Bei den Usedomer Literaturtagen Anfang April trat der 92-jährige Martin Walser aus gesundheitlichen Gründen „nur“ mittels Live-Übertragung aus seinem Nußdorfer Arbeitszimmer in Erscheinung. Im Augustinum, wenige Kilometer von zuhause entfernt, ist Walser persönlich anwesend, liest aus seinem jüngsten Buch „Spätdienst“ und unterhält sich mit dem Gelehrten Manfred Osten.

Walser definiert sich als „Sprachmensch“

Es ist ein Heimspiel in doppeltem Sinn, sitzt vor Walser doch ein Publikum, das ihn verehrt oder, wie sein Schriftstellerkollege Arnold Stadler, der auch gekommen ist, gar aufrichtig liebt. Walser ist sich bewusst: „Wir sind hier auf privilegiertem Gelände, wo Wert gelegt wird auf Ausdruck.“ Und, so hat Walser zuvor betont: „Dauer hat nur, was Ausdruck hat, was Sprache hat.“ Walser definiert sich immer wieder als „Sprachmensch“ und meint: „Man erlebt das, was man erlebt, nur, wenn es Sprache wird.“

"Lebensstenogramme" in seinem jüngsten Werk

Dem Augustinum-Klientel bescheinigt Walser, es sei „nicht so arm dran wie jemand, der außer dem Fernsehen und der Zeitung nichts hat“. Bei den Feuilletonisten rief sein jüngstes Werk, in dem Walser sich auch wieder heftig und teils namentlich an seinen Kritikern abarbeitet, unterschiedlichste Reaktionen hervor. Osten sieht „Spätdienst“ als „Freundschaftsdienst“ für den Leser. Das Buch enthält Gedichte, Aphorismen und Notizen, die Walser selbst als „Lebensstenogramme“ zusammenfasst.

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Mit seiner markanten Stimme liest er „aus diesem Buch quer durch“. Er beginnt mit dessen ersten Zeilen: „Ich möchte sein wie ein Wunsch, auf der Schwelle möchte ich stehen, ein Tag sein vor seinem Anbruch, noch nicht gewesen sein möchte ich.“ Und er endet mit dem letzten Eintrag: „Es tanzen die Blätter im Wind, wissen nicht, dass sie am Fallen sind.“ Zwischen dieser Klammer finden sich, mal melancholisch, mal lyrisch, mal ironisch, Reflexionen über das Leben, die Liebe, das Alter, den Tod, aber auch Naturgedichte und Abrechnungen mit Gegnern.

Vom Himmel durch die Welt zur Hölle

Es geht vom Himmel durch die Welt zur Hölle, um mit Goethe zu sprechen. Walser scheint sich in einem Zwischenreich zu befinden: noch fest mit der Welt, ihren Wundern und Widrigkeiten verwurzelt, doch auch schon über vielen Dingen schwebend. Und Himmel und Hölle fusionieren sowieso, wenn man einem von Osten zitierten Witz Glauben schenken darf. Goethe übrigens fehlt in Walsers Dreigestirn an Sprachvorbildern. Hölderlin hingegen zählt zu Walsers „Heiligen“, auch wenn er auf Ostens Frage, ob Hölderlins Gedicht „Hälfte des Lebens“ nicht auch „wirkmächtig“ in seinem Buch sei, lapidar antwortet: „Wenn Sie meinen.“ Allerdings ist Walser nach der Lesung erst einmal mit seinem losen Headset beschäftigt, das sich mehrfach mit seiner Brillenschnur verheddert. Es ist eine Loriot-eske Situation, bei der etwa auch Arnold Stadler mitleidet. Umso erleichterter rühmt er hinterher Walsers „Präsenz“ und „Genialität“, nachdem dieser endlich ein Handmikrofon bekommen hat und damit souverän umgeht.

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Ebenso wie damit, dass ihm sein dritter „Heiliger“, neben Hölderlin und Nietzsche, nicht gleich einfällt. Wer fehlt? Osten: „Goethe vielleicht?“ Walser trocken: „Nein, der fehlt mir nicht.“ Und er neckt Osten hinsichtlich des noch Missenden: „Ich hab' nix dagegen, dass er dir nicht einfällt.“ Dann kommt Walser selber drauf: Jean Paul ist's. Nun sind das weltliche Heilige und lange Zeit haderte Walser tatsächlich mit der Religion, der er aber an diesem Abend im christlich geprägten Augustinum einen „unauslöschlichen Beitrag“ bescheinigt. „Ich habe es immer wieder erlebt, dass die Religion ein Beispielgelände ist, ein Quellgebiet, wo alles wächst, was uns fehlt – und deshalb bin ich auch viel frömmer geworden, als ich es gewollt habe.“ Er habe erfahren, „dass Glaubenkönnen eine Stärke ist“ und „dass ohne Glaubenkönnen kein Dasein gelingen kann".

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