7.45 Uhr am Mittwochmorgen im Waldrapp-Trainingscamp in Hödingen. Es herrscht Anspannung vor dem Zug über die Alpen. Die beiden Ziehmütter Anne-Gabriela Schmalstieg und Corinna Esterer betreuen wie immer die Waldrappe. "Bitte nicht in Sichtweite der Waldrappe aufhalten", appelliert Schmalstieg, als sie über die Anlage läuft. Die Vögel und die Menschen sind bereit, wie Johannes Fritz, Biologe und Waldrappteam-Leiter, berichtet. 31 Waldrappe und vier Menschen starten an diesem Morgen nach Andelsbuch im Bregenzerwald. Das ist ihre erste Station auf der großen Reise ins Winterquartier in der Toskana.

Gespanntes warten im Trainingscamp auf den Start zum Zug über die Alpen.
Gespanntes warten im Trainingscamp auf den Start zum Zug über die Alpen. | Bild: Santini, Jenna

Noch hat Teamleiter Johannes Fritz Zeit für ein kurzes Gespräch. Die Bedingungen für den Start seien bestens, sagt der Wissenschaftler, der selbst eines der beiden Ultraleichtfluggeräte steuern wird. Blauer, beinahe wolkenfreier Himmel und Sonnenschein bestimmen das Bild. Wenn die Sonne scheint, entsteht Thermik. Eine Form des Aufwindes, die den Waldrappen beim Aufsteigen hilft.

Video: Santini, Jenna

"Wichtig ist auch, dass kein Gegenwind von Süden kommt", sagt Fritz. Von Überlingen bis nach Andelsbuch sind 90 Kilometer zurückzulegen. Im Training wurden bis zu 60 Kilometer absolviert. Trotzdem handelt es sich bei der ersten Strecke nicht um eine lange Etappe, so Fritz. Das schaffen die Waldrappe. Zweieinhalb Stunden werden sie bis in den Bregenzerwald brauchen. Die Landung ist auf einer Wiese vorgesehen, für die extra eine Landegenehmigung bei der Luftfahrtbehörde beantragt wurde. Die menschengeführte Migration ist aufwendig.

Nach 2017 die zweite Migration vom Bodensee aus

Nach 2017 fliegt das Waldrappteam zum zweiten Mal vom Bodensee über die Alpen in die Toskana. "Diesmal fliegen wir etwas weiter südlich. Nicht mehr über Ried", sagt Fritz. Eine Landung ist unter anderem auf einer Wiese am Reschenpass vorgesehen. Der Zug ist so geplant, dass die Waldrappe lange auf einer Höhe fliegen. "Es ist besser, wenn wir die Höhe halten", erklärt Fritz. Denn: Die Winde an den Talhängen erfordern große Anstrengungen. Erst nach dem Reschenpass geht es deshalb wieder richtig abwärts. Insgesamt sind sechs bis acht Etappen geplant. Pro Etappe wird es einen bis eineinhalb Tage Pause geben. Die Reisedauer beträgt so zwei bis drei Wochen.

Am Boden wird der Rest des Waldrappteams folgen. Die Wissenschaftler werden die Voliere im Gepäck haben, die die Waldrappe schon aus dem Trainingscamp kennen. "Sie sind permanent in der Voliere, wenn wir nicht mit ihnen fliegen. Die Vögel sollen nicht anfangen, eigenständig die Umgebung zu erkunden", sagt Johannes Fritz. Noch sind sie dafür zu unerfahren.

Johannes Fritz, Teamleiter, berichtet, wo sich die Vögel an den Stationen aufhalten: "Sie sind permanent in der Voliere, wenn wir nicht mit ihnen fliegen. Die Vögel sollen nicht anfangen, eigenständig die Umgebung zu erkunden."
Johannes Fritz, Teamleiter, berichtet, wo sich die Vögel an den Stationen aufhalten: "Sie sind permanent in der Voliere, wenn wir nicht mit ihnen fliegen. Die Vögel sollen nicht anfangen, eigenständig die Umgebung zu erkunden." | Bild: Hilser, Stefan

Die erste Nacht in der Voliere wird aufregend genug. Bislang war der Aufzuchtwagen ihr Lager. Im Bregenzerwald schlafen sie erstmals draußen, geschützt durch das Gehege. Fritz zufolge wird diese Premiere auch für das Team spannend. Insgesamt fiebern 25 Wissenschaftler mit.

