Nicht nur für blinde und sehbehinderte Menschen ist der Autoverkehr ein großes Problem und eine stete Gefahr. Auch die Belange von gehbehinderten Senioren gelte es bei Planungen und Wegeführungen viel stärker zu berücksichtigen, um ihnen die verbliebene Bewegungsfreiheit zu bewahren, sagt Rita Jacobs (76). Seit rund neun Monaten wohnt sie in der Seniorenwohnanlage Haus Rengold und hat noch Probleme sich zurechtzufinden.

"Ich möchte mir doch ein Stück Selbstständigkeit bewahren und alleine einkaufen gehen können", sagt Jacobs, die gerne mit ihrem schottischen Vierbeiner Maxi, einem West Highland White Terrier, den Weg ins Einkaufszentrum "La Piazza" sicher zurücklegen möchte. Doch das sei schlichtweg unmöglich, beklagt sie. Ihr gehe es dabei um die eigene Autonomie und den Anspruch auf Barrierefreiheit. Keinesfalls wolle sie als ein Mensch dargestellt werden, der an seinem Leben nur leidet. Dafür hat Rita Jacobs in ihrem Leben auch schon zu viel erreicht.

Jacobs ist zwar auf einem Auge "vollblind", wie sie sagt, und hat auf dem anderen Auge nur noch eine Restsehfähigkeit von weniger als 5 Prozent. Doch hat sie von Kindesbeinen an gelernt, damit in vielen Bereichen zurechtzukommen. "Ich war schon 1948 mit sechs Jahren in einer integrativen Schulklasse und dort gezwungen, mich zu orientieren und zu behaupten", erinnert sich Rita Jacobs, die von Rostock über Berlin nach Hamburg gelangt war. Dort leitete sie lange Jahre ein Institut für Musiktherapie. Im Alter hat es sie nun an den Bodensee gezogen.

Fußgänger haben es schwer auf dem Parkplatz beim Einkaufszentrum "La Piazza". Für sie gibt es keinen geschützten Bereich. Bild: Hanspeter Walter
Fußgänger haben es schwer auf dem Parkplatz beim Einkaufszentrum "La Piazza". Für sie gibt es keinen geschützten Bereich. | Bild: Hanspeter Walter

"Man sieht quasi mit der Intelligenz", beschreibt Jacobs ihren Alltag. In ihrer gewohnten Umgebung hat sie alles abgespeichert, was sie rudimentär wahrnimmt. In einem neuen Umfeld tue sie sich schwerer. Nur einmal habe sie sich bislang bis zum Einkaufszentrum "La Piazza" vorgewagt. "Doch das ist unmöglich", klagt sie. Nicht nur, dass es keinen Zebrastreifen als sicheren Überweg gibt. "Wenn man sich auf dem Gelände befindet, muss man sich quasi an den parkenden Autos vorbeiquetschen", sagt Rita Jacobs. Dabei gehe es motorisch beeinträchtigten Menschen mit Gehrad nicht besser. "Es kommt doch nicht jeder mit dem Auto hierher", betont sie. Doch für Fußgänger gebe es keine gesicherten Wege, erklärt Jacobs: "Das empört mich einfach." Man sei gezwungen, auf der Fahrbahn zu gehen.

Cornelia Gross von der La Piazza Verwaltungs GmbH versichert: „Wir sind immer offen für Anregungen." Das Einkaufszentrum bestehe jetzt schon seit rund zwei Jahrzehnten, doch eine solche Klage sei ihr bislang nicht zu Ohren gekommen. „Gebäude und Parkplatz sind nach den geltenden Bauvorschriften erstellt worden“, erklärt Gross und für Gehbehinderte gebe es ja den Aufzug, wenn sie die Rolltreppe nicht nutzen könnten. Auf einem Parkplatz dieser Art sei es allerdings kaum möglich, einen eigenen Fußweg auszuweisen. Beim Fußgängerüberweg zum Einkaufszentrum habe sie selbst schon häufig beobachtet, dass Autofahrer anhielten und auch Rücksicht nähmen.

