Für Rebecca Höfli kam die Nachricht völlig überraschend: Eigentlich wollte die Owingerin im Überlinger Helios-Spital Details zur anstehenden Geburt ihres Kindes besprechen. Doch stattdessen bekam sie die Mitteilung, dass der Kreißsaal im Überlinger Krankenhaus ab dem 22. Mai für mehrere Wochen geschlossen bleibt. Grund ist ein Personalnotstand: Von acht festangestellten Hebammen sind drei gleichzeitig schwanger geworden, eine weitere scheidet aus dem Dienst aus. „Das kam für mich schon sehr unerwartet und schmeißt die Pläne durcheinander“, sagt Rebecca Höfli, die sich eigentlich vom Kopf her schon darauf eingestellt hatte, ihr Kind Ende Juni in Überlingen zur Welt zur bringen – dort, wo sie selbst zur Welt kam. Nach einer Besichtigung des Kreißsaals und Gesprächen mit Ärzten und Mitarbeitern der Geburtshilfe, war für sie klar: „Da stimmt die Atmosphäre.“ Außerdem sei es wegen der geringen Entfernung ihr Favorit gewesen. Doch nun muss sie sich anderweitig umschauen. „Für mich bedeutet das zwar kein Stress, aber weitere Termine.“

Auch in ihrem Geburtsvorbereitungskurs sei die Schließung des Überlinger Kreißsaals natürlich ein großes Thema gewesen. „Die Frauen gehen alle ganz unterschiedlich damit um“, berichtet Rebecca Höfli. „Richtig verärgert war aber niemand.“ Schließlich seien die Gründe für die Schließung ja driftig. Dennoch beginnt für die Frauen die Suche nach dem geeigneten Krankenhaus nun wieder von vorne.

Rebecca Höfli will sich nun die Geburtsstationen in Singen und Friedrichshafen anschauen und dann entscheiden. Beide Krankenhäuser seien zumindest von der Entfernung eine geeignete Alternative. „Eine halbe Stunde fahren, geht auf jeden Fall.“

Doch sind die Kliniken im Umkreis überhaupt darauf eingerichtet, möglicherweise mehr Entbindungen vorzunehmen, um den Ausfall des Angebots in der Nachbarschaft zu kompensieren? „Wir tun das Möglichste, damit jede Schwangere, die zu uns kommt, optimal in einer unserer beiden Geburtskliniken versorgt wird. Wir gehen davon aus, dass unsere Kapazitäten dafür ausreichen“, teilt Peter Fischer mit, einer der beiden Geschäftsführer des Gesundheitsverbunds im Landkreis Konstanz, dem auch die Kliniken in Singen und Konstanz angehören.

Helios informierte andere Kliniken

Nach Angaben von Andrea Jagode, der Sprecherin des Gesundheitsverbunds, hatte die Geschäftsführung des Helios-Spitals die Nachbarkliniken vorab über ein möglicherweise erhöhtes Patientenaufkommen für die Dauer der Schließung des Kreißsaals in Überlingen informiert. Sie verweist darauf, dass das Personal an den Standorten Konstanz und Singen im vergangenen Jahr verstärkt worden sei. Vor allem mit Geburtshelferinnen aus Radolfzell. Der Kreißsaal am dortigen Krankenhaus war zum 31. März vergangenen Jahres geschlossen worden.

Auch räumlich sieht sich der Gesundheitsverbund nach Angaben der Sprecherin gut aufgestellt. In der Singener Geburtshilfe stehen vier Kreißsäle zur Verfügung, am Standort Konstanz sind es drei. „Da Singen und Konstanz auch über ausgezeichnete Kinderkliniken verfügen, sind auch die Neugeborenen im Falle des Falles bestens versorgt“, erläutert Jagode.

Auch in den Kliniken Friedrichshafen und Tettnang, wo schon einige Anfragen von werdenden Müttern aus Überlingen und Umgebung eingegangen sind, gibt es noch Kapazitäten. „Wir haben noch nie eine werdende Mutter abgewiesen und werden es auch nicht tun“, teilt Susann Ganzert, Sprecherin des Medizin Campus Bodensee, mit. Zwar sei in beiden Krankenhäusern die Zahl der Geburten zuletzt angestiegen, „aber noch ist Luft nach oben und wir können jede Schwangere, die sich vertrauensvoll an uns wendet, während der Geburt begleiten“. Die Geschäftsführung des Klinikverbunds sei von der Leitung des Helios-Spitals über die Notsituation in Überlingen und über die Zahl der angemeldeten Geburten für den Zeitraum der temporären Schließung informiert worden. So habe man rechtzeitig reagieren können.

Verständnis für Situation

Sowohl Andrea Jagode als auch Susann Ganzert zeigen Verständnis für die außergewöhnliche Situation am Überlinger Helios-Spital. So räumte Jagode ein, dass in Einzelfällen auch in Singen Schwangere weggeschickt werden mussten. Dies habe allerdings nichts mit mangelnden Kapazitäten oder schlechter Planung zu tun. Vielmehr ergebe sich eine solche Ausnahmesituation, wenn eine Hebamme kurzfristig erkranke. „Bis ein Ersatz da ist, kann es sein, dass eine Frau an eine andere Geburtsklinik verwiesen wird“, teilt Jagode mit. Das tue keiner gerne und das sei für die betroffene werdende Mutter nicht schön.

Auch in den feiberuflichen Hebammenteams in den drei geburtshilf-lichen Kliniken des Medizin Campus Bodensee – neben Friedrichshafen und Tettnang zählt auch Weingarten dazu – gebe es „immer mal wieder und aus verschiedenen Gründen personelle Veränderungen, die wir nicht beeinflussen können“, wie Ganzert schreibt. Momentan seien die drei Hebammenteams aber personell gut aufgestellt, nur im Klinikum Friedrichshafen sei eine Stelle vakant.

Dass das Helios-Spital durch die Kreißsaalschließung einen langfristigen Imageverlust erleide und die anderen Kliniken im Werben um Schwangere profitieren, sei nicht gesagt. Werdende Mütter und Väter machten die Wahl des Krankenhauses meist von Kreißsaalbesichtigungen und Gesprächen abhängig. „Da gibt es viele Kriterien pro und contra.“ Bei drei Krankenhäusern mit drei Kreißsälen im Bodenseekreis und weiteren Alternativen in den benachbarten Landkreisen hätten werdende Familien eine große Auswahl. „Das ist doch toll.“

Situation am Helios-Spital

In der vergangenen Woche gab das Helios-Spital bekannt, dass die Geburtshilfe ab dem 22. Mai für fünf bis sechs Wochen schließen muss. Grund ist ein Versorgungsengpass, der dadurch entsteht, dass gleich drei Hebammen ihre Schwangerschaft gemeldet haben. „Da gilt ein sofortiges Beschäftigungsverbot“, sagte Geschäftsführer Sven Axt. Perspektivisch soll am Helios-Spital die Entbindungsstation aber eher ausgebaut werden. Denn die Zahl der Entbindungen sei rasant gestiegen. Im Juli 2018 soll der reguläre Kreißsaalbetrieb wieder aufgenommen werden. Bis dahin ist die geburtshilfliche Hotline unter 0 75 51/94 77 59 33 rund um die Uhr erreichbar.

„Das kam für mich schon sehr unerwartet und schmeißt die Pläne durcheinander.“

Rebecca Höfli, Owingen

„Wir haben noch nie eine werdende Mutter abgewiesen und werden es auch nicht tun.“

Susann Ganzert, Medizin-Campus Bodensee