In diesem Jahr erinnern wir an 100 Jahre Frauenwahlrecht. Theresa May, Angela Merkel, Andrea Nahles: Sind die Frauen heute überall an der Macht?

Wenn man sich anschaut, wie viele Frauen heute in den Parlamenten sitzen, dann müssen wir uns schämen. Der erste Eindruck trügt, denn es sind nicht mehr als ein Drittel Frauen in der Politik. Dabei sind wir Frauen mehr als 50 Prozent der Bevölkerung. Die Bundes-SPD hat zwar eine Frauenquote von 42 Prozent und das ist gut, dennoch sitzen heute weniger Frauen im Bundestag als im Jahr 2000. Das liegt vor allem an der AfD.

Aber die AfD hat doch mit Alice Weidel auch eine Frau an der Spitze?

Ja, nur steht die Politik dieser Partei für das ewig Gestrige. Man könnte Frau Weidel aufgrund ihres Lebensmodells bei der SPD oder den Grünen vermuten, aber wenn sie den Mund aufmacht, weiß man sofort Bescheid. Ausgrenzung und Enge sind nicht weiblich und was diese Partei thematisiert, spricht mich als Frau in keiner Weise an.

Woran liegt es denn Ihrer Meinung nach, dass Frauen in der Politik und in den Machtzentren der Wirtschaft so unterrepräsentiert sind?

Anders als zum Beispiel hier im Stadtrat werden politische Karrieren im Landtag oder Bundestag meist geplant – und zwar von Männern. Frauen sind, sagen wir mal, mit 35 Jahren auf dem Gipfel ihrer beruflichen Laufbahn und gleichzeitig immer noch in einer sehr hohen Verantwortung für die Familie. Wir reden immer noch über eine große Doppelbelastung der Frauen. Die Folgen davon sind die Antwort auf die Frage. Schaue ich mir diesbezüglich beispielsweise die Entwicklung meines letzten Arbeitgebers an, sehe ich in 23 Wohnstiften des Augustinum nur fünf Direktorinnen. Dazu kommt noch die Tatsache, dass hinter jeder sogenannten Frontfrau jede Menge Männer stehen, mit denen sie sich arrangieren muss.

Müssen sich die Frauen am Überlinger Ratstisch auch immer mit den Männern arrangieren und werden sie von denen etwa sogar noch untergemangelt?

Arrangieren ja, untergemangelt nein. Wir wollen ja gemeinsam als Rat etwas erreichen und das funktioniert auch gut. Von untergemangelt kann keine Rede sein und das gilt für meine Ratskollegen und auch den Oberbürgermeister.

Ist es sehr schwer, für die kommenden Kommunalwahlen jüngere Frauen auf die Listen zu bekommen?

Ja, es ist schwer – und zwar genau aus den von mir bereits genannten Gründen. Dass wir im Überlinger Ortsverband der SPD dennoch neun Frauen auf der Liste haben, macht mich froh. Es sind jedoch nicht alles junge Frauen und ich sehe auch nicht ganz, warum dies so sein sollte.

Sie treten mit Ihren 70 Jahren noch einmal an. Warum haben Sie sich dafür entschieden? Damit würden Sie zu den älteren Frauen im neuen Stadtrat zählen.

Die Mischung macht's. Mir wird die Arbeit im Stadtrat nach fünf Jahren überhaupt nicht langweilig, im Gegenteil! Es geht im Kern gar nicht so sehr ums Lebensalter, sondern vielmehr um Neugier und die Lust am Gestalten. Mein ehemaliger Arbeitgeber, das Augustinum, holte mich sogar aus dem Ruhestand zurück. Ich nannte das scherzhaft eine "Entrentung" und arbeitete dann nochmal für drei Jahre als Direktorin in Meersburg. Allerdings wünsche ich mir sehr jüngere Frauen bei uns, aber das Eine schließt das Andere nicht aus. Junge Menschen haben oft frische Ideen und Power und wir Älteren steuern Reife und Erfahrung hinzu. Ich bin früher oft sehr spontan mit meinen Reaktionen gewesen und heute schlafe ich mal eine Nacht darüber. Eine gute Eigenschaft für politisches Handeln, wie ich finde.

Wären Sie angesichts von 26 Räten und davon nur sechs Frauen für eine Frauenquote am Überlinger Ratstisch?

Ja, aber das ist leider überhaupt nicht machbar. Allerdings liegt es ja auch an uns Frauen, wen wir wählen.

Nach Ihrer 33-jährigen Berufslaufbahn im Augustinum, die Sie den Menschen im fortgeschrittenen Lebensalter gewidmet haben, engagieren Sie sich seit zwei Jahren ehrenamtlich in der Kinderhospizhilfe bei Amalie. Sie könnten doch auch Ausstellungen besuchen, shoppen gehen...?

Der Alltag ohne sinnvolle Beschäftigung ist mir schlicht zu langweilig. Ich wollte Action haben und etwas, das mich wirklich berührt. Natürlich hat meine Arbeit für Amalie große Ähnlichkeit mit meinem bisherigen Beruf, das hat auch so ein bisschen mein Geheimnis ausgemacht.

Ist diese Aufgabe nicht auch oft emotional sehr schwer zu leisten und sehr traurig?

Ich bin gut ausgebildet worden und mache natürlich regelmäßig Supervision. Sie glauben aber gar nicht, wie viel aus den Familien, die ich begleite, zurückkommt. Unglaublich viel Erfüllung schenkt mir diese Arbeit und sie ist eine echte Bereicherung meines Lebens geworden. Es sind im Gegensatz zu Politik und Wirtschaft hier übrigens überwiegend die Frauen, die diese so wichtige Aufgabe übernehmen.