Die kostenlosen Eintrittskarten zum Neujahrsempfang im Kursaal waren schnell vergriffen. Riesig war das Interesse, den Festakt mit dem ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert zu erleben. Die Stadtverwaltung reagierte: Der Festakt, der den Anfang der Feierlichkeiten zu 1250 Jahren Überlingen markierte, wurde am Sonntag live im historischen Rathaussaal und im Internet übertragen.

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Auf der Internetplattform Youtube war ein Live-Stream eingerichtet. Eingebettet wurde dieser auch auf der städtischen Internetseite www.ueberlingen.de. Allerdings funktionierte nur die Übertragung direkt auf Youtube. Für den Festakt im Kursaal hatte es 400 Karten gegeben, 50 Menschen schauten sich die Übertragung im Rathaus an und in Spitzenzeiten bis zu 180 im Live-Stream.

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Lange Liste an Festgästen zu begrüßen

Oberbürgermeister Jan Zeitler hatte eine lange Liste an Festgästen zu begrüßen. Nicht nur Ehrengast Norbert Lammert befand sich im Publikum. Auch Zeitlers Amtsvorgänger Sabine Becker und Reinhard Ebersbach waren im Kursaal sowie weitere Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kirchen – und natürlich zahlreiche Bürger.

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Oberbürgermeister Jan Zeitler begrüßt Ehrengast und Festredner Norbert Lammert (links) im Kursaal. Lammert war von 2005 bis 2017 Bundestagspräsident.
Oberbürgermeister Jan Zeitler begrüßt Ehrengast und Festredner Norbert Lammert (links) im Kursaal. Lammert war von 2005 bis 2017 Bundestagspräsident. | Bild: Hilser, Stefan

Oberbürgermeister: „In Zukunft investieren“

Zeitler sprach vor ihnen zum einen über den Werdegang der Stadt Überlingen, wanderte Eckpunkte der 1250-jährigen Geschichte ab. Zum anderen verlieh er aktuellen Entwicklungen Gewicht. Der Oberbürgermeister sagte: „Wenn deutlich gemacht wird, dass Geschichte von Menschen gemacht wird, wird auch die Überzeugung wachsen“, gemeinschaftlich gestalten zu können.

Oberbürgermeister Jan Zeitler begrüßt die Gäste im Kursaal.
Oberbürgermeister Jan Zeitler begrüßt die Gäste im Kursaal. | Bild: Hilser, Stefan

Zeitler kritisiert ständiges Dagegen

In Überlingen sieht er eine Verantwortung für die Region. „Wir strahlen aus“, so Zeitler. Die Stadt sei ein bedeutender Schul- und Wirtschaftsstandort. Ein ständiges Dagegen beraube um Zukunftschancen. „Das werden ich und weite Teile des Gemeinderats nicht zulassen“, sagte Zeitler, der um Investitionen in die Zukunft bat. Diese Ausführungen bedachten die Gäste mit Applaus.

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Lammert: „Immer schön, in Überlingen zu sein“

Nach einem weiteren Stück des Madrigalchors trat Festredner Norbert Lammert an das Rednerpult. „Es war immer schön, in Überlingen zu sein“, sagte Lammert. Im Jubiläumsjahr werde es besonders schön sein. Davon ist der ehemalige Bundestagspräsident überzeugt.

Der Madrigalchor unterhält die Gäste beim Neujahrsempfang musikalisch.
Der Madrigalchor unterhält die Gäste beim Neujahrsempfang musikalisch. | Bild: Hilser, Stefan

Stadt von ehrwürdiger Geschichte geprägt

Zehn Jahre lang hatten er und seine Frau eine Zweitwohnung in Überlingen. Man habe eine besondere Beziehung zu dieser Stadt, erklärte Lammert. Damals hätten sie sich in Erwartung einer kleinen von ihrer ehrwürdigen Geschichte geprägten Stadt für Überlingen entschieden, „in grandioser Landschaft“ und „beinahe unerschöpflichen Optionen rund um den Bodensee„. Die Veranstaltungen, die in den kommenden Monaten in Überlingen anstehen, würdigte er als bemerkenswert, zollte den Organisatoren seinen Respekt.

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Jubiläen zeigen Kontinuität von Generationen

Der Bundestagspräsident a.D. spannte in seiner Festrede einen großen Bogen. Er machte sich zunächst über die Natur von Jubiläumsfeiern Gedanken. Für den Politiker gehen sie über das reine Grundbedürfnis des Feierns hinaus, sondern haben vielmehr etwas mit der Einsicht zu tun, dass „wir uns in der Kontinuität von Generationen befinden“. Gefeiert werde, „was lange vorbei ist, aber nicht unbedeutend war und nicht unbedeutend bleibt“.

