Bei einem Besuch in Auschwitz entdeckt Paul Glaser auf einem Stapel mit Gepäckstücken aus dem einstigen Besitz ermordeter Juden einen Koffer aus den Niederlanden, der mit seinem Nachnamen beschriftet ist. Dieses Schlüsselerlebnis bewegt Glaser dazu, ein Familiengeheimnis zu lüften.

Buch wird in viele Sprachen übersetzt

Er werde gleich zwei wahre Geschichten erzählen, kündigt Paul Glaser an, als er am Europäischen Tag der Jüdischen Kultur auf Einladung des Vereins "Goldbacher Stollen" im Museumssaal auftritt. Es ist zum einen die Geschichte seiner Tante Roosje, die Glaser im Buch "Die Tänzerin von Auschwitz" festgehalten hat, das in viele Sprachen übersetzt und auch verfilmt wurde: Die bildschöne Frau gibt in Holland bis 1942 Tanzunterricht, entzieht sich lange der Judenverfolgung, wird vom Ex-Mann und später auch von einem ehemaligen Liebhaber verraten, überlebt die Shoah und landet nach dem Krieg in Stockholm, wo sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 lebt.

Eigene jüdische Wurzeln entdeckt

Zum anderen erzählt Glaser aber auch die Geschichte, wie er, Katholik, als längst Erwachsener nicht nur auf Roosje, sondern auch auf seine eigenen jüdischen Wurzeln aufmerksam wird. Denn sein jüdischer Vater, Roosjes Bruder, der 2017 mit 98 starb, schweigt darüber eisern bis zu seinem Tod. Als ihn Paul mit seinen Entdeckungen konfrontiert, meint der Vater nur: "Behalte das Familiengeheimnis für dich. Sonst wird man es früher oder später gegen dich verwenden." Diese Worte werden in Zeiten, in denen der Antisemitismus in Europa wieder auf dem Vormarsch ist, im Publikum noch lange nachhallen.

Von Helden und komplizierten Figuren

Kann man aus der Geschichte lernen? Darüber, sagte eingangs Oswald Burger vom "Stollen"-Verein, habe er mit dem Ehepaar Glaser, das aus den Niederlanden angereist war, am Vorabend lange diskutiert. "Wir waren uns uneins. Aber wir können es nicht unterlassen, davon zu erzählen." Und zwar nicht nur von Helden, so Burger, sondern auch von "komplizierten Figuren wie Tante Roosje", die sieben Konzentrationslager überlebte, in Auschwitz zwangssterilisiert wurde, Leichen aus den Gaskammern räumen musste, sich aber auch mit SS-Offizieren einließ, ihnen Tanz- und Benimmunterricht gab, im KZ Kabarett aufführte und Lieder schrieb. "Sie wollte immer Mensch bleiben", betont Glaser. Die Pianistin Barbara Klobe und der Saxofonist Benjamin Engel, die den Abend musikalisch begleiten, spielen und singen neben zeitgenössischer Musik auch Lieder von Roosje, darunter: "Ich hab' mir in Auschwitz einen Kapo angelacht".

Es gibt noch einiges aufzuarbeiten

Die Niederlande betrachtete sie nach dem Krieg nicht mehr als ihr Vaterland. Zwar, so Glaser, gerierte sich das Land hinterher als Hort des Widerstands gegen die Deutschen, auch er habe das lange geglaubt. Die Wahrheit aber sehe ganz anders aus. Hier gäbe es noch einiges aufzuarbeiten.