutsche auf den Marktplatz. Hunderte Kinder warten mit ihren Eltern, als der Wagen die Straße runterrollt. Die Kapelle spielt ein Lied, die Kinderaugen schauen zu den Gestalten empor. Dann beginnt der Nikolaus seine Rede: "Von drauß' vom Walde komm ich her."