Bei Grabungen im Umfeld der ursprünglichen Pfarrkirche Überlingens, der Kirche Sankt Michael in Aufkirch, spannende Funde zu erwarten, ist nicht so unwahrscheinlich. Der älteste Teil dieser Kirche reicht bis ins achte Jahrhundert zurück. Mit ein wenig Phantasie sind mittelalterliche Münzen, Krüge oder Tonschalen vorstellbar.

Was die Grabungen südlich der Kirche im September zu Tage gebracht haben, waren allerdings nicht unbedingt zu erwarten. Die Römer siedelten in Aufkirch und genossen vermutlich den schönen Blick über das Tal und den See.

Im Juli begleitete das Landesamt für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart den Erdabtrag für ein Bauvorhaben mehrerer Wohnhäuser, die als Ferienhäuser genutzt werden sollen. Dabei zeigten sich direkt unter dem Humus mehrere Mauern einer älteren Bebauung, die eine anschließende Rettungsgrabung erforderlich machte. Das beauftragte Grabungsunternehmen dokumentierte unter der Leitung von Ralf Keller die Funde in einem Zeitraum von vier Wochen, heißt es in einer Mitteilung des Regierungspräsidiums Stuttgart. Die Grabungsarbeiten wurden am 7. September abgeschlossen und die Bauarbeiten anschließend wieder fortgesetzt, so die Pressestelle des Regierungspräsidiums.

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Auf Anfrage teilt die Pressestelle der Stadt mit, dass eine Auflage zur Baugenehmigung die archäologische Begleitung durch eine qualifizierte Grabungsfirma war, da mit archäologischen Funden zu rechnen gewesen sei. Diese archäologischen Untersuchungen haben Vermessungen, Fotodokumentationen und die Entnahme von Bodenproben beinhaltet. Die Grabungen konnte abgeschlossen werden, „nachdem sämtliche angetroffenen Funde und Befunde fachgerecht dokumentiert wurden“.

Das Bild zeigt die Dokumentation durch das Grabungsunternehmen.
Das Bild zeigt die Dokumentation durch das Grabungsunternehmen. | Bild: Ralf Keller, Fodilus GmbH

Was aber haben die Grabungen überhaupt ergeben? Wie das Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart mitteilt, sind die Funde deutlich älter als erwartet. Die Mauern gehörten zu einem römischen Gebäude, das teilweise unterkellert gewesen sei. Die Wände des Kellerraumes aus sogenanntem Zweischalenmauerwerk seien ursprünglich verputzt gewesen, der Kellerboden habe einen Mörtelestrich besessen. Der Keller sei wohl über zwei Zugänge erreichbar gewesen. Im Nordosten habe eine Treppe und im Süden eine Rampe in das Untergeschoss geführt. Dort wurden anscheinend Vorräte gelagert, so das Ergebnis der Grabungen.

„Auch, wenn der Ostteil des Gebäudes durch frühere und aktuelle Baumaßnahmen schon zerstört war, wird deutlich, dass das Haus Teil einer größeren Gesamtanlage einer sogenannten ,Villa rustica‘, einem römischen Gutshof, war.“ In der Regel würden sich solche Anlagen aus verschiedenen Gebäuden zusammensetzen, die von einer Hofmauer umgebenen sind. Typischerweise seien ein Wohnhaus mit Bad, Stallungen und Wirtschaftsgebäuden darunter, die die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgten.

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Dass es in Aufkirch einen römischen Gutshof gab, war laut Landesamt für Denkmalpflege bisher nicht bekannt. „Neben dem Einzelfund einer römischen Münze aus Aufkirch, die dem zweiten Jahrhundert nach Christus zuzuordnen ist, sind bislang auf Überlinger Gemarkung nur römische Scherben aus einer Mittelaltergrabung in der Christophstraße und mehrere Einzelfunde in Ufernähe bekannt.“ Doch warum wurden die Bauarbeiten nach Abschluss der Grabungen fortgesetzt?

„Im vorliegenden Fall wurde eine fachgerechte Ausgrabung der noch ungestörten Teilbereiche auf Kosten der Bauherrschaft durchgeführt, um den Dokumentwert des Gebäudes für künftige Generationen zu erhalten.“ Dies sei das übliche Vorgehen bei solchen Kulturdenkmalen, so das Landesamt für Denkmalpflege. Die Erhaltung dessen darüber hinaus zu erzwingen, wäre „wirtschaftlich unzumutbar und lediglich bei Befunden von besonderer oder gar nationaler Bedeutung zu rechtfertigen“. Wie hoch diese Kosten für den Erhalt sein könnten, lasse sich nicht pauschal beantworten.

Bedeutung des Fundes in Aufkirch

Über das Siedlungs- und Straßennetz im Hinterland des Überlinger Sees ist wenig bekannt. Nur vereinzelt seien Fundstellen, wie ein Gutshof bei Bambergen, archäologisch untersucht werden, teilt das Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart mit. „Das jetzt aufgedeckte Gebäude bildet daher einen wichtigen Baustein für die Kenntnis der Römerzeit am See.“

Das Gebäude sei wohl vom ausgehenden ersten Jahrhundert nach Christus bis zum Ende der römischen Besetzung um die Mitte des dritten Jahrhunderts nach Christus genutzt worden und in dieser Zeit mehrmals umgebaut worden. „Eine Brandschicht im Kellerabgang könnte mit dem Ende des Gutshofs in Zusammenhang stehen“, so das Landesamt für Denkmalpflege. „Mauersteine aus der römischen Ruine dürften noch im Mittelalter beim Bau der Michaelskirche Verwendung gefunden haben.“

Der römische Gutshof in Aufkirch ist also kein gewöhnlicher Fund, wie das Landesamt für Denkmalpflege zugibt. Doch sei es nicht von besonderer Bedeutung. Dies wäre der Fall, wenn „gesamte Gebäudegrundriss erhalten gewesen wäre, außer den Fundamenten auch noch Reste des aufgehenden Mauerwerks und beziehungsweise oder Nutzungsniveaus vorhanden gewesen wäre“. Dann wäre es erforderlich, dass dem Gebäude eine bestimmte Nutzung zuweisen werden könne. „Es dürfte sich also nicht um einen römischen Gutshof in einer der üblichen Bauformen handeln – davon gibt es in Baden-Württemberg viele. Der Überlinger Befund ist dennoch von lokaler und regionaler Bedeutung.“

Also geht der Bau zweier Ferienhäuser im Rahmen der Landwirtschaft weiter. Die Funde würden zunächst gereinigt, inventarisiert und anschließend archiviert, teilt das Landesamt für Denkmalpflege mit. „Ob sich darunter ausstellungsfähige Objekte befinden, wird sich erst dabei zeigen.“ (nav)