Das St.-Nikolaus-Münster ist über tausend Jahre alt. Natürlich ist es immer eine Baustelle gewesen, dutzende Generationen haben ihr Werk an der Kirche getan. So erhielt der Nordturm seine charakteristische Welsche Haube erst um das Jahr 1575. Der gotische Chor, ein weiterer Blickfang des Gotteshauses, wurde ab 1350 gebaut. Nimmt man sein Dach ab, zeigt sich ein Skelett aus – Moment. Man kann das Dach des Münsters nicht abnehmen!

Der Überlinger Carl Fahr, Architekt im Ruhestand (80), kann es. Mithilfe weniger Mausklicks ist er in der Lage, das Münster bis auf die Grundmauern zu filetieren. Natürlich nicht die echte Kirche aus Stein, Holz und Fensterglas, sondern ein Computermodell, das seinem Vorbild in der Realität bis ins Detail entspricht. "Ich wollte das unbedingt machen, das hat mich so interessiert", sagt Fahr. Akribisch und ausdauernd hat er die Zeichnungen über viele Jahre hinweg mithilfe seines Konstruktionsprogramms CAD ("Computer Aided Design", engl. für "Computerunterstütze Darstellung") erstellt.

Das von Carl Fahr rekonstruierte Hauptschiff des St.-Nikolaus-Münsters (links) im Vergleich mit seinem Vorbild in der Realität (rechts, Bild: Stefan Hilser)
Das von Carl Fahr rekonstruierte Hauptschiff des St.-Nikolaus-Münsters (links) im Vergleich mit seinem Vorbild in der Realität (rechts, Bild: Stefan Hilser)

Basis jeder Rekonstruktion sind Daten. Alles begann daher mit der Suche nach den Plänen des St.-Nikolaus-Münsters. Fahr wandte sich an den Stadtbaumeister, an den Archivar des Städtischen Archivs und an das Bischöfliche Bauamt in Konstanz, doch niemand hatte die von Fahr benötigten Grundrisse, Schnitte und Ansichten. Vom Leiter des Erzbischöflichen Archivs Freiburg wurde Fahr gar ins österreichische Linz verwiesen, um den Nachlass des Architekten Raimund Jeblinger zu heben, der am Münster von 1908 bis 1924 Stabilisierungsmaßnahmen durchführte. Linz an der Donau! Das war Fahr zu weit.

Nochmals wandte er sich an das Städtische Archiv in Überlingen. Dessen Leiter Walter Liehner förderte schließlich einen dicken Ordner zutage, ein Register der Münsterzeichnungen. Säulen und Dienste, Fialen und Kapitelle, Giebel und Fenster – alles war vorhanden. Die Originale werden, wie sich zeigte, im Turm des Münsters selbst aufbewahrt. Mesner Markus Korn stellte schließlich das begehrte Material in Kopie zur Verfügung.

"Aufgrung dieser Zeichnungen konnte ich nun das Münster zusammensetzen", sagt Fahr. Er konstruierte in den kalten Wintermonaten, "wenn man nicht mit dem Boot hinaus auf den See kann". Stück für Stück zeichnete er die Basilika, den Chor, den Nord- und den Südturm, die Tudor-Bögen der Kapellen mit ihren individuell gestalteten Fenstern, jedes für sich ein Original. Dann ging Fahr zu den Dachkonstruktionen über. Er bildete die Gewölberippen nach, welche die Deckenkappen der Seitenschiffe tragen. "Wie die das damals gemacht haben, ist mir schleierhaft", wundert Fahr sich lachend, wenn er die besonders schwierigen Konstruktionen der Gewölbetechnik erklärt, deren Umsetzung ohne modernes Gerät nicht vorstellbar erscheint. "Es ist einfach faszinierend", murmelt Fahr.

