Ein Glas Rotwein vor der Bettruhe oder ganz klassisch Schäfchen zählen – es gibt einige Ratschläge, die zu schnellerem Einschlafen verhelfen sollen. Aber sind die wirklich hilfreich? Laut einer Studie einer deutschen Krankenkasse haben 80 Prozent der Erwerbstätigen Probleme mit ihrem Schlaf. Deshalb entdecken immer mehr Unternehmerinnen und Unternehmer den Markt für sich.

Müdigkeit durch Schlafhormon

Dazu gehört auch Jan-Frieder Damm. Der Überlinger gründete 2015 gemeinsam mit einem Kommilitonen das Start-Up "sleep.ink" und wohnt und arbeitet seitdem in Berlin. Der Schlafdrink, den sie verkaufen, soll 30 Minuten vor dem Schlafengehen eingenommen werden und die Müdigkeit steigern, um die Einschlafzeit zu verkürzen.

Enthalten sind verschiedene Zutaten wie Agave, Passionsblume oder Sauerkirschsaft. Hauptsächlich in letzterem steckt auch der relevante Wirkstoff Melatonin. Das Schlafhormon wird im menschlichen Körper produziert, sobald es dunkel ist. Das sorgt für die am Abend eintretende Müdigkeit. Morgens, wenn es wieder heller wird, wird die Produktion des Hormons gehemmt.

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Damm wuchs in Überlingen auf, besuchte das Gymnasium und arbeitete ein Jahr lang beim Deutschen Roten Kreuz in Salem und Überlingen. Sein Studium der Philosophie und Volkswirtschaftslehre führte ihn dann nach Bayreuth, wo er am Ende des Studiums mit seinem Kommilitonen Jakob Repp über mögliche Geschäftsideen nachdachte. Schnell brachten sie in der Ernährungsbranche erste Produkte heraus. "Irgendwann rief dann ein Investor an und lud uns nach Berlin ein." Dem Ruf sind sie gefolgt und arbeiten bis heute dort: "Man hat einfach eine andere Infrastruktur, auch was Geldgeber betrifft."

Die Schlafbranche wächst

Das Arbeitsfeld rund um den Schlaf interessierte Damm besonders: "Schließlich schlafen wir ein Drittel unseres Lebens." Bisherige Produkte wie Schlaftabletten oder bestimmte Teesorten hielt er auch nicht für die optimale Lösung. Also arbeitete er sich mit Repp ausgiebig in das Thema ein, las Fachliteratur und traf sich mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. "Das war ein langer Prozess." Und am Ende stand dann "sleep.ink".

Eine Testprobe des Schlafdrinks, die der Redaktion zur Verfügung stand.
Eine Testprobe des Schlafdrinks, die der Redaktion zur Verfügung stand. | Bild: Andreas Strobel

Dass sich viele Start-Ups in Berlin versammeln, sieht Damm aber auch kritisch: "Manche leben da regelrecht in einer Blase." Aus Überlingen weiß er, dass es nicht überall so aussieht wie in Berlin. "Ein Verständnis für kleinere Städte zu haben, ist von Vorteil."

Und auch sonst ist er gerne hier, wenn er zum Beispiel seine Eltern besucht. Er schätzt es, Sport in der Natur rund um Überlingen zu machen und alte Freunde wieder zu treffen. Und gelernt hat er hier auch Einiges, in seiner Zeit beim Rettungsdienst und in seinem Nebenjob als Filmvorführer im Cine-Greth: "Es war damals eine super wichtige Erfahrung, Verantwortung übernehmen zu können."

Konzept soll erweitert werden

Momentan aber ist er mit seinem Start-Up beschäftigt: Das Team soll erweitert werden und eine neue Finanzierungsrunde steht bald auch an. Außerdem will "sleep.ink" das Konzept erweitern: Unter anderem sollen digitale Messwerte dabei helfen, persönliche Empfehlungen zu geben: "Schlaf war schon immer eine individuelle Sache."

Angemessene Preise?

Bei regelmäßiger Einnahme ist "sleep.ink" nicht ganz günstig: Eine Wochenpackung des Schlafdrinks mit sieben Fläschchen à 40 Millilitern und jeweils einem Milligramm Melatonin kostet zur Zeit knapp 20 Euro. "Das ist immer noch billiger als der 'Coffee to go' am Morgen, der ja genauso für den Tag fit machen soll", entgegnet Damm.

Für jemanden, der mit dem Gedanken spielt, selbst ein Unternehmen oder Start-Up zu gründen, hat Damm auch noch einen Tipp parat: "Man kann enorm viel erreichen mit ein bisschen Risiko. Einfach die Sache selbst in die Hand nehmen." Auch woanders hinzuziehen, hält er für eine gute Idee. Ein Unternehmen in Berlin aufzubauen, sei wegen der Strukturen dort einfacher, aber "ich kann mir schon vorstellen, irgendwann wieder in Überlingen zu wohnen."

Schlafforscher: "Es besteht ein relativ starker Placeboeffekt"

Professor Dieter Riemann vom Universitätsklinikum Freiburg sieht die Anwendung melatoninhaltiger Schlafmittel kritisch.
Dieter Riemann ist Professor am Universitätsklinikum Freiburg, Gastprofessor an der Universität Oxford und Herausgeber des "Journal of Sleep Research". | Bild: Britt Schilling

Können melatoninhaltige Mittel grundsätzlich beim Einschlafen helfen?

Laut aktuellen Leitlinien wird Melatonin nicht zur Behandlung von Ein- und Durchschlafstörungen empfohlen. Es besteht allerdings ein relativ starker Placeboeffekt, sodass Betroffene nach der Einnahme eine Besserung des Einschlafens erleben können.

Kann ein Milligramm Melatonin auf 40 Millilitern Schlafdrink überhaupt eine Wirkung erzielen?

Es handelt sich hierbei um den unteren Dosisbereich. Effekte dürften eher gering ausfallen.

Sehen Sie eine Entwicklung des Marktes für Schlafprodukte?

Definitiv! Es besteht aktuell ein großes Interesse an Schlaf und Schlafstörungen.

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