Manch einer hegte seine Zweifel, ob aus ihnen etwas wird: den Abiturienten der 68er-Generation am Gymnasium Überlingen. Bundesweit hatten sie für Aufsehen gesorgt, weil sie neben den Kreuzen in zwei Klassenzimmern Titelseiten mit den Abbildern Mao Zedongs, Rudi Dutschkes und Karl Marx' aufgehängt hatten – ihre Weltanschauung gegen die der Schulleitung, Lehrer und Eltern. Trotz oder wegen Konflikten dieser Art haben sie es später zu Hochschuldozenten, Lehrern, Ärzten, Autoren und vielem mehr gebracht. Auf Einladung des Ehemaligenvereins besuchten 30 von ihnen jetzt das Gymnasium, das damals ein Neubau war. Lothar Fritz, ab Anfang der 70er-Jahre Lehrer am Gymnasium und zwischen 2001 und 2009 Schulleiter, und sein Sohn Sebastian, Abteilungsleiter am Überlinger Gymnasium, übernahmen die Führung durch Aula, Mensa, Klassenzimmer, Bibliothek und Fachräume. Wo Schüler und Lehrer vor 50 Jahren einen teils strengen Umgang miteinander gepflegt hatten, überwog am Samstag die Wiedersehensfreude. "Unsere Klasse ist bis zum heutigen Tage fast eine Freundschaftsgruppe. Sie haben diese Gruppe geschaffen, Courage verliehen und Widerstand gefordert", sagte Thomas Weber, der nach einigen Zwischenstationen wieder nach Überlingen kam, beim Empfang in der Aula.

"Heute passen wir die Schule so an, wie wir es brauchen", sagt Abteilungsleiter Sebastian Fritz. Dazu gehören auch die Räume für das Fach Naturwissenschaft und Technik. In den 60er Jahren war an die Ausstattung von heute noch nicht zu denken. Die 68er, die teils selbst Lehrer wurden, lobten das Spektrum, das am Gymnasium geboten wird.
"Heute passen wir die Schule so an, wie wir es brauchen", sagt Abteilungsleiter Sebastian Fritz. Dazu gehören auch die Räume für das Fach Naturwissenschaft und Technik. In den 60er Jahren war an die Ausstattung von heute noch nicht zu denken. Die 68er, die teils selbst Lehrer wurden, lobten das Spektrum, das am Gymnasium geboten wird. | Bild: Santini, Jenna

Die Schüler legten ihre Abiturprüfungen als erster Jahrgang im neuen Gebäude an der Obertorstraße 16 ab. Mit dem nigelnagelneuen Bau aus Sichtbeton und seinen geraden Gängen konnten einige so gar nichts anfangen. Obwohl Ursula Dauth am Wochenende beim Betreten gleich ein Gefühl der Geborgenheit verspürte, hängt ihr Herz an der Schule am See. "Es ist der Charme des Alten und die Nähe zum See. Hier hatten wir nur das nackte Gebäude", sagte die gebürtige Überlingerin. Eine heimelige Aula mit Treppen zum Sitzen gab es 1968 so noch nicht. Sie sollte erst viele Jahre später entsprechend umgebaut werden. Der Neubau musste mit dem einstigen Schulalltag in direkter Nähe zum Bodensee konkurrieren. "Unser Aufenthaltsraum war immer draußen, an der Promenade", erinnerte sich Dauth bei dem Klassentreffen. Sebastian Fritz, Lehrer der aktuellen Schüler-Generation, zeigte Verständnis: "Sichtbeton und Eiche. Sie waren sicher am Boden zerstört. Heute passen wir die Schule so an, wie wir es brauchen."

Sebastian und Lothar Fritz bilden als Pädagogen ein ganzes Stück Schulgeschichte ab.
Sebastian und Lothar Fritz bilden als Pädagogen ein ganzes Stück Schulgeschichte ab. | Bild: Santini, Jenna

Es gibt einen Anbau, der über eine Brücke erreicht wird, und die Mensa, die im ersten Stock von den Gängen des rechteckigen Baus umgeben ist. Lothar Fritz rief in Erinnerung, dass es an dieser Stelle früher nur verdorrte Sträucher und eine Kiesdecke gegeben hatte. In den Klassenzimmern sind die Wände und Schränke inzwischen weiß, gelb, rot und grün gestrichen. Overheadprojektoren wurden durch modernste Technik ersetzt. Jedes Klassenzimmer verfügt über ein eigenes Soundsystem. "Nur die Fenster, die haben Sie schon auf und zugeschoben", sagte Sebastian Fritz. Mit großem Interesse folgten die Besucher aus Überlingen und ganz Deutschland seinen Ausführungen, wie derzeit am Überlinger Gymnasium unterrichtet wird und wie der Schulcampus in den nächsten Jahren neu entstehen wird. In einem Klassenzimmer nutzten sie die Gelegenheit, um noch mal ihre alten Plätze aufzusuchen – von der ersten bis in die letzte Sitzreihe. Winfried Schafhäutle, der Ende der 60er Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde und Sport am Gymnasium unterrichtete, sagte: "Es war eine schwierige, aber gute Zeit, mit vielen Umbrüchen." Was herauskam, gefällt dem pensionierten Lehrer gut.

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