Mindestens 37 Stundenkilometer schnell muss der Audi Q 5 gewesen sein, als er im März in der Rauensteinstraße gegen die zierliche Frau prallte. „Ein Stadtpanzer“, wie der Staatsanwalt den Geländewagen bezeichnete, gegen eine zierliche, 1,50 Meter große Frau. Das Gericht muss die Frage beantworten, ob es sich bei dem Zusammenstoß um einen Unfall oder um einen Mordversuch handelte.

Nach Aussage des 49-jährigen Angeklagten war er geblendet, ein Auto sei ihm entgegengekommen, ganz plötzlich. Ein Fahrfehler, ein zu starkes Ausweichen nach rechts. Dass dort seine Frau stand, die sich gerade von ihm trennte und nach 26 Ehejahren die Beziehung für beendet erklärte, will er nicht gesehen haben. „Ich habe sie doch so geliebt“, sagte er in seinem Schlusswort, bei dem ihm Tränen in die Augen schossen.

„Ein bisschen kindisch habe ich mich verhalten“, gab er zu, und meinte damit, dass er sie mehrfach bedrängte, sich nicht von ihm zu trennen. Am Tag des Geschehehns hatte er sie mit seinem Auto verfolgt, wollte wissen, zu wem sie geht. Tatsächlich war es in der Rauensteinstraße, wo die Frau eine Freundin aufsuchen wollte, zunächst zu einer kurzen Begegnung gekommen. Beide ließen die Seitenscheiben herunter, sprachen miteinander. Ein kleiner Stadtbus kam entgegen, der 49-Jährige musste zurückstoßen, vielleicht 20 Meter weit. Sie stieg aus dem Auto aus, wollte eine Frendin aufsuchen. Da gab er erneut Gas.

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Der Staatsanwalt glaubte dem Angeklagten kein Wort. Er habe seine Frau gestalkt, weil er nicht verkraften konnte, dass nach 26 Ehejahren Schluss war. „Wut, Enttäuschung, Verzweiflung und Unverständnis“ habe sich in dem Angeklagten breit gemacht, als sie an jenem Samstagnachmittag sein Verlangen nach Geschlechtsverkehr zurückwies. Sie habe sich „mustergültig“ verhalten und sei aus der Wohnung gegangen. Sie fuhr mit ihrem kleinen Toyota Aygo in die benachbarte Straße zu einer Freundin.

In diesem Bereich in der Rauensteinstraße rammte ein 49-jähriger mit seinem Audi Q 5 seine Ehefrau. Das Bild entstand zwei Tage nach dem Geschehen im März 2019.
In diesem Bereich in der Rauensteinstraße rammte ein 49-jähriger mit seinem Audi Q 5 seine Ehefrau. Das Bild entstand zwei Tage nach dem Geschehen im März 2019. | Bild: Hilser, Stefan

Als er ihr folgte, so die Sichtweise des Staatsanwalts, habe der 49-Jährige noch keine Mordabsichten in sich gespürt. Doch im allerletzten Moment, als er auf sie zufuhr, habe er „aktiv das Steuer herumgerissen“. Ein entgegenkommendes kleines schwarzes Auto, wie der Angeklagte behauptete, sei eine Erfindung. Auch dass ihn die Sonne blendete, könne man ausschließen.

Sonnenstand anders als behauptet

Laut Verkehrsgutachter konnte ihn die Sonne nicht blenden, sondern stand rechts hinter ihm, habe sogar für gutes Licht gesorgt. Sie stand mit Blue-Jeans am weißen Auto, bot vollen Kontrast, wie der Staatsanwalt bemerkte. Selbst wenn alle Aussagen des Angeklagten stimmten, hätte eine Vollbremsung genügt, um vor der Frau zum Stehen zu kommen. Nein, der 49-Jährige habe im letzten Moment entschieden, sie zu töten. Dass dafür das 2,5 Tonnen schwere Auto auch bei vergleichsweise geringem Tempo reicht, sei dem Angeklagten bewusst gewesen. Auf die Frage eines Polizisten, ob er sie verletzen wollte, habe der Angeklagte ja selbst gesagt: „Nein, wenn ich mit so einem Auto auf jemanden drauf fahre, will ich ihn töten.“ Es sei nur glücklichen Umständen zu verdanken, dass sie nicht starb. Gleichwohl wurde sie so schwer an Hüfte und Knie verletzt, dass sie nach Ansicht der Ärzte ein Leben lang mit Beschwerden rechnen muss. Abgesehen von den psychischen Folgen.

War es ein Mordversuch?

„Ihm war klar, dass sie mit diesem Angriff nicht rechnet“, sagte der Staatsanwalt. „Heimtückisch“ sei er aufgefahren, womit eines der Mordmerkmale erfüllt sei. „Niedrige Beweggründe“ seien als zweites Mordmerkmal erfüllt. Der Angeklagte habe aus Eifersucht gehandelt, nach dem Motiv: „Wenn ich sie nicht haben kann, dann soll sie kein anderer bekommen.“

Hilfsweise, falls das Gericht nicht auf Mordversuch, sondern auf versuchten Totschlag oder auf gefährliche Körperverletzung erkennen sollte, verwies der Staatsanwalt auf die gravierenden Folgen des Unfalls. Erst lag die Frau im Koma, insgesamt 30 Tage im Krankenhaus, bisher drei Operationen, starke Schmerzen, die Familie ist zerstört, der gemeinsame Sohn verweigerte eine Aussage vor Gericht, weil er die Konfrontation mit seinem Vater meiden wollte. „Jahrelang haben Sie Ihrer Frau vorhr das Leben schon zur Hölle gemacht.“ Und nun, so der Staatsanwalt nach einem Gespräch mit dem Opfer, habe sie „furchtbare Angst vor dem Tag, an dem er aus dem Gefängnis entlassen wird“. Sechs Jahre Haft, so der Antrag des Staatsanwalts, sei in jedem Fall tat- und schuldangemessen.

Auf maximal zwei Jahre, die zur Bewährung ausgesetzt werden könnten, plädierte der Verteidiger. Rechtsanwalt Henning Stutz sieht in dem Geschehen „eine Verkettung unglücklicher Umstände“. Mit Verweis auf die Herkunft des Paares sagte er: „Das war keine Scheidung auf Italienisch aus Zeiten, wo es dort noch kein Scheidungsrecht gab.“ Das sei ein tragischer Unfall gewesen, für den sein Mandant gerade stehe, auch den finanziellen Schaden in Höhe von rund 80.000 Euro wolle er wieder gut machen. Das könne er aber nur, wenn er nicht hinter Gitter gesteckt wird.

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Sein Mandant sei bisher zwar unfallfrei gefahren, „vor Fahrfehlern sei aber niemand gefeit“. Er sei erschrocken, als ein Auto entgegen gekommen sei. Man könne jeden Tag im Straßenverkehr beobachten, zu welchen Manövern manche Autofahrer imstande sind. „Mein Mandant bedauert ohne Ende, was passiert ist. Es gab kaum eine Besprechung mit ihm, an denen er nicht in Tränen ausgebrochen wäre.“

Mit tränenerstickter Stimme wandte sich der Angeklagte in seinem Schlusswort ans Gericht. „Ich habe jeden Tag gebetet, dass es ihr bald wieder gut geht.“ Er habe seiner Frau niemals etwas antun wollen. „Der Teufel ist in mein Auto gefahren“, so der Angeklagte. Er sagte „Entschuldigung“, und er schaute dabei weinend wie flehend auf den Richter. Seine Ex-Frau saß in den Zuschauerreihen. Sie würdigte er keines Blickes.