"Deutsch ist eine jüdische Sprache." Das sagte die amerikanische Germanistin und Holocaust-Überlebende Ruth Klüger 2015 an der Ben-Gurion-Universität in Israel. Keiner der Zuhörer protestierte. "Warum auch?" Diese rhetorische Frage stellt Susanne Klingenstein in ihrem Vortrag "Was ist eine jüdische Sprache?" im Städtischen Museum. Klingenstein hält ihn, auf Einladung des Vereins "Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch", anlässlich des Europäischen Tages der Jüdischen Kultur.

"Warum auch?": Schrieben doch Heine, Marx, Freud, Herzl, Kafka, Einstein, Buber, Schnitzler und Joseph Roth, "um nur die oberste Riege der jüdisch-deutschen Kultur zu nennen", deutsch.

Die Verbundenheit dieser Geistesgrößen, "mit der deutschen Sprache ist unbestritten", so Klingenstein. Letztere sei ebenso Teil ihrer Werke wie das Bewusstsein ihrer jüdischen Identität. "Doch aus eins und eins wird hier nicht zwei." Und aus Deutsch noch keineswegs eine jüdische Sprache. Was eine jüdische Sprache ausmache, illustriert Klingenstein mit jüdischen Witzen, die Freud in seiner Abhandlung "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten" erzählt. Wenn Juden unter sich sind oder wenn es ernst wird, etwa für die in den Wehen liegende Frau, dann sprechen sie Jüdisch. Klingenstein: "Deutsch ist die Sprache der Selbstdisziplin und Distanz; Jüdisch ist die Sprache der Intimität."

Das Jüdische ("Jiddische") hält sich nach der Aufklärung aber vor allem noch in Osteuropa. Die ehrgeizigen jungen deutschen Juden beginnen bereits im 18. Jahrhundert mit der Assimilation, auch wenn Lessing 1749 noch für einen Skandal sorgt, weil er in seiner Komödie "Die Juden" einen gebildeten jüdischen Helden auftreten lässt, der nicht gleich als Jude erkennbar ist. Das Stück fällt durch wegen der, so ein zeitgenössischer Kritiker, "allzu unwahrscheinlichen Schilderung eines edelmütigen Juden."

Völlig fassungslos machen die antisemitischen Hasstiraden, die Richard Wagner über ein Jahrhundert später in seinem Pamphlet "Das Judentum in der Musik" ablässt, unter anderem über die Sprache, die der Jude "immer als Ausländer" spreche. Dabei hätte Wagner hätte es doch besser wissen müssen.

Doch was ist nun tatsächlich eine jüdische Sprache? Laut Klingenstein entsteht eine solche, "wenn Juden jüdisch leben." Hebräisch, in der Gottes Gesetze durch Moses überliefert wurden, sei die älteste und die jüdischste aller Sprachen. "Sie ist der innerste Kern der jüdischen Identität." Klingenstein weiter: "Die Verbindung zwischen jüdischem Denken und hebräischer Sprache wurde unauflöslich." Sie zitiert Gershom Scholem, der 1917 die jiddische Sprache so definierte: "Die innere Form des Jiddischen, dessen oberstegeistige Ordnungen nicht ihm selber, sondern dem Hebräischen entstammen, ist eine Abbildung des hebräischen Sprachgeistes im Deutschen." Kurz gefasst: "Deutsch ist die Hülle um einen jüdischen Kern."

Ergänzt wird Hebräisch als jüdische Sprache im Babylonischen Exil, ab 586 vor Christus, durch das Aramäische, das zur Sprache des Talmuds wird. Dem Talmud, als dem Inbegriff der jüdischen Lehre, macht man 1240 in Paris den Prozess und verbrennt ihn. "Später verbrannte man dann die Juden selbst", so Klingenstein. "Die Linien von 1240 bis 1940 sind ja leider nur allzu klar." Zwar entdeckten vor allem die Reformatoren in der Renaissance wieder das Hebräische, da sie zurück zu den Quellen wollten, und bedienten sich dabei auch jüdischer Lehrer. Aber, so Klingenstein: "Das Ziel aller christlichen Hebraisten war die Bekehrung der Juden und die Auslöschung des Alten Bundes, damit der Neue sich erfülle."

Doch auch mit der Aufklärung wird der Antisemitismus nicht überwunden, nur die "Argumente" ändern sich, siehe Wagner. Dabei, so Klingenstein, war zu Wagners Zeit das Jiddische in Deutschland so gut wie ausgestorben, während es sich in Osteuropa zu einer reichen Literatursprache entwickelte. Über den Begründer der jiddischen Literatur, Sholem Yankev Abramovitsh, verfasste Klingenstein ein Buch, und brachte Abramovitsh auch Martin Walser nahe, der ebenfalls über ihn schrieb. Beide stellten Abramovitsh und ihre Werke über ihn 2014 in Überlingen vor. Klingenstein dankte Walser nochmals ausdrücklich, "dass er sich so intensiv mit der jiddischen Welt auseinandergesetzt hat", soweit sie wisse, sei Walser bislang der einzige deutsche Autor nach 1945, der dies getan habe.

Info: Zur Person

Susanne Klingenstein, geboren 1959 in Baden-Baden, ist Literaturwissenschaftlerin. Sie studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Amerikanistik in Heidelberg, Harvard und an der Brandeis University und wurde 1990 in Heidelberg promoviert. Klingenstein lehrte viele Jahre Literatur in Harvard und am Massachusetts Institute of Technology und lebt heute als freie Autorin in Boston. Zu ihren Werken zählt, neben dem Werk über Sholem Yankev Abramovitsh, auch das Buch "Wege mit Martin Walser", in dem sie eine gemeinsame Lesereise verarbeitete. (flo)