Supercalifragilistischexpialigetisch: Wer kennt nicht dieses Kunstwort, das Mary Poppins als Kindermädchen im Buchstabenladen einkauft, um ihren beiden Schützlingen Michael und Jane Spaß an der Sprache und am Singen zu vermitteln. "Supercalifragilistischexpialigetisch" ist auch der Song, der der 12-Jährigen Kim Madlener aus Nesselwangen am besten gefällt. Ein Dutzend Mal hat sie ihn als Mädchen Jane Banks auf der großen Musicalbühne in Stuttgart schon gesungen, wo "Mary Poppins" noch bis zum 28. Januar auf dem Spielplan steht.

Einen Auftritt pro Woche hat die fröhliche junge Überlingerin auf der großen Bühne – mehr dürfen Darsteller ihren Alters nicht absolvieren. So stand sie einen Tag vor Heiligabend und am Samstag vor Silvester auf der Bühne – und nur noch vier weitere Auftritte werden folgen. Dann zieht "Mary Poppins" von Stuttgart nach Hamburg.

Eigentlich lag Kim ihren Eltern Marco Waibel und Monika Madlener ständig in den Ohren, bei einer der Castingshows fürs Fernsehen mitmachen zu dürfen. Denn was das Mädchen dort manchmal hörte, war eher dürftig für seine Ohren. "Kim singt den ganzen Tag, das geht schon morgens um sechs Uhr los", sagt ihr Vater. Überhaupt scheint ihr Musik im Blut zu liegen. Kim spielt Klavier und neuerdings auch Bratsche. Der Jugendkantorei blieb sie allerdings nicht lange erhalten. "Das war mir etwas zu ernst." Dann schon lieber supercalifragilistischexpialigetisch....

Doch bis dahin war noch ein weiter Weg. Nicht nur weil die Eltern allein bei der Vorbereitung bis zum ersten Bühnenauftritt wohl rund 20 000 Kilometer abgespult haben. Doch das machten sie mit ihrer Tochter lieber als ein TV-Casting. Als Marco Waibel im Urlaub in einer Illustrierten zufällig einen Aufruf mit der Suche von Kinderdarstellern für das Musical "Mary Poppins". "Das wäre doch etwas Seriöses", dachte sich der Papa und Kim sagte quasi: "Überredet. Ich probier's."

Doch da waren noch 200 andere Kinder, die gerne auf die Bühne wollten. Beim Singen und Spielen traute sich die damalige Sechstklässlerin einiges zu. "Doch ich konnte eigentlich nicht tanzen und mache das auch nicht so gerne", sagte Kim ganz ehrlich. Die erste Hürde nahm sie locker und als die letzten 19 Mädchen am Fastnachtssamstag bei den "Finals" waren und Mutter Moni vor Ort zitterte, lenkte sich Vater Marco auf dem Hänselejuck ab, ehe ihn die frohe Botschaft ereilte.

Danach war vieles anders in der Familie. "Dann haben wir von März bis September geprobt", sagt Kim lässig. Damit die Kinder durch die Mehrfachbelastung auf der Bühne nicht in die Knie gehen, ist die Anzahl der Auftritte pro Jahr auf 30 beschränkt. Einer Art Unbedenklichkeitsbescheinigung bedurfte es von Kinderarzt, Jugendamt und von der Schule. "Wir haben nicht schlecht gestaunt", wunderte sich Marco Waibel über die strengen Regularien. Umso erfreuter waren die Eltern über die Kooperationsbereitschaft der Schule. Zum Streichorchester der Schule konnte die kleine Kim mit ihrer Bratsche schließlich trotzdem gehen und die Lateinvokabeln lernte sie bisweilen auf der Autofahrt.

Und wenn ein Bus voller Mitschüler zu dem Bühnenspektakel extra nach Stuttgart fährt, ist das Motivation genug. "Wir haben alles gut beobachtet", sagt Monika Madlener: "Uns war klar: Wenn es zuviel wird für Kim, ziehen wir die Reißleine."

Zum Pflichtprogramm gehörte allerdings der Ponyhaarschnitt, den Kim schon seit September trägt, um eine authentische Jane abzugeben. "Manche Mitschüler haben mich gar nicht gleich wiedererkannt", erinnert sich der kleine Bühnenstar an den ersten Schultag nach dem Friseurbesuch in Stuttgart. Dafür wollten später wildfremde Mädchen am Überlinger Bahnhof die ersten Autogramme, als sie Kim mit dem Mary-Poppins-Beutel entdeckten und als Star identifizierten.

Inzwischen hat sie schon Routine und hoffte bei unserem Gespräch allenfalls noch, für die Derniere am 28. Januar ausgewählt zu werden. "Da würde natürlich jeder von den Kindern gerne mitmachen", sagt sie: "Ich weiß noch nicht, wie sie das entscheiden. Vielleicht wird es ja ausgelost." Inzwischen sind die Termine verteilt und die kleine Kim aus Nesselwangen hat voraussichtlich am Samstag, 27. Januar, ihren letzten Auftritt. Mit Sicherheit wird es auch nicht dazu kommen, was Kim in einem Traum schon erlebt hat. "Es war so, dass alle vier Kinderpaare gleichzeitig auf der Bühne waren und jeder nach seinem Platz gesucht hat", erzählt sie. Am Ende hat sich jedoch auch hier alles in Wohlgefallen aufgelöst.

Buch, Film und Musical

  • Buch und Film: Ihren Ursprung hat die Geschichte des Kindermädchens Mary Poppins in Romanen von P. L. Travers aus dem Jahr 1934. Auf dieser Basis entstand 30 Jahre später ein US-amerikanischer Musical-Fantasyfilm unter der Regie von Robert Stevenson. Diese Walt-Disney-Produktion machte Julie Andrews als Titelfigur berühmt und bescherte ihr 1965 einen der fünf Oscars, die der Film bekam.
  • Das Musical hatte 2004 in London Premiere und lief von 2006 bis 2013 am Broadway in New York. Seit zwei Jahren wird es von Stage Entertainment im Stuttgarter SI-Centrum präsentiert und zieht Ende Januar nach Hamburg weiter. Wer die kleine Kim Madlener noch live erleben möchte, der hat am 3. Januar um 18.30 Uhr, am 14. Januar um 14 Uhr, am 20. und 27. Januar jeweils um 14.30 Uhr die Möglichkeit dazu. Ticket-Hotline: 0 18 05/44 44, Internet: www.stage-entertainment.de (hpw)