Als während des Ersten Weltkriegs die Restaurierungsarbeiten am Überlinger Münster fortgeführt wurden, ließ Victor Mezger im Jahr 1915 an der Decke der nördlichen Seitenkapelle des Münsters zwei Schlusssteine anbringen, von denen einer ein stilisiertes Eisernes Kreuz und der andere einen knieenden heiligen Georg darstellt, der mit der rechten Hand drei Schlangen erwürgt, die die Kriegsgegner England, Frankreich und Russland darstellen sollten.

Deutschland hat den Krieg verloren

Im September 1918 war die Oberste Heeresleitung dann zur Einsicht gelangt, dass Deutschland den Krieg verloren hatte. In Überlingen konnte man freilich noch am Allerseelentag 1918 in der Tageszeitung „Seebote“ lesen, dass die Kämpfe im Westen fortgeführt würden und es wurde immer noch zur Zeichnung von Kriegsanleihen aufgefordert, obwohl in der Frankfurter Zeitung schon von der Abdankung des Kaisers „gefaselt“ werde.

Oswald Burger ist Historiker und pensionierter Lehrer. Er trug wesentlich dazu bei, den "Goldbacher Stollen“ in Überlingen zu erforschen ,in dem während der Zeit des Nationalsozialismus viele Zwangsarbeiter ums Leben kamen. Burger war Mitbegründer des Vereins Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch in Überlingen. Für die Erforschung der Überlinger Zeitgeschichte wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Oswald Burger ist Historiker und pensionierter Lehrer. Er trug wesentlich dazu bei, den "Goldbacher Stollen“ in Überlingen zu erforschen ,in dem während der Zeit des Nationalsozialismus viele Zwangsarbeiter ums Leben kamen. Burger war Mitbegründer des Vereins Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch in Überlingen. Für die Erforschung der Überlinger Zeitgeschichte wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. | Bild: Cornelia Lenhardt

In den letzten Tagen vor dem 9. November 1918 erfuhr man in der „Seewoche“ davon, dass es „Ausschreitungen“ in München, Stuttgart und Kiel und „bolschewistische Umtriebe“ in Berlin gab. In Vorarlberg und Tirol seien Bemühungen zum Anschluss der westlichen Gebiete Österreichs an die Schweiz im Gange. Und es sei zu „Demonstrationen der Arbeiterschaft der Friedrichshafener Rüstungsbetriebe“ gekommen.

Bayern zum Freistaat erklärt

In der Zeitung vom Samstag, 9. November 1918, erfuhren die Überlinger, dass Bayern von einer Volksversammlung zum Freistaat erklärt worden sei, dass der Kaiser den Prinzen Max von Baden gebeten habe, einstweilen die Regierungsgeschäfte fortzuführen, dass er selbst aber „unter keinen Umständen seinen Platz verlassen werde“. Die österreichische Kaiserin Zita war im Schloss Wartegg (auf dem Rorschacher Berg am Bodensee) eingetroffen.

Erst am Montag, 11. November, erfuhr man das ganze Ausmaß des Umsturzes in Berlin: Die Waffenstillstandsbedingungen waren angenommen worden, der Kaiser hatte auf den Thron verzichtet und war bereits nach Holland abgereist, der neue Reichskanzler war Friedrich Ebert, Karl Liebknecht hatte die Rote Fahne auf dem Berliner Schloss gehisst, die Monarchien in Bayern und Sachsen waren beendet, in Baden war eine neue Regierung gebildet worden.

"Morgenrot einer neuen Menschheitsgeschichte"

Der Seebote stimmte seine Leser auf der Titelseite auf die neue Zeit ein: „Bürger! Das Morgenrot einer neuen Menschheitsgeschichte ist angebrochen. Daß lichter Tag werde, das ist Eure Arbeit, des Schweißes der Besten wert. Zu dieser Arbeit beizutragen, stehet zusammen, schließt Eure Reihen, dann wird Segen das Werk krönen. Jahrtausende schauen von den ewigen Bergen über dem See auf Euch, Bürger, des Bezirkes. Jahrtausende sollen diese Stunde friedlicher zielbewußter Umwälzung und Neugestaltung preisen, Euer eigenstes Werk.“

Die berühmte Karikatur von Victor Mezger mit dem "Schermuser" entstand 1919. Zu sehen ist der Maulwurfsfänger als Vertreter der ärmsten Schicht auf dem Land, der mit einer Fahne losmarschiert, mit der Unterschrift: REVOLUTIONSTAG IN ÜBERLINGEN: "So etzt simmir Moschter." (hochdeutsch: So, jetzt sind wir Meister.)
Die berühmte Karikatur von Victor Mezger mit dem "Schermuser" entstand 1919. Zu sehen ist der Maulwurfsfänger als Vertreter der ärmsten Schicht auf dem Land, der mit einer Fahne losmarschiert, mit der Unterschrift: REVOLUTIONSTAG IN ÜBERLINGEN: "So etzt simmir Moschter." (hochdeutsch: So, jetzt sind wir Meister.) | Bild: Stadtarchiv Überlingen

