Der kleine Laden in der Turmgasse birgt manche bibliophile Raritäten. Und er ist selbst eine echte Seltenheit. Mit seinem Buchantiquariat betreibt Bernd Wiese (69) das einzige Geschäft dieser Art am nördlichen Bodenseeufer. Doch nun scheinen auch die Tage dieses Ladens, der viele Liebhaber hat, gezählt und das Ende droht. Nicht weil der annähernd 70-Jährige in den Ruhestand gehen will, den sucht Wiese noch gar nicht, sondern weil ihm vom Vermieter der Mietvertrag zum Ende des Jahres gekündigt wurde. Das Lamento ist groß angesichts des drohenden Verlusts, Bücherfreunde werfen sich in die Bresche für den gelernten Wetterberater, der längst zu einem echten Fachmann für Gedrucktes von gestern und heute geworden ist.

Raritäten gibt es zwar auch, stehen bei dem Antiquar allerdings nicht im Fokus. Dazu gehörte auch ein dünnes Bändchen aus dem Jahr 1549 von dem Theologen Matthias Flacius (1520-1575) mit dem Titel "Confutatio catechismi" (rechts). Ein anderes altes Stück ist ein dünner Aristoteles aus dem Jahr 1560.
Raritäten gibt es zwar auch, stehen bei dem Antiquar allerdings nicht im Fokus. Dazu gehörte auch ein dünnes Bändchen aus dem Jahr 1549 von dem Theologen Matthias Flacius (1520-1575) mit dem Titel "Confutatio catechismi" (rechts). Ein anderes altes Stück ist ein dünner Aristoteles aus dem Jahr 1560. | Bild: Hanspeter Walter

Auch an Oberbürgermeister Jan Zeitler und an Wirtschaftsförderer Stefan Schneider hat sich Wiese in seiner Not gewandt. "Vergebens", wie er sagt. Auf eine Anfrage im Gemeinderat hatte Zeitler schon erklärt, es handle sich hier um eine privatrechtliche Auseinandersetzung, in die er sich nicht einmischen könne. Das wolle er ja auch gar nicht, beteuert Wiese. "Ich möchte keinerlei juristische Parteinahme. Ich wünsche mir ja nur das Statement: Die Stadt möchte das Antiquariat behalten."

Kleine Geschäfte mit Charme verschwinden

Viele kleine Geschäfte mit Charme seien in der Innenstadt verloren gegangen, betont der Betreiber. Jedes Jahr kämen Hunderte von Touristen in seinen Laden und: "Manche kommen sogar nur deshalb nach Überlingen." Er schätze das Antiquariat durchaus, hält Oberbürgermeister Jan Zeitler auf Nachfrage entgegen. "Ich habe auch schon ein langes Gespräch mit Herrn Wiese geführt", betont er: "Wir haben ihm vorgeschlagen, gemeinsam eine Alternative zu suchen." Doch mir erscheint Herr Wiese in dieser Sicht "etwas unbeweglich".

Die Kunst des Stapelns muss beherrschen, wer über 60 000 Bücher auf engstem Raum unterbringen will. Selbst dem hier spürbaren Erdbeben von 2004 hätten die damaligen Stapel standgehalten, sagt Wiese.
Die Kunst des Stapelns muss beherrschen, wer über 60 000 Bücher auf engstem Raum unterbringen will. Selbst dem hier spürbaren Erdbeben von 2004 hätten die damaligen Stapel standgehalten, sagt Wiese. | Bild: Hanspeter Walter

Wer einen ersten Blick in das Antiquariat wirft, kann erahnen, dass Bernd Wiese hier nur sehr ungern weichen möchte. Die ersten Bücherladungen hat er dennoch schon abtransportiert. Bis zum 31. Dezember sollte er ganz ausziehen, nach der Kündigung am 30. Juni sei ihm schon eine Räumungsklage angedroht worden. Der Enge des Raumes ist es geschuldet, dass sich die Stapel an Büchern bis unter die Decke türmen, dass die Regale überquellen von alten Schätzen und der Boden mit Literatur übersät ist. Indem er weitere Bücher abtronsportiert, hofft er, eventuell doch noch die Schließung seines Geschäfts abwenden zu können.

Bernd Wiese (69) vor seiner Tür zum Bücherparadies in der Turmgasse.
Bernd Wiese (69) vor seiner Tür zum Bücherparadies in der Turmgasse. | Bild: Hanspeter Walter

"Schauen Sie rein, Sie werden staunen!" Handschriftlich lädt Antiquar Bernd Wiese in der Turmstraße 8 mit einem Blatt an der Tür in seinen Laden ein. "Der Handel mit antiquarischen Büchern läuft zwar noch", sagt Wiese, doch: "Die Anzahl der Ladenantiquariate wird von Jahr zu Jahr deutlich geringer." Staunen wird der Besucher im Überlinger Antiquariat schnell, wenn er die Bücherberge vor sich sieht.

60 000 und 70 000 Bände im Laden

Noch mehr, wenn ihm Bernd Wiese glaubhaft versichert, dass sich hier zwischen 60 000 und 70 000 Bänden befinden. "Das ist nur ein kleiner Teil meines Bestands", betont Bernd Wiese, der es inzwischen ein bisschen bereut, früher ganze Bestände aufgekauft und beim Transport der schweren Lasten sogar sein Auto ruiniert zu haben. "Im Moment muss ich gerade ein Außenlager auflösen", sagt er. Und da kommt auch Wiese – wie jeder bescheidene Bücherhaushalt – nicht darum herum, manches zu "entsorgen", wie er sagt. Doch der Stoff wird dem Händler nicht so schnell ausgehen.

Antiquar Bernd Wiese (69) inmitten seiner Bücher.
Antiquar Bernd Wiese (69) inmitten seiner Bücher. | Bild: Hanspeter Walter

Wer in Bernd Wiese allerdings einen Don Quichotte als Kämpfer gegen die Windmühlen der Digitalisierung des Wissens und der Welt sucht, der sucht vergebens. So sehr das Internet auf der einen Seite zum Wettbewerber, ja Umsatzminderer geworden ist und auf der anderen Seite den Kunden eine Wertorientierung bei gefragten Werken bietet, ehe sie in das "Überlinger Antiquariat" kommen, so intensiv nutzt es der Händler selbst für seine Dienstleistungen. "Ich bestelle hier praktisch täglich Bücher für meine Kunden." Einen Teil seiner eigenen Bestände bietet er vor allem über die Plattform "www.booklooker.de" an. "Ich habe weit über 2000 Bücher da drin", sagt Wiese. "Doch das sind im Grunde Peanuts." Auf der eigenen Homepage präsentiert Wiese nur einige grundsätzliche Dinge und sein Selbstverständnis: "Einen Flugmeteorologen würde man nicht zwischen Bergen von Büchern vermuten", liest man dort in seiner Selbstdarstellung: "In der Überlinger Turmgasse am Franziskanertor findet sich ein solcher inmitten seines antiquarischen Bücherparadieses. Bücher, übereinander, nebeneinander ... und hinauf bis zur Decke. Das ist das Reich von Bernd Wiese." Noch.