Norbert Lammert spricht nicht nur über Überlingen, sondern auch über die „neue Welt, in der wir leben“.
Norbert Lammert spricht nicht nur über Überlingen, sondern auch über die „neue Welt, in der wir leben“. | Bild: Hilser, Stefan

Lammert betonte, dass jede denkbare Zukunft ihre Voraussetzungen habe. Für den CDUler eine anspruchsvolle, aber machbare Zukunft, in der die Menschen heute mehr als nur eine Zuschauerrolle einnehmen, gerade in den demokratisch verfassten Ländern. „Die Menschheit hat sich biblisch gesprochen die Erde schon längst untertan gemacht“, sagte Lammert. Es handele sich heute um eine von Menschen geschaffene Welt.

Der frühere Bundestagspräsident, Norbert Lammert, hielt im Kursaal die Festrede beim Neujahrsempfang 2020, der zugleich den Auftakt zu den 1250-Jahr-Feierlichkeiten der Stadt Überlingen darstellte.
Der frühere Bundestagspräsident, Norbert Lammert, hielt im Kursaal die Festrede beim Neujahrsempfang 2020, der zugleich den Auftakt zu den 1250-Jahr-Feierlichkeiten der Stadt Überlingen darstellte. | Bild: Hilser, Stefan

Wie möchten wir in Zukunft zusammenleben?

Wo kommen wir her? Wo wollen wir hin? Wie möchten wir in Zukunft zusammenleben? Wie reden wir miteinander? Das sind Fragen, die sich der ehemalige Bundestagspräsident stellt. Die Art der Kommunikation in sozialen Medien sei anders als das Miteinanderreden von Angesicht zu Angesicht, sagte Lammert. Es finde ein erstaunlicher Überbietungswettbewerb an Verdächtigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen statt.

Der Bundestagspräsident a.D. steht lange am Rednerpult, sorgt für Lacher aber auch Nachdenklichkeit.
Der Bundestagspräsident a.D. steht lange am Rednerpult, sorgt für Lacher aber auch Nachdenklichkeit. | Bild: Hilser, Stefan

„Zu den fatalen, beinahe unvermeidlichen Effekten dieser neuen Welt gehört, dass eine unauffällige, aber richtige Nachricht beinahe nicht wahrgenommen wird“, so Lammert, für den die digitalen Entwicklungen nicht nur Vorteile haben. Der Bundestagspräsident a.D. appellierte im Kursaal, nicht Opfer des eigenen Fortschritts zu werden.

Demokratie als Chance und Verantwortung

Der Umgang miteinander ist für ihn auch Signalgeber, wie es um eine Demokratie steht. Es gebe einen Rivalitätsreflex untereinander, das Konkurrenzdenken sei noch größer als das Verantwortungsbewusstsein für den demokratischen Staat, sagte Lammert: „Demokratien stehen und fallen mit dem Engagement ihrer Bürger.“

Die Lake  Voices beenden den offiziellen Teil des Festakts. Danach geht es für die Gäste zum Stehempfang.
Die Lake Voices beenden den offiziellen Teil des Festakts. Danach geht es für die Gäste zum Stehempfang. | Bild: Hilser, Stefan

Der Politiker erinnerte an die Weimarer Republik. „Die Weimarer Verfassung liest sich ähnlich gut wie das Grundgesetz“, sagte Lammert. Doch die Weimarer Demokratie sei nicht einmal volljährig geworden. Gescheitert sei sie nicht an fehlenden klugen Formulierungen in der Verfassung. Ihm zufolge reichte vielmehr das Engagement für die Demokratie nicht aus.

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Lammert sagte: „Nichts ist sicher, wenn wir nicht dafür sorgen, dass es sicher bleibt.“ Er hatte nicht vermutet, dass er eine solche Rede aus Anlass des 1250-Jährigen der Stadt Überlingen halten würde. Seine Ausführungen endeten in einem flammenden Appell für die Demokratie.

„Dies ist Ihre Stadt, das ist unser Land, unser Europa mit seiner Zivilisation“, sagte Lammert. Ob etwas besser gewesen sei, oder besser werde, „entscheiden wir, Sie und ich. Das ist unsere Chance und unsere Verantwortung“. Das Publikum bedachte die Ausführungen des ehemaligen Bundestagspräsidenten mit Standing Ovations.

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