Am Montagabend stellten sich die Behörden – das Großherzogliche Bezirksamt und das Rathaus – „auf den Boden der neuen Tatsachen“ und besuchten eine Versammlung mit 31 Teilnehmern im Christophskeller (heute befindet sich dort die Drogerie Müller), bei der ein Arbeiter-, Soldaten- und Bauern-Rat für Überlingen eingerichtet wurde. Das Mitglied dieses Rates Dr. W. Seitz hielt am Dienstag, 12. November, auf dem Platz vor dem Badhotel, der mit drei Roten Fahnen geschmückt war, eine Ansprache, in der er die Volksbefreiung würdigte, aber zugleich zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung aufrief.

Am Mittwoch, 13. November, fand im Rathaussaal eine Sitzung des Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrates in Anwesenheit des Regierungsrates Hermann Levinger und des Bürgermeisters Maurus Betz statt, in der die beiden höchsten Repräsentanten der bisherigen Ordnung in ihren Ämtern bestätigt wurden. Alle Beamten sollten ihren Dienst weiter versehen.

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Hermann Levinger, der seit 1908 Amtsvorstand des Bezirksamtes des Großherzogtums Baden in Überlingen war, blieb in seinem Amt als Landrat der Republik Baden bis zum Eintritt in den Ruhestand im August 1930. Maurus Betz, seit 1885 Bürgermeister in Überlingen, blieb dies bis zum Eintritt in seinen Ruhestand im September 1919. Die wichtigste Aufgabe, die die beiden zu bewältigen hatten, war die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln.

Die Neuordnung wurde abgeschlossen durch die Wahlen zur Badischen Nationalversammlung am 5. Januar 1919, bei denen in Überlingen das katholische Zentrum 50,6 Prozent, die liberale DDP 32,2 Prozent und die SPD 17,1 Prozent erhielten. Bei den Wahlen zur Verfassunggebenden Nationalversammlung am 19. Januar 1919, die dann die Verfassung der Weimarer Republik ausarbeitete, wählten die Überlinger mit 51,3 Prozent das Zentrum, mit 25,6 Prozent die DDP, mit 18,6 Prozent die SPD und mit 4,5 Prozent die DNVP.

Ein Denkmal für die Krieger

Bemühungen zur Errichtung eines Kriegerdenkmals für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs gab es bereits 1919 noch unter Leitung von Bürgermeister Betz. Obwohl der evangelische Stadtpfarrer dagegen protestierte, beschlossen Gemeinderat und Bürgerausschuss, der gefallenen Krieger durch die Umgestaltung des sogenannten „Waibelchörles“ durch Victor Mezger im Überlinger Münster zu gedenken. Zusätzlich wurde bei der Hofglasmalerei F.X. Zettler in München die Gestaltung eines Glasfensters in Auftrag gegeben. Auf dem Epitaph wird seither 143 Gefallener des Ersten Weltkriegs gedacht, selbstverständlich auch der Protestanten und eines Juden. Insgesamt soll es 165 Gefallene und Vermisste aus Überlingen gegeben haben.

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Auf dem Fenster, das erst 1926 fertiggestellt wurde, sind die Kriegsverkündigung, der Abschied der Soldaten aus der Heimat und ihr Abmarsch, Szenen im Schützengraben und Lazarett, die Spendung der Sakramente und die Empfehlung der Gefallenen an die Überlinger Patrone Nikolaus und Michael dargestellt. Am Fuß des Fensters ist eine Szene zu sehen, wie Kinder Kriegsgräber pflegen. In der Tat hatten Überlinger Kinder 1915 auf dem Münsterplatz Miniatur-Heldengräber errichtet und geschmückt.

 

Die Geschichte der Stadt hält ein besonderes Beispiel des Gedenkens an die Toten des Ersten Weltkriegs bereit: die Kriegergedächtniskapelle im St.-Nikolaus-Münster. Im September 1918 stellten 98 Bürger an den Gemeinderat und Bürgerausschuss den Antrag, ein ehrendes Wahrzeichen zu errichten. Am 1. Juli 1919 waren die Vorarbeiten abgeschlossen. Nach Querelen zwischen Katholiken und Protestanten wurde das Werk Ende 1919 begonnen.

Neben dem Kriegergedächtnisfenster ist im St.-Nikolaus-Münster die Kriegergedächtniskapelle mit Namen der Gefallenen enstanden. Diese wurde allerdings erst nach achtjähriger Bauzeit fertiggestellt. Der Grund: Die Inflation hatte alle Gelder aufgefressen. Am 28. Februar 1926, am Volkstrauertag, wurde sie eingeweiht.

Stadtarchivar Walter Liehner hat einen Aufsatz über das Fenster und zur Kriegergedächtniskapelle im St.-Nikolaus-Münster geschrieben. Veröffentlicht wurde dieser im Jahrbuch des Bodenseekreises 2007.