Ausführliche Besprechung im Trainingscamp schon vor 7 Uhr

Im Trainingscamp bereiten die Frauen und Männer die Ultraleichtfluggeräte vor. Die Leinen der beiden zweisitzigen Motorschirmtrikes wollen sortiert werden. Die technische Ausrüstung – unter anderem Kameras – wird an den Ultraleichtfluggeräten fixiert. Die Funkgeräte piepen und rauschen. Eine ausführliche Besprechung hat es schon vor 7 Uhr gegeben. Letzte Absprachen bis zum Aufbruch treffen die Wissenschaftler per Funk.

Video: Santini, Jenna

Zuschauer stehen mit ihrem Hund am Rand des Startfeldes. Stören sie die Waldrappe womöglich? "Nein, sie sind weit genug weg", meldet Ziehmutter Anne-Gabriela Schmalstieg direkt aus der Voliere. Weitere 30 Zuschauer stehen ordnungsgemäß an der Straße, die an einem Maisfeld entlangführt. Vergangenes Jahr, als der Waldrapp eine ganz neue Erscheinung in Überlingen war, wurden knapp 100 gezählt.

1500 Besucher und 16 Medienproduktionen seit Mai dieses Jahres

1500 Menschen haben das Trainingscamp seit Mai dieses Jahres besucht. 16 Medienproduktionen waren zu Gast. Ein Fernsehsender und der National Geographic begleiten den Zug. Teamleiter Johannes Fritz freut sich über das große Interesse. Es hilft Projekt und Team.

Zu diesem gehört inzwischen Raphael Keßler aus Hödingen fest dazu. 2017 hat er die Wissenschaftler mehrere Wochen begleitet. Dieses Jahr werden es einige Tage sein, die er mitfährt und unterwegs mithilft. "Wie sieht die Route aus? Wo landen die Vögel? Wo wird eine Pause gemacht? Es ist sehr interessant zu sehen, ob die Migration wirklich klappt", begründet Keßler sein Engagement.

Waldrappe sollen sich auf Start konzentrieren

Von dieser Anspannung merken die Vögel am Mittwochmorgen wenig. Anne-Gabriela Schmalstieg und Corinna Esterer geben sich redlich Mühe, dass die Waldrappe voll auf sie und nicht auf den Trubel im Trainingscamp konzentriert sind. In Sichtweite befinden sich jetzt lediglich die beiden Ultraleichtfluggeräte. Bernhard Gönner vom Waldrappteam erläutert: "Sie kriegen mit, dass Flugtag ist." Mehr aber auch nicht.

Eine halbe Stunde später als vorgesehen geht es schließlich los. Gegen 9 Uhr öffnen Anne-Gabriela Schmalstieg und Corinna Esterer die Voliere.

Video: Andreas Strobel

Anschließend stürmen die Ziehmütter auf das Feld neben dem Trainingscamp. Mit lauten Rufen animieren sie die Waldrappe zum Folgen. "Kommt, Waldis", "Na los", "Auf geht's, Waldis" schallt es über die Wiese neben dem Trainingscamp.

Video: Santini, Jenna

Die Stimmen der Ziehmütter zeigen Wirkung. Schnell ist die Voliere leer. Nur ein Waldrapp hat sich etwas bitten lassen. Die Motorschirmtrikes starten. Die 31 Waldrappe fliegen in den Süden. "Alle 31 sind dabei. Servus", funkt Ziehmutter Anne-Gabriela Schmalstieg zum Abschied.

Video: Andreas Strobel

Noch eine Weile können die anderen Teammitglieder den Waldrappen hinterherschauen. Dann geht es weiter mit dem Aufräumen und danach hinterher in den Bregenzerwald.

"Alle 31 sind dabei. Servus", funkt Ziehmutter Anne-Gabriela Schmalstieg zum Abschied. Nicht lange, dann sind Waldrappe und Fluggeräte am Horizont verschwunden.
"Alle 31 sind dabei. Servus", funkt Ziehmutter Anne-Gabriela Schmalstieg zum Abschied. Nicht lange, dann sind Waldrappe und Fluggeräte am Horizont verschwunden. | Bild: Deck, Martin