Überlingen – Wer in Überlingens Stadtgeschichte etwas nachblättern will, der muss derzeit auf einen Band aus dem Jahr 1970 zurückgreifen. Das Vorwort unterzeichnete Bürgermeister Reinhard Ebersbach, der beim Erscheinen zum 1200. Jubiläum noch nicht einmal ein Jahr im Amt gewesen war, insgesamt 24 Jahre an der Spitze der Verwaltung stand und inzwischen schon drei Nachfolger beobachten konnte. Dass die Uferpromenade damals lange noch nicht in Sicht war, die inzwischen dringend einer Überarbeitung bedarf, dies zeigt, wo die schriftliche dokumentierte Historie heute endet.

Dass die Zeit für eine Fortschreibung mehr als reif ist, dies machten Kulturreferent Michael Brunner und Stadtarchivar Walter Liehner bei der jüngsten Diskussion im Ausschuss für Bildung und Kultur des Gemeinderats einmal mehr deutlich. Schon vier Jahre vor dem bis vor kurzem noch fest angenommenen Jubiläumsjahr der ersten urkundlichen Erwähnung "Iburingas" ist allerdings auch klar, dass es für eine wissenschaftlich fundierte Darstellung bis 2020 kaum reichen wird.

Schon 1970 war die "Chronik" eher ein Schnellschuss gewesen, wie Archivar Walter Liehner betonte. Zumindest genüge sie nicht diesem Attribut und den Anforderungen an einen relativ vollständigen stadtgeschichtlichen Überblick.

Sein Vorvorgänger Wolfgang Bühler habe damals viel von einer Publikation Alfons Semlers aus dem Jahr 1949 übernommen, die das Kriegsende gerade noch in den Blick nahm, und zur Aktualisierung mit einigen Aufsätzen ergänzt – unter anderem vom damaligen SÜDKURIER-Lokalchef Eugen Schnering, von Gemeinderätin Dorothee Kuckay und der spätere Archivarin Gerda Koberg.

Jüngere Beispiele verschiedenen Zuschnitts gibt es. Wangen im Allgäu, mit Überlingen seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden, konnte im Vorjahr zwar erst das 1200-jährige Bestehen feiern. Dafür publizierte die Stadt mit ihrem Archivar Rainer Jensch als Autor eine repräsentative Chronik mit 750 Seiten. "Auch in Wangen war lange diskutiert worden und es war am Ende eine Notlösung", weiß Walter Liehner. Doch dafür sei sein dortiger Kollege Jensch "zwei Jahre lang von allen sonstigen Dienstpflichten entbunden worden". Für Michael Brunner war es dennoch zum einen ein "unglaublicher Kraftakt", zum anderen habe es den Nachteil, dass alles aus einem Blickwinkel geschrieben sei.
 

Überschwemmung der Gasse vor dem Promenadenbau. Bild: Siegfried Lauterwasser
Überschwemmung der Gasse vor dem Promenadenbau. Bild: Siegfried Lauterwasser | Bild: Siegfried Lauterwasser
Die Löwengasse als Zugang zur Promenade heute. Bild: Hanspeter Walter
Die Löwengasse als Zugang zur Promenade heute. Bild: Hanspeter Walter

"Da muss auch noch einiges geforscht werden", betont Walter Liehner. "Nur wiederkauen reicht nicht aus." Zudem stehen heikle Fettnäpfchen nicht nur beim Thema Nationalsozialismus, Drittes Reich und der Umgang damit nach dem Krieg offen herum. Ohne einen ebenso objektiven wie kompetenten Blick von außen geht es hier nicht. Zumindest einen qualifizierten Gesprächspartner hat das Kulturamt mit dem aus Überlinger stammenden jungen Historiker Johannes Waldschütz gefunden, den Michael Brunner schon jetzt als "große Koryphäe" bezeichnet.

Waldschütz promoviert derzeit am Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte I und Landesgeschichte der Universität Freiburg und könnte zumindest konzeptionell mitwirken.

Gefordert ist ein Spagat zwischen möglichst großer Vollständigkeit und wissenschaftlicher Korrektheit auf der einen Seite sowie einer guten Lesbarkeit auch für Laien auf der anderen. Als ob diese Gratwanderung nicht schon schwer genug wäre, soll die Chronik auch noch für jeden erschwinglich sein. "19,99 Euro sind der perfekte Preis", glaubt Michael Brunner aus Verlagskreisen zu wissen. Allein die Druckkosten für die Wangener Chronik hätten gut 70 000 Euro betragen. Doch wenn man in Zeiten der fortschreitenden Digitalsierung und der E-Books überhaupt noch etwas ins Bücherregal stellen würde, dann vielleicht am ehesten ein Kompendium der eigenen Heimat- und Stadtgeschichte.

Wie es nicht geht

Die jüngere Geschichte zeigt, dass Kompendien dieser Art in Überlingen kein gutes Karma zu haben scheinen. Auf die für 1992 geplante Hödinger Chronik wartete der Teilort nicht nur im Jubiläumsjahr vergeblich, sie wurde in der Folgezeit zum Running Gag und kann demnächst das Vierteljahrhundert ihres Nichterscheinens feiern. Das Bonmot des damaligen Kulturchefs Guntram Brummer „Ich heiße euch hoffen“ war zwischenzeitlich Ausdruck dieses Scheiterns geworden, die Hoffnung wurde nur in der Fastnacht 2006 für kurze Zeit scheinbar erfüllt. (hpw)