So kunterbunt und kreativ kann die Fastnacht sein. Schon am Abend des Schmotzigen Dunnschtig gingen verschiedene Schnurrantinnen und Schnurranten neben Musikgruppen auf Tour und knüpften am Samstag nach dem Hänselejuck nahtlos daran an. Ihre helle Freude hatten die passiveren Gäste und Genießer des Spektakels, die es schließlich auch braucht. Was wäre ein Darsteller ohne ein dankbares Publikum. Das gibt es nicht nur im "Ochsen" an der Fastnacht zur Genüge, "Renker", "Spitalkeller" und "Weinstein" sind weitere gute Adressen für derlei Begegnungen.

Ein Jahrzehnt liege es zurück, beteuern Helga L. Und Elke W., als sie an einem Sommerabend vor der Kakteenanlage bei einem Bier ihre kreativen Gedanken zur nächsten Fastnacht enteilen sahen. Spätestens mit der drohenden ganzjährigen Gefangennahme der stacheligen Gesellen in einem Glashaus war die Zeit für die Sympathisanten gekommen, um "Freiheit für Kakteen" zu fordern. Auch Kakteen sind schließlich Lebewesen.

"Wir haben uns heute extra für die Demonstration rasiert", wenden sich die schlanken Sukkulenten ganz in Grün an das Trio Überlinger Seniorinnen mit Marianne Zugmantel, Doris Bär und Elisabeth Krezdorn. Bisweilen habe es zwar schon der Rebschere bedurft, erfahren die Zuhörer. Kaktus E. packt flugs einen Ableger im Blumentöpfchen samt grüner Nährlösung aus, die die drei Damen vorsichtig testen dürfen. Allerdings nehmen die aalglatten Grünpflanzen den Gönnerinnen das Versprechen ab, die Aufzucht nur unter freiem Himmel auf dem Balkon vorzunehmen. Die drei Kakteenfreundinnen versprechen das nicht nur, sie laden die dürstenden Freiheitskämpferinnen zu einem Getränk ein – wie sich das gehört gegenüber engagierten Schnurrantinnen.

Einfallsreich ist auch bei anderen die Ausgestaltung von Masken, Verkleidung und Utensilien im Detail: Eine Gruppe migrierender Mexikaner um Christiane A. taucht gleich hinter Mauern und Stacheldraht auf, lässt allerdings nichts unversucht, um mit einem Tequila neue Freunde zu gewinnen. Eine klare Flüssigkeit, die ja auch irgendwie mit Kakteenpflanzen zu tun hat.

Aus Horb traf schließlich eine muntere Gruppe von "ZEIT-ler Reisen" ein, die von Koordinator Andrej M. Kaum im Zaum gehalten werden konnte. Darunter der Denkmalpfleger Jürgen H., der sich mit einem überdimensionalen Fußabdruck des ehemaligen Bürgermeisters in Stein gemeisselt Meriten erwerben will. Herta Möschtle – ihres Zeichens Schriftführerin des Verschönerungsvereins und Miss Mittelschwarzwald im Jahr 1982 – hatte gleich einige Mitgärtner im Schlepptau, um in Überlingen Gutes zu tun. Unter anderem mit einigen Baumzwiebeln für unbesägbare Platanen. Ob sie ihrem ehemaligen Horber Helden eine große Freude machten, sei dahingestellt. Fragen konnten sie ihn an diesem Abend allerdings nicht.

Schnurrant(inn)en

Das Infopaket des SÜDKURIER zum Thema Schnurren scheint auf großes Interesse gestoßen zu sein. Schon bei den ersten Umzügen präsentierten sich Jens-Peter Fräntzki und Andreas Pross als Professoren der neuen Fritz-Krefeldt-Schnurranten-Universität und warben für den neuen Studiengang in Schloss Rauenstein. Auf der anderen Seite wollen sich auch die Kreativen unter den Närrinnen und Narren, die sich ihre sprichwörtliche Freiheit nicht nehmen lassen, von einer Doktrin nicht zu sehr eingeschränkt wissen. Es gehe schließlich um das Bewahren einer guten Tradition und nicht um die strikten Regularien. Getreu diesem Geist waren auch viele Schnurrant(inn)en in den letzten Tagen unterwegs und beglückten das Publikum mit humorvollen und klugen Geschichtchen. (hpw)