"Fußgänger sind besonders schützenswerte Verkehrsteilnehmer", sagt Carl Heinz Schneider, Verkehrsexperte beim ADAC Südbaden. Dennoch haben sie im Straßenverkehr nicht automatisch Vorrang vor allen anderen, auch nicht auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums. Beim "La Piazza" gelten die Straßenverkehrsordnung und eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf zehn Kilometer pro Stunde, wie auf Schildern vor Ort zu lesen ist. Dabei gehe es vor allem darum, dass Verkehrsregeln eingehalten werden, sagt Schneider – wie zum Beispiel, dass derjenige, der mit seinem Fahrzeug von rechts kommt, durchgelassen werden muss. Parkplätze sind Schneider zufolge nicht mit verkehrsberuhigten Bereichen wie einer Spielstraße zu vergleichen, in der Fußgänger die Straße in ihrer ganzen Breite nutzen können. Juristisch wäre dies nicht haltbar.

Seit vielen Jahren besteht dieser Zebrastreifen zwischen Haus Rengold und dem Hofgut. Da er außerhalb einer geschlossenen Ortschaft verkehrsrechtlich nicht zulässig sei, soll er durch eine zweigeteilte Fußgängerfurt ersetzt werden.
Seit vielen Jahren besteht dieser Zebrastreifen zwischen Haus Rengold und dem Hofgut. Da er außerhalb einer geschlossenen Ortschaft verkehrsrechtlich nicht zulässig sei, soll er durch eine zweigeteilte Fußgängerfurt ersetzt werden. | Bild: Hanspeter Walter

Auch können die Betreiber eines Einkaufszentrums nicht dazu verpflichtet werden, Leitsysteme für Menschen mit Behinderung einzurichten, wie es sie in Städten oder an Bahnhöfen gibt. "Das kann man von einem Supermarkt nicht verlangen", sagt Carl Heinz Schneider. Es handele sich um Privatgelände. Rita Jacobs und andere Beeinträchtigte müssen sich also vorerst weiter mit der jetzigen Situation arrangieren.

 

Neuer Fußgängerüberweg an der Rengoldshauser Straße

Nicht nur die Lage beim "La Piazza" ärgert Rita Jacobs. Die Seniorin stört sich auch daran, dass der Zebrastreifen zwischen dem Seniorenheim Haus Rengold und dem Hofgut Rengoldshausen verschwinden und an anderer Stelle stattdessen eine zweigeteilte Fußgängerfurt gebaut werden soll. "Da müssen die Autos ja nicht anhalten", sagt Jacobs. Beim Zebrastreifen sei das anders. Dort sei sie es gewohnt, sich auf ihr Gehör zu verlassen, sagt die sehbehinderte Frau. Auch der Behindertenbeauftragte der Stadt, Sebastian Dierig, hatte sich kürzlich im Verkehrsausschuss zu Wort gemeldet und sich gegen den Bau der neuen Querungsanlage an der Rengoldshauser Straßen ausgesprochen.

Das Problem: Der dortige Zebrastreifen südlich der Einfahrt verkehrsrechtlich nicht zulässig, da er außerhalb der geschlossenen Ortschaft liegt. Stattdessen soll nördlich der Einfahrt bei der Bushaltestelle ein Verkehrsteiler entstehen. "Mit dem Bau der neuen Querungsanlage statt des Zebrastreifens wäre es gleichzeitig möglich, die vorhandene Bushaltestelle behindertengerecht umzubauen und ein Hochbord vorzusehen", erklärte Helmut Köberlein vom städtischen Tiefbauamt im Ausschuss. Sebastian Dierig machte dagegen den Vorschlag, hier eine Brücke zu bauen wie zur Waldorfschule. "Schließlich kommt hier statistisch alle zehn Sekunden ein Auto", rechnete er vor. Doch dem Ausschuss war diese Lösung zu teuer. Die vorgeschlagene Fußgängerbrücke über die Rengoldshauser Straße hält allerdings auch Rita Jacobs für überflüssig und sagt: „Das ist Oberquatsch.“ Ihr würde der Erhalt des Zebrastreifens gegen die aus ihrer Sicht bürokratischen Einwände genügen. "Das ist ein sehr gut funktionierender Übergang", erklärt Rita Jacobs. (hpw)