Wer Sütterlin sagt, meint nicht immer Sütterlin, sondern gelegentlich auch die noch älteren "unlesbaren" deutschen Schrifttypen. Sütterlin wurde zwischen 1915 und 1941 an preußischen, später auch deutschen Schulen gelehrt. Die von Ludwig Sütterlin um 1915 entwickelte und nach ihm benannte Schrift sollte die Handschrift im Kaiserreich vereinheitlichen und vereinfachen. Außerdem war die bis dahin mit selbst geschnitzten Federkielen geschriebene Kurrentschrift mit den neuen Stahlfedern nur sehr schwer auszuführen.

"Die Kurrentschrift mit der Stahlfeder zu schreiben, war eine Qual", erklärt der Überlinger Stadtarchivar Walter Liehner, der sich durch seinen Beruf bestens mit Paläografie, also der Lehre alter Schriften, auskennt. "Mit der starren Stahlfeder bekam man die dicken und dünnen Linien, die das Schriftbild ausmachten, nur sehr schwer hin." Das preußische Kultusministerium hatte ein Einsehen und beauftragte den Berliner Grafiker, Buch- und Schriftgestalter, Kunstgewerbler und Pädagogen Ludwig Sütterlin, eine deutsche und eine lateinische Schulausgangsschrift zu entwickeln, die einen kindgerechten Schreibunterricht mit modernem Schreibgerät ermöglichten.

Sütterlin starb im Jahr 1917. Er erlebte also nicht mehr, wie in der Weimarer Republik "Sütterlin" allmählich die Deutsche Kurrentschrift ersetzte – und auch nicht, wie sie 1941 von den Nationalsozialisten verboten wurde. Die offizielle Begründung für das Verbot: Die deutsche Schrift sei von den Juden gemacht worden, es handele sich um "Schwabacher Judenlettern". In Wirklichkeit aber lag den Nationalsozialisten daran, dass die besetzten Länder des großgermanischen Europas die deutschen Schriftstücke und Anweisungen der Nationalsozialisten lesen können sollten. Mit der Einführung der lateinischen Schrift beendeten die Nationalsozialisten also die schriftgeschichtliche Sonderrolle Deutschlands – seit dem 16. Jahrhundert hatte das Reich immer an deutschen Schriftarten festgehalten – und passten sich damit ironischerweise dem übrigen Europa an.

Die Schriften gotischen Ursprungs, zu denen die Kurrent- und die Sütterlinschrift gehören, sind heute zu einer Art Geheimschrift geworden, denn lesen können sie nicht mehr viele Menschen. Für Archivare und Historiker gehören sie als Hilfswissenschaften selbstverständlich zum Repertoire. Zum einen, um die Inhalte lesen zu können, zum anderen, um Dokumente zeitlich einordnen zu können. Es stehe schließlich nicht immer ein Datum auf den Dokumenten, erklärt der Archivar Liehner.

Doch Privatleute, die die alten Briefe ihrer Großeltern entziffern wollen, stehen oft vor einem Problem. "Wir können im Archiv leider keine Transkriptionsdienste anbieten. Wer es nicht lesen kann, ist aufgeschmissen, das muss man wirklich so sagen. Aber wir geben unseren Besuchern Übersetzungshilfen an die Hand, mit denen sie oft mit Geduld und Zeit ein gutes Stück weiterkommen." Sütterlin und Vorgängerschriften zu lesen, ist für Laien und oft auch für Wissenschaftler kein leichtes Unterfangen. Ist doch eine Handschrift nicht standardisiert, sondern trägt immer eine persönliche Note, einen besonderen Schwung. "Außerdem gibt es Sütterlin als reine Lehre nicht", so Liehner. Nicht in der Realität des Stadtarchivs. Die Stilelemente der Kurrentschrift, der Kanzleischrift, der Sütterlinschrift vermischen sich in den Dokumenten der Zeitgeschichte. "Es haben ja nicht alle Deutschen von einem Tag auf den anderen lupenrein die Schrift gewechselt."

Und ab dem 12. Mai 1922 schrieben Mitarbeiter der Überlinger Stadtverwaltung die Protokolle auf der Schreibmaschine. "Aber das Wichtigste ist noch immer das Handgeschriebene darauf", sagt Walter Liehner, "zum Beispiel die – immer in Grün und in Sütterlinschrift gehaltenen – Anmerkungen und Ideen von Bürgermeister Maurus Betz und Heinrich Emerich. Die sind unglaublich wichtig, um die Geschichte unserer Stadt wirklich zu verstehen."

 

Sütterlin-Schreibstuben

Wer die Feldpost seiner Urgroßeltern entziffern möchte oder Übersetzungshilfe für seine wissenschaftliche Arbeit braucht, findet Unterstützung in einer der rund ein Dutzend ehrenamtlichen Sütterlin-Schreibstuben . Am Bodensee betreibt der Ortsverein Konstanz der Arbeiterwohlfahrt (AWO) eine Sütterlin-Schreibstube mit rund 25 ehrenamtlichen Mitarbeitern.

Vorstandsmitglied Christine Hähl sagt: "Die meisten sind Seniorinnen und Senioren, die sich freuen, ihr Wissen weiterzugeben an die jüngere Generation, die die Sütterlinschrift und ihre Vorgängerschriften nicht mehr lesen kann." Und sie haben viel zu tun. 300 Aufträge bearbeitete die Schreibstube im Jahr 2016. Die Auftraggeber kommen aus ganz Deutschland, aber auch aus der Schweiz und aus Übersee. "Meistens werden wir von Familien angefragt, manchmal helfen wir aber auch bei wissenschaftlichen Arbeiten."

Die letzte Generation, die die alten deutschen Schriften noch beherrscht, sie in der Schule gelernt hat, stirbt langsam aus. "Das steigende Interesse zeigt, dass es Sütterlin-Schreibstuben noch braucht. Aber es wird wohl schon so sein, dass irgendwann nur noch Spezialisten diese Schrift lesen können", bedauert Christine Hähl.

Sütterlin-Schreibstuben im Internet:www.suetterlinstube.org