3 plus 6 minus 4 ist wie viel? Es ist doch egal, was das Ergebnis ist. Genauso egal ist es, welcher Wochentag heute ist. Die Stimmung ist ausgelassen, die Leute wirken wie unter Drogen, es wird extrem viel gelacht und gesungen. Irgendwie erinnert die ausgelassene Stimmung an das Oktoberfest. Wer will sich bei so viel Party schon konzentrieren oder Rechenaufgaben lösen? Oder wer weiß da noch, ob heute wirklich Samstag ist?

Es ist ein fast geheimer Szenetreff, tief unten in den Katakomben im Helios-Spital in Überlingen. Der Weg führt vorbei an ausrangierten Betten und reparaturbedürftigen medizinischen Geräten. Am Ende des langen Gangs herrscht jedes Wochenende Partystimmung bei 5 bar: Das ist nicht die Bezeichnung des Lokals, sondern die Druckanzeige der dort befindlichen Druckkammer.

5 bar ist der Überdruck, der 50 Meter unter Wasser herrscht und dem Taucher ausgesetzt wären, wenn sie so tief tauchen würden. Das ist der gefährliche Bereich, bei dem ziemlich sicher der Tiefenrausch einsetzt: Dieser kann auch schon ab 30 Metern einsetzen, je nach Verfassung des Tauchers.

Tiefenrausch ist hier in der Druckkammer erst einmal fast grenzenlose Euphorie und gute Stimmung. "Da müssen sie nur die ersten Takte von 'Alle meine Entchen' anstimmen – und alle klatschen und singen sofort mit." So beschreibt Stephan Siroky die euphorische Wirkung des Tiefenrausches.

Doch der Vizepräsident im badischen Tauschsportverband zeigt auch die andere Seite auf: "Die Kreativität kommt abhanden." Er spricht von verminderter Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit, Konzentrations- und Orientierungsverlust sowie von Sinnestäuschungen, Tunnelblick und fehlendem Zeitgefühl: "Die gefühlte Zeit von einer Minute sind in Wirklichkeit fünf Minuten gewesen."

Im Rausch sind einfache Aufgaben kaum lösbar und Probleme werden verdrängt. Und genau das ist der Punkt, an dem es beim Tauchen kritisch wird, wie Siroky ausführt: "Kleine echte Probleme unter Wasser werden in diesem Zustand schnell zu tödlichen Problemen."

Damit es nicht so weit kommt, sollen die Taucher den Effekt selbst und vor allen Dingen sicher erleben. Wie sich Tiefenrausch anfühlt, können die Taucher in der Druckkammer im Helios-Spital erfahren. Bei einer Druckkammerfahrt wird ein Tauchgang auf 50 Meter simuliert – ganz im Trockenen. Nach dem Sicherheitsbriefing wird relativ schnell der Druck erhöht und nach wenigen Minuten herrschen 5 bar Innendruck. Langsam steigt die Stimmung in der Kammer, der Tiefenrausch setzt ein. Jetzt müssen die sechs Insassen ein paar leichte Rechen- und Konzentrationsaufgaben lösen. Insgesamt 15 Minuten bleiben die Taucher auf 50 Meter, dann beginnt die Dekompressionsphase, die eine gute Dreiviertelstunde dauert.

"Tiefenrausch kann man nicht wegtrainieren, man muss vielmehr lernen, damit umzugehen", erklärt Siroky das Gefährliche daran. Daher ist solch eine Ausbildung und Erfahrung überlebenswichtig: "Wer den Effekt selber und sicher erlebt hat, kann die Selbstüberschätzung vermeiden."

Im Gegensatz zum Alkoholrausch ist der Tiefenrausch schnell therapierbar: Der Tiefenrausch verschwindet umgehend wieder beim Aufstieg in niedrigere Schichten, oder in der Druckkammer durch Senkung des Drucks. Doch wenn ein Taucher zu schnell aufsteigt, kann die Dekompressionskrankheit eintreten: Das ist der typische Tauchunfall. Extreme Müdigkeit und leichtes Hautjucken sind erste und milde Symptome, Hautkribbeln, Gelenkschmerzen und Lähmung die schweren. Durch Zufuhr von Sauerstoff und durch ärztliche Behandlung in der Druckkammer lässt sich die Dekompressionskrankheit bekämpfen, Spätfolgen für den Taucher können meist vermieden werden. Auch das ist Thema bei der Druckkammerfahrt, denn davor und danach wird dieses Wissen in Form eines Seminars vermittelt, ebenso wie das richtige Verhalten bei Tauchunfällen.

Zumindest die Tauchergruppen aus der Schweiz sowie aus Singen und Kressbronn haben an diesem Samstag ihre Lektion gelernt, das Risiko wurde ihnen vor Augen geführt. Als sie aus der Druckkammer wieder rauskommen, besprechen sie die einfachen Rechenaufgaben: "Die waren mir zu kompliziert", gesteht einer. Ein anderer versichert sich zudem, dass wirklich Samstag ist. "Vorhin wusste ich das nicht."

Druckkammer

Die Druckkammer im Helios-Spital ist fünf Meter lang, hat einen Durchmesser von zwei Metern und wiegt etwa 10 Tonnen. Sechs sitzende oder zwei liegende Menschen finden darin Platz. Betrieben wird die Druckkammer vom badischen Tauchsportverband. Zu den Hauptaufgaben gehören die Schulung und Prävention von Tauchunfällen. Die Druckkammer steht auch für die Versorgung verletzter Taucher zur Verfügung, hier kann die Dekompressionskrankheit behandelt werden. Es ist die einzige Druckkammer am Bodensee. Die nächsten Notfall-Druckkammern stehen in Ulm, Genf und Graz.