Durch die Fenster der Städtischen Galerie „Fauler Pelz“ sieht man den Bodensee in der Sonne glitzern. Das Wetter ist gut, die Luft riecht nach Sommer und eigentlich ruft an diesem Dienstagnachmittag eher die Eisdiele als das Museum. Trotzdem sammelt sich in der Eingangshalle der Städtischen Galerie eine Traube von Besuchern um Thomas Hirthe. Wie jeden Nachmittag bietet der Kunsthistoriker eine Führung durch die Lenkausstellung, die schon seit ihrer Eröffnung Anfang Juni sämtliche Rekorde bricht. 15 000 Besucher werden bis zum 15. Oktober erwartet, an diesem Nachmittag soll der 10 000 Besucher geehrt werden.

Michael Brunner, Leiter des Städtischen Kulturamts und Oberbürgermeister Jan Zeitler haben sich am Eingang der Galerie versammelt, um den Glücklichen willkommen zu heißen. Saga Schwarzenberger und ihr Begleiter Karlos Lentz betreten die Ausstellung und zahlen an der Kasse, wie die 9999 Besucher davor. Dann nimmt sie OB Zeitler Empfang: „Entschuldigung, darf ich Ihnen gratulieren? Sie sind die 10 000. Besucherin.“ Saga Schwarzenberger aus Konstanz kann ihr Glück kaum fassen. Als Geschenk bekommt sie ein Lenk-Original: der Probeabdruck des ersten Modells von Helmut Kohl aus dem Kunstwerk „Züchtigung des Ehrenwortbuben Helmut Kohl durch Justitia“. Ein museales Stück von sehr hohem Wert, das Künstler Peter Lenk ihr aus seiner privaten Sammlung vermacht hat. Für Schwarzenberger ein unverhofftes Glück, denn sie ist bekennender Lenk-Fan. „Lenk ist für mich wie Till Eulenspiegel, er spielt mit seinen Werken ein Spiel vor.“ Sie selbst ist Hobby-Bildhauerin und bewundert Lenks Umgang mit den Materialien.

Saga Schwarzenberger und Karlos Lentz begutachten Lenks Werke in der Städtischen Galerie "Fauler Pelz". "Lenk ist für mich wie Till Eulenspiegel, er spielt mit seinen Werken ein Spiel vor" sagt die 10000. Besucherin und Besitzerin eines Originals.
Saga Schwarzenberger und Karlos Lentz begutachten Lenks Werke in der Städtischen Galerie "Fauler Pelz". "Lenk ist für mich wie Till Eulenspiegel, er spielt mit seinen Werken ein Spiel vor" sagt die 10000. Besucherin und Besitzerin eines Originals. | Bild: Isabella Escobedo

"Der Erfolg der Ausstellung verdeutlicht die Bedeutung der Galerie für diese Stadt", betont OB Zeitler. Überlingen stand im Werben um die Ausstellung in Konkurrenz mit Städten wie München oder Nürnberg, Lenk entschied sich für den "Faulen Pelz". "Überlingen und Lenk, das passt einfach", erklärt Michael Brunner. Dass Peter Lenk nicht nur lokal, sondern auch überregional bekannt ist, kam der Galerie zu Gute. Sie wurde überrollt von einem Erfolg, der beinah die Kapazitäten gesprengt hätte und eine Herausforderung für alle Mitarbeiter bedeutete, wie der Kulturamtsleiter erzählt. Bei einer maximalen Gruppenzahl von 30 Teilnehmern pro Führung mussten Besucher teilweise weggeschickt werden – und das, obwohl Thomas Hirthe die Anzahl der Führungen zuletzt nochmals deutlich erhöht hat. Vor der Kasse bildeten sich teils lange Schlangen und im Gästebuch finden sich auch empörte Einträge über die langen Wartezeiten. Trotzdem sind die meisten Besucher begeistert. "Lieber Peter, mach weiter so!", schreibt ein Besucher im Gästebuch, als "Schluck Freiheit in düsteren Zeiten" beschreibt ein anderer Eintrag die Ausstellung.

Das Städtische Kulturamt Überlingen rechnet zum Ende der Ausstellung am 15. Oktober mit mehr als 15 000 zahlenden Gästen – und damit einem neuen Besucherrekord in der langen Geschichte der Städtischen Galerie seit ihren Anfängen im Jahr 1954. Die Lenk-Ausstellung dürfte, so schätzt Michael Brunner, am Ende deutlich mehr Besucher anlocken als die vergangenen Sonderausstellungen über Edgar Degas (2009) sowie „Wasser in der Kunst. Von Turner bis Nolde“ (2004) und „Rückkehr der Moderne“ (1995).

Obwohl die meisten Besucher ältere Menschen aus der bürgerlichen Mitte seien, empöre sich niemand über Lenks provokante Plastiken, sagt Brunner. Für Hannelore Miller aus Langenargen liegt es daran, dass Peter Lenk trotz aller Übertreibung ein Stück der Realität darstellt. "So ist das nun mal, es ist nicht immer alles schön", sagt sie. Über die Schönheit der Plastik von Helmut Kohls Kopf lässt sich vermutlich auch streiten. Trotzdem weiß Saga Schwarzenberger schon, wo sie die Skulptur hinstellen wird: "Sie bekommt einen Ehrenplatz", sagt Schwarzenberger und schmunzelt.

Das schreibt der Künstler

Zu diesem Anlass des 10 000. Besuchers stiftete Peter Lenk eine kleinformatige Originalfigur. Beim Kunstobjekt handelt es sich um einen vollplastischer Porträtkopf, der Helmut Kohl darstellt. Er steht motivisch im Zusammenhang mit Peter Lenks Figurengruppe mit dem Titel „Züchtigung des Ehrenwortbuben Helmut Kohl durch Justitia“, die seit dem Jahr 2001 in Stockach steht. Seinem Geschenk hat Peter Lenk einen Brief beigelegt, darin heißt es: "Dem 10 000. Besucher soll der Kopf des Ehrenwortbuben Kohl überreicht werden. Mit dem damaligen Spenden- und Justizskandal von 1999 mutierte Deutschland vollends zur Lobby-Republik. Damals begann ich meine Polit-Satiren. Genützt haben sie ebensowenig, wie meine Gasmaskenengel vom Laube-Brunnen vor 25 Jahren, aber es darf wenigstens über die Verantwortlichen gelacht werden. Nichts aber kränkt die Ehrenwerten mehr, als das Gelächter. In diesem Sinne."