Lange hat es gedauert, bis die Vision Wirklichkeit werden konnte. Vor fast fünf Jahren hatte die Neuapostolische Kirche (NAK) in Überlingen schon einen Architektenwettbewerb zum Neubau einer Kirche am nordöstlichen Rand des Schättlisberg erfolgreich umgesetzt und ein Modell auf dem Tisch. Umplanungen des anspruchsvollen Entwurfs waren erforderlich, um Kosten einzusparen. Nun ist das Bauvorhaben auf ein Volumen von 2,75 Millionen Euro kalkuliert. Ein Jahr verloren hat die Gemeinde nach Aussagen der Architekten aufgrund des Baubooms durch die mühsame Suche nach einem Rohbauunternehmen, das aus Sicht des Bauherrn vertretbare Konditionen anbieten konnte. „Jetzt endlich ist es soweit“, freute sich Vorsteher Daniel Müller. Der Rechtsanwalt leitet die Gemeinde schon seit rund 20 Jahren.

Die NAK wurde 1863 gegründet und ist heute nicht nur die drittgrößte christliche Glaubensgemeinschaft in Deutschland, sondern hat weltweit rund neun Millionen Mitglieder. Lange sah sich die NAK vielfach mit dem Vorwurf konfrontiert, eine strenge Sekte zu sein. In den vergangenen Jahrzehnten habe es allerdings eine offene Annäherung an die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) gegeben, erklärt Jan Badewien, ehemals Weltanschauungs- und Sektenbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Baden, und sieht die NAK auf einem „ökumenischen Weg“.

Seit mehr als 60 Jahren hat sie ein Domizil in der Breitlestraße, das auf den ersten Blick nicht als Kirchengebäude zu erkennen ist. „Es entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen an Barrierefreiheit, Brandschutz und das Gemeindeleben“, sagt Müller: „Es ist zu klein geworden." Mit dem aktuellen Spatenstich sind die Weichen zur Umsetzung des Projekts am Schättlisberg gestellt, das auch dem ganzen Wohngebiet rein äußerlich einen neuen Akzent verleihen wird. Schon die nordwestliche Ecke ist seit den Anfängen der Bebauung hier von der Evangelisch-Methodistischen Kreuzkirche geprägt, deren Pastor Rouven Bürkle bei dem symbolischen Akt anwesend war. Ebenso wie Überlingens Baubürgermeister Matthias Längin und Bischof Urs Heininger, ein in Waldshut lebender Schweizer, der geistlicher Vertreter der Kirche in Süddeutschland ist.

"Das ist ein Bau, der ja in der westlichen Welt etwas seltener geworden ist", erklärte Daniel Müller in seiner Begrüßung. Es sei derzeit ja "eher so, dass Kirchen entwidmet werden". In der neuen Kirche sollen zwischen 270 und 300 Gottesdienstteilnehmer Platz finden. Ein großes Foyer, eine kleine Küche und ein Kirchenvorplatz werden die Infrastruktur für Aktivitäten der Gemeinde bieten. "Sie soll auch offen sein für alle Christen und für alle unsere Mitbürger dieser Stadt", betonte Müller. Als Veranstaltungsraum wolle die Gemeinde das neue Bauwerk jedoch nicht an andere vermieten, allein schon wegen der Haftung. Den Nachbarn versuchte Müller schon vorab mögliche Sorgen zu nehmen und bat sie um Verständnis für eventuelle Turbulenzen während der Bauzeit, die auf ein gutes Jahr geschätzt wird.

Als "nicht ganz gewöhnlichen Spatenstich" bezeichnete Baubürgermeister Matthias Längin den Startschuss für den Kirchenneubau. Erst vor kurzem habe man in seiner Heimatstadt eine Kirche des namhaften Architekten Gulbransson entwidmet, "weil eben die Nachfrage nicht da ist". Um so erstaunlicher sei es, dass das Projekt hier auf "die große Nachfrage der Kundschaft" zurückgehe.

Als "junges Büro" habe man den Wettbewerb 2012 gewonnen, sagte der Stuttgarter Architekt Peter Schlaier. Inzwischen sei es nicht mehr ganz so jung, freue sich nun jedoch umso mehr "ein ganz besonderes Projekt" umzusetzen, zu dem man "wenn überhaupt, dann vielleicht nur einmal im Leben" die Chance habe. "Es war ein langer Weg", sagte Schlaier. Doch man habe das Gebäude "quasi zwiemal geplant, um in den Kostenrahmen wenigstens halbwegs wieder zurückzukehren".


Die Neuapostolische Kirche

Die Neuapostolische Kirche (NAK) wurde offiziell 1863 in Hamburg gegründet, hat sich allerdings zu einer internationalen christlichen Gemeinschaft entwickelt, die nach eigenen Angaben weltweit rund 9 Millionen Mitglieder. Sie ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Sie finanziert sich aus freiwilligen Spenden ihrer Mitglieder.

Eine Besonderheit ist, dass die NAK drei Sakramente hat "Heilige Wassertaufe, Heiliges Abendmahl und Heilige Versiegelung", aber auch die Stellung eines "Stammapostels". Es gebe zwar durchaus einige "schwarze Flecken" in der früheren Geschichte der NAK, erklärt Theologe Jan Badewien, lange Jahre Weltanschauungs- und Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche in Baden. Aber schon seit etwa zwei Jahrzehnten gebe es regelmäßig Gespräche mit der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) und die NAK in Deutschland sei aus einer Sicht nicht nur "auf einem guten Weg", ja sie öffne sich auch der Ökumene. Rund 80 Prozent der Lieder seien auch im Evangelischen Gesangbuch zu finden. Auch wenn es bisweilen noch elitäre Strömungen gebe, gebe es inzwischen "viele freundschaftliche Kontakte". Neben den 200 Mitglieder zählende Gemeinde für Überlingen und Owingen gibt es in Uhldingen-Mühlhofen, Salem und Stockach weitere Glaubensgemeinschaften. In Überlingen war schon in den 1950er Jahren das Kirchengebäude in der Breitlestraße entstanden, das nach dem Neubau aufgegeben wird. (hpw)