Die Stadt Überlingen will am Donnerstag eine Rarität vorstellen, die Kulturamtsleiter Michael Brunner als "kleine Sensation" ankündigt: eine in Venedig gedruckte Bomberg-Bibel von 1521 aus dem Bestand der Überlinger Leopold-Sophien-Bibliothek (LSB) mit "neu entdeckten Autographen", Randbemerkungen. Diese haben es laut Brunner in sich, da sie darauf hinweisen, "dass süddeutsche Franziskanermönche bereits 1523 den Plan hegten, eine hebräische Bibel herauszugeben". Das ist insofern bemerkenswert, da die erste gedruckte hebräische Bibel, die tatsächlich nördlich der Alpen erschien, erst aus den Jahren 1534/1535 bekannt ist.

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Irritationen vor Pressegespräch

Die Hintergründe, warum die hebräische Bibel, die bereits seit 1832 im Besitz der LSB ist, ausgerechnet jetzt ins Licht der Öffentlichkeit rückt, haben im Vorfeld bereits für einige Irritationen gesorgt. Die Einladung zum Pressegespräch hatte diese Frage offen gelassen. Doch unerwartet erfuhr der SÜDKURIER die Antwort bereits am vergangenen Freitag während der Jahresversammlung des Vereins "Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch in Überlingen". Dessen Vorsitzender Oswald Burger gab, wie jedes Jahr, das Programm für den Europäischen Tag der Jüdischen Kultur im September bekannt. Die deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftlerin Susannne Klingenstein, die in Überlingen bereits mehrfach auftrat, wird ausgerechnet über die Bomberg-Bibel referieren. Ein Zufall?

Burger bringt den Stein ins Rollen

Nein: Klingenstein hatte am 5. Januar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Artikel über den Christen Daniel Bomberg und seine hebräischen Talmud- und Bibeldrucke veröffentlicht. Burger las ihn, schaute noch am selben Tag im Katalog der LSB nach, ob diese auch eine Bomberg-Bibel besitze, wurde fündig und brachte den Stein ins Rollen, was letztlich nicht nur zum Vortrag von Susanne Klingenstein führte, sondern auch dazu, dass sich Kluturamtsleiter Michael Brunner überhaupt erst mit der Bomberg-Bibel befasste.

Kulturamtsleiter reagiert ausweichend

Verärgert zeigte sich Oswald Burger, als er von der angesetzten Bibel-Pressekonferenz erst am Freitag von der SÜDKURIER-Vertreterin erfuhr. Auf Nachfrage des SÜDKURIER bei Brunner, warum er Burger darüber nicht informiert hatte, nachdem dieser doch überhaupt erst den Anstoß gegeben hatte, reagierte Brunner ausweichend: Burger habe die Bibel nicht "entdeckt", sondern lediglich im Katalog aufgestöbert. Aber, so Brunner, er werde Burger gerne über die Pressekonferenz informieren. "Das hätte ich ohnehin irgendwann getan." Erst auf nochmaliges Nachhaken räumte Brunner ein: "Freilich war es ein Hinweis von Herrn Burger, der mich aktuell dazu bewegte, die Bomberg-Bibel zu inspizieren. Das können wir auch gerne bei der Pressekonferenz so vortragen."