Nun machen die Überlinger Schüler Ernst: Zum ersten Mal sind gestern mehr als 300 Jugendliche während der Unterrichtszeit auf die Straße gegangen, um im Rahmen von „Fridays for Future“ für den Klimaschutz zu demonstrieren. Nach 250 Teilnehmer bei der ersten und 100 bei der zweiten Demonstration, marschierte gestern mit über 300 Protestierenden eine neue Rekordzahl friedlich vom Stadtbahnhof auf die Hofstatt, wo die Abschlusskundgebungen gehalten wurden.

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Schule schwänzen um zu protestieren? Diese Frage stellte sich zumindest für die teilnehmenden Schüler der Überlinger Waldorfschule nicht. Aufgrund von Lehrerfortbildungen hatten sie sowieso schulfrei. „Das zeigt doch, wie wichtig uns die Sache ist. Dass wir trotzdem und in unserer Freizeit hier sind“, sagt eine Waldorfschülerin. Unter der Voraussetzung, dass keine Klassenarbeit geschrieben wird, der Stoff nachgeholt wird und eine schriftliche Entschuldigung vorliegt, konnten Schüler des Überlinger Gymnasium an der Demonstration teilnehmen. „Wir wären aber auch hier, wenn wir nachsitzen müssten“, sagt die 14-jährige Nora Pokrop. „Es geht um unsere Zukunft. Wenn keiner was macht, ändert sich nichts“, begründet sie ihre Teilnahme.

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Ähnlich argumentiert Max Kuschel: „Wer soll für uns kämpfen, wenn nicht wir selber?“ Er demonstriert, obwohl ihm für mehrfaches Schulschwänzen bereits die Zahlung eines Bußgeldes angedroht worden sei. Der 17-jährige Schüler besucht die Graf-Soden-Gemeinschaftsschule in Friedrichshafen und geht, wie er sagt, „seit Februar jeden Freitag dahin, wo die großen Demos sind“.

Max Kuschel ist Regelmäßig bei Großdemonstrationen dabei.
Max Kuschel ist Regelmäßig bei Großdemonstrationen dabei. | Bild: Lorna Komm (lko)

Auch Merlin Arnold schwänzt die Schule. „Bei uns haben die Schulleitungen beschlossen, dass sie nicht mitgehen können“, erklärt der Schüler bei den Abschlussreden am Mikrofon. Auch das Thema Klimaschutz werde im Unterricht nicht wirklich behandelt, erzählt er. „Wir müssen in der Freizeit den Stoff nachholen, aber das ist es mir wert“, antwortet der 18-jährige, der das Sozialwissenschaftliche Gymnasium der Bodensee-Schule in Friedrichshafen besucht, auf Nachfrage. Ganz pragmatisch antwortet Organisatorin Giada Marino auf die Frage nach dem Schwänzen: „Die Bahn streikt doch auch nicht in der Freizeit.“

Giada Marino ist eine der Organisatoren der "Fridays for future"-Bewegung in Überlingen.
Giada Marino ist eine der Organisatoren der "Fridays for future"-Bewegung in Überlingen. | Bild: Lorna Komm (lko)

Auf dem Marsch in die Stadt, schlossen sich spontan auch einige Erwachsene an – unter ihnen auch Thomas Mantel. „Ich finde es gut, dass die Jugend zivilen Ungehorsam übt, um Druck auf die Politiker auszuüben“, sagt der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Ruhestand. Außerdem fände er es „toll, wenn sich mehr Senioren solidarisieren würden“. Der ehemalige 68ziger weiß, wovon er redet. „Wir haben damals am Kaiserstuhl ein Atomkraftwerk durch unsere Proteste verhindert“, erzählt er.

Thomas Mantel wünschte sich, dass sich auch Senioren den Protestaktion anschließen.
Thomas Mantel wünschte sich, dass sich auch Senioren den Protestaktion anschließen. | Bild: Lorna Komm (lko)

Dass sie nicht nur protestieren, sondern sich auch aktiv für die Umwelt engagieren wollen, beweisen die Schüler im Anschluss an die Demo. Karol Roller, einer der Organisatoren, ruft seine Mitschüler zum Müllsammeln auf . Ausgerüstet mit großen Müllsäcken ziehen die Jugendlichen gut eine Stunde durch die Gassen der Stadt und klauben auch die kleinsten Zigarettenkippen auf. Auch wenn die Müllsäcke anschließend ins Rathaus gebracht werden, „so soll das nicht heißen, das wir die Verwaltung schlecht finden“, betonte Roller. In seiner Abschlussrede erinnert er nicht nur die Bundes- und Europapolitiker an den Pariser Klimagipfel, sondern stellt auch die kleinen Forderungen an die Verantwortlichen vor Ort vor: "Kostenloser öffentlicher Nahverkehr, eine autofreie Innenstadt und Fahrradstraßen."

In verwinkelten Gassen und auf steilen Treppen: Die Schüler nehmen Klima- und Umweltschutz ernst und sammeln Müll. Hier (von links) Lea Grözinger, Valentina Steurer und Franka Beck.
In verwinkelten Gassen und auf steilen Treppen: Die Schüler nehmen Klima- und Umweltschutz ernst und sammeln Müll. Hier (von links) Lea Grözinger, Valentina Steurer und Franka Beck. | Bild: Lorna Komm
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