Das Münster damals und heute

Doch das Modell des heutigen Münsters genügte dem Architekten nicht. Er wollte nicht nur die Gegenwart abbilden, sondern machte sich auch daran, die Vergangenheit zu rekonstruieren. Archivarisch beschaffte er sich das Buch des Denkmalpflegers und Lehrers Josef Hecht über "Das St. Nikolaus-Münster in Überlingen" von 1938. „Alles, was es über das Münster an Schriftlichem gibt, ist im Hecht dargestellt", stellt Fahr fest. Anhand von Hechts Studien schritt er immer weiter in die Vergangenheit, bis zur Nikolauskapelle, die um das Jahr 1000 errichtet wurde. Es handelt sich um den "ersten Sakralbau des Ortes Überlingen", wie Hecht schreibt. Es ist ein Generationengespräch unter Fachleuten, ein Dialog mit dem 1956 verstorbenen Josef Hecht. Dieser überbrückte für Fahr die Jahrhunderte und schaffte so Verständnis für das Wirken der Münsterbaumeister Rab aus Franken, Hans Dietmar und Vinzenz Ensinger aus Ulm. Das Ergebnis ist eine Chronik der Bauabschnitte von der Romanik über die Gotik bis in die heutige Zeit (siehe rechts).

Allein die Rekonstruktion des Münsters kann man als Mammutwerk adeln. Doch das Münster ist nicht der einzige Datensatz im Schatz des Architekten. Schon bevor er sich mit dem Gotteshaus auseinandersetzte, hatte er begonnen, Überlinger Häuser zu rekonstruieren. Was im Winter 2002, als Fahr in den Ruhestand trat, mit dem ersten digitalen Zeichenstrich seinen Anfang nahm, ist heute ein zusammenhängendes Quartier von über hundert Häusern. „Das war der Ausgangspunkt, das Modellieren der Stadt“, sagt Fahr. „Ich habe Häuschen für Häuschen nachgebaut.“ Von der Münsterstraße zur Promenade über den Mantelhafen bis zur Hofstatt hat der Architekt ein digitales Überlingen geschaffen, dass in seiner Detailtreue dem Juwel der Sammlung, dem Münster, in keiner Weise nachsteht.

Viele Überlinger wissen noch nichts von diesem digitalen Geschenk des Architekten an die Stadt. Carl Fahr selbst gibt sich bescheiden: "Gern würde ich die Arbeit den Münsterbesuchern zugänglich machen." Er träume von der Nachbildung der Bauabschnitte des Münsters im plastischen Modell, so wie er es in der Liebfrauenkathedrale in Antwerpen gesehen habe. "Das lässt sich auf Grundlage meiner Rekonstruktionen mit einem 3D-Drucker machen", sagt Fahr. Aber es sind noch viele weitere Verwendungsmöglichkeiten vorstellbar, vom Schulunterricht über die Simulation von Bauvorhaben für die Stadtverwaltung bis hin zum digitalen Rundlauf für das Münster als Handy-App, wie Pfarrer Berger spontan vorschlug, als Fahr ihm das Projekt vorstellte. Man darf also gespannt sein, wie es mit dem digitalen Bildband Überlingens weitergeht.

 
 


Bauabschnitte des Überlinger Münsters

Der Architekt Carl Fahr hat die Bauabschnitte des Überlinger St.-Nikolaus-Münsters rekonstruiert. Hier eine Auswahl bedeutender baulicher Veränderungen:

 

Nikolauskapelle um 1000
Nikolauskapelle um 1000
Dreischiffige Basilika Mitte des 12. Jahrhunderts
Dreischiffige Basilika Mitte des 12. Jahrhunderts
Münster Ende des 13. Jahrhunderts
Münster Ende des 13. Jahrhunderts
Neubau eines gotischen Chores und des Nordturms 1350-1380
Neubau eines gotischen Chores und des Nordturms 1350-1380
Münster 1400
Münster 1400
Satteldach über den Kirchenschiffen 1436 und Notdach über dem Osannaturm 1444
Satteldach über den Kirchenschiffen 1436 und Notdach über dem Osannaturm 1444
Münster 1512
Münster 1512
Vollendung des Nordturms mit Welscher Haube 1574-1576
Vollendung des Nordturms mit Welscher Haube 1574-1576
Münster heute
